Freie und Unfreie

 

Die Basis der Gesellschaft bildeten die freien Männer, die karlar. Die meisten von ihnen waren Bauern. Unter ihnen gab es reiche und arme Landbesit­zer, aber auch abhängige Pachtbauern und verarmte Bauern, die kein Land besaßen. Einzelhöfe, welche die ande­ren Höfe einer Siedlung an Größe weit übertrafen, werden als Wohnsitze von Häuptlingen oder anderen einflussreichen und wohlhabenden Persönlichkeiten interpretiert. Obwohl im Prinzip alle freien, waffenfähigen Männer auf dem Thing Versammlungs-und Stimmrecht besaßen, lagen die wichtigen Entscheidungen doch in der Hand einer vergleichsweise kleinen Land besitzenden Oberschicht von Männern. Diese Männer hießen Häuptlinge, Jarle und Könige, auf Island wurden sie Goden genannt. Seit dem 9. Jahrhundert gab es vermehrt auch Händler und Handwerker, die sich an einem der aufblühenden Handelsplätze niederließen. Die niedrigste Klasse in der Gesellschaft waren die Sklaven (thræll), die keinen Grundbesitz und keine Rechte besaßen. Das konnten Männer, Frauen und Kinder aller Gesellschaftsschichten sein, die im Krieg sowie auf Raubzügen zu Wasser und zu Land erbeutet und auf Sklavenmärkten verkauft wor­den waren. Die »prominentesten« in den Sagas erwähnten Sklaven königlichen Geblüts waren die irische Königstochter Melkorka, die mit 15 Jahren in Kriegsgefangenschaft geriet und als Sklavin nach Island kam, und der spätere norwegische König Olaf Tryggvason, der als Dreijähriger von Piraten gekapert und »gegen einen kräftigen und guten Schafsbock« eingetauscht wurde. Sechs Jahre später entdeckte ihn ein Verwandter auf einem Markt und kaufte ihn frei. Sklaven konnten sich auch selbst frei­kaufen oder freigelassen werden. Der Schmied Toke aus Hörning bei År­hus setzte beispielsweise dem Bauern Gudmunsson einen Runenstein zum Gedenken, weil er ihm »Geld und Freiheit schenkte«. Es ist nicht sicher, ob es vor der Wikingerzeit im Norden eine »Klasse« von Unfreien gegeben hat. Möglicherweise entdeckten die Wikinger erst mit den ersten Überfällen gegen Ende des 8. Jahrhunderts, dass Sklaven nicht nur ein lukratives Handelsgut waren, sondern auch nützliche Helfer auf dem hei­matlichen Hof sein konnten, wenn man selbst auf Wikingfahrt war.

 

Familie und Hofgemeinschaft

 

In den Isländersagas des 13. Jahrhunderts werden die Vorfahren der Hauptpersonen bis in die Besiedlungszeit Islands im 9. Jahrhundert aufgezählt. Jeder wikingerzeitliche Mensch kannte seinen Stammbaum. Die Familie oder Sippe war die Grundeinheit der Gesellschaft. Das Ansehen und der damit verbundene Einfluss hingen von Rang, Würde und Besitz der Vorfahren ab. In den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens wie Hoch­zeit, Tod, Erbschaft oder Blutrache lagen alle Rechte und Verpflichtungen bei den Sippenmitgliedern. Einander ebenbürtige Familien stärkten ihre Stellung in der Gesellschaft durch eine gute Ehe. Mit der Heirat wurde der jeweilige Ehepartner allerdings nicht in die angeheiratete Familie überführt er oder sie gehörte nach wie vor zur eigenen Sippe. Die Namensgebung verdeutlicht die starke Rolle der Herkunft: Kinder wurden nach ihrem Vater benannt in seltenen Fällen nach der Mutter, wie es noch heute auf Island gebräuchlich ist: Man war der Sohn oder die Tochter des Vaters: Jon Ólafsson bzw. Astrid Ólafsdóttir; letztere behielt diesen Namen auch, als sie verhei­ratet war. Im Alltagsleben hatte die Sippe für den einzelnen Menschen weniger Bedeutung als die Hofgemeinschaft, in der er lebte. Zu Familienmitgliedern, die an ferneren Orten wohnten, hatte man wenig Kontakt. Die Menschen des Hofes, auf dem man arbeitete und lebte, hatte man dagegen täglich um sich. Frauen, Kinder und Dienstleute standen unter dem Schutz des Hofherrn, der Gesetz und Ordnung garantierte.

 

Frauen und Männer

 

»Eines Frühlings, so wird gesagt, eröffnete Olaf der Thorgerd, daß er nach Norwegen reisen wolle. ‚Ich möchte, daß du für den Hof und die Kinder sorgst.’ Thorgerd sprach, sie halte wenig davon, aber Olaf entgegnete, daß er sich entschlossen habe. Er kaufte ein Schiff, das im Westen, in Vadil, lag. Olaf fuhr im Sommer aus und erreichte mit seinem Schiff Hördaland« (Laxdoela Saga, Kap. 29, Übersetzung von Heinrich Beck).

 

Diese eigentlich unspektakuläre Nebenhandlung aus der Saga von den Leuten aus dem Laxardal zeigt typische Aspekte der Stellung der Frau in Skandinavien: Frauen bewirtschafteten während der oft monate­langen Abwesenheit der Männer die Höfe. War aber ein Mann zugegen, hatte letztendlich er das Sagen. Eine unverheiratete Frau stand unter dem Schutz und der Vormundschaft des Vaters oder der Brüder. Wenn sie verheiratet wurde, kam sie unter den Schutz und die Vormundschaft des Ehemannes.

 

Die Rechte und Pflichten von Frauen und Männern unterschieden sich auf allen Gebieten des Lebens. Von Gleichberechtigung im heutigen Sinne kann man nicht sprechen. Frauen waren für alle Arbeiten im Haus zuständig. Sie versorgten die Gesunden und die Kranken. Die Frau des Bauern, die húsfreyja, hatte als Hausherrin eine privilegierte Stellung. Symbol für ihre Stellung war der Schlüsselbund, der ihr überreicht wurde, wenn sie als Ehefrau auf den Hof kam. Diese Schlüssel gehörten zu den Truhen mit persönlichen Kostbarkeiten sowie zur Speisekammer. Den Schlüssel trug die Hofherrin am Gürtel oder so er kunstvoll gefertigt war als Schmuck deutlich sichtbar auf der Brust. Im Haus hatte sie das Sagen.

 

Die Männer waren für den Hausbau und die außerhalb des Hofes an­fallenden Tätigkeiten zuständig. Der bonde war der Hofbesitzer. Er repräsentierte die Familie und die Hofgemeinschaft in allen öffentlichen Angelegenheiten. Es waren Männer, welche die Verhandlungen auf dem Thing führten, Gesetze verhandelten, Urteile fällten, Absprachen trafen mit Fremden über Kauf und Verkauf, Frieden und Krieg. Männer handelten auch die Eheverträge und die Höhe des Brautgeldes aus. Erst unter dem Einfluss der Christianisierung wurde das Einverständnis der Braut Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe.

 

Die Frau hatte das Recht, sich scheiden zu lassen, wenn ihr Ehemann die Familie nicht ernähren konnte oder sie schlecht behandelte. Sie wurde hierbei von einem männlichen Familienmitglied, beispielsweise von ihrem Vater, vertreten. Frauen werden erstaunlich häufig in Runeninschriften genannt, meist im Zusammenhang mit einem Gedenkstein, den sie für ihren verstorbenen Mann setzten. Den Stein von Dynna in Opland / Norwegen setzte um 1040 eine Frau für eine andere Frau: »Gunnvor, Trydriks Tochter, erbaute die Brücke zum Gedenken an Astrid, ihre Tochter«. Der Bau einer Brücke sowohl durch Männer als auch durch Frauen – wird auf zahlreichen Steinen erwähnt. Eine außergewöhnliche Frau muss Ingerun gewesen sein, die eine Runeninschrift im vorsorglichen Geden­ken an sich selbst in Auftrag gab. Auf der Steinplatte von Stäket (Schweden) ist zu lesen: »Sie will nach Osten fahren und hinaus nach Jerusalem«. Offen­bar war sie nicht sicher, ob sie von ihrer Pilgerreise zurückkehren würde. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

 

Frauen wurden wie Männer ihrem Rang entsprechend bestattet. Reich ausgestattete Frauengräber wie im Grabhügel von Oseberg offenbaren das hohe gesellschaftliche Ansehen der Bestatteten. Frauen, deren Ehemän­ner starben, fielen nicht wieder unter die Vormundschaft eines Mannes, sondern durften ihr Leben nach eigenem Willen einrichten, sich nach Belieben wieder verheiraten, wobei allerdings das Einverständnis der männlichen Verwandten erwünscht war.

 

Aud die Tiefsinnige bietet das bekannteste Beispiel für eine Witwe, die mit Energie, Klugheit und Tapferkeit ihr Leben selbst bestimmte. Ihre Geschichte wird im isländischen Landnahmebuch wie auch in der Laxdoela Saga darin wird sie Unn genannt erzählt. Sie war die Tochter des mächtigen norwegischen Wikingers Ketil Flachnase, der mit seiner Fami­lie vor der tyrannischen Herrschaft Harald Schönhaars auf die Hebriden geflohen war, von wo aus die männlichen Familienmitglieder tatendurstig Wikingeraktivitäten nachgingen. Nachdem Auds Mann in Irland und

 

Auszug aus: „300 Jahre Wikinger, Waräger und Normannen“, um 1100, Heiliger Aubin, images.buch.de/leseproben/527/221/89_9783806221527.pdf