Wie ein Vorposten liegt die etwa einen Meter hohe Kuppe aus Kies, Geröll, Schlick, Sand vor der Nordseeküste, ständig vom Wind umtost und bedrängt von der Naturgewalt des Meeres. Um das Jahr 50 v. Chr. ersteigen einige Männer deren Böschung. Sie müssen eine schicksalhafte Entscheidung treffen; eine, mit der sie eines Tages möglicherweise ihre gesamte Habe aufs Spiel setzen und sogar das Leben ihrer Familien. Sie versuchen zu erkunden, ob der einsame Vorposten am Meer geeignet ist, um sich dort dauerhaft niederzulassen. Weit spannt sich der Himmel über ihren Köpfen und dem flachen Land ringsum: Im Nordwesten, gleich vor dem Brandungswall liegt das Watt. Dahinter schimmert das Meer, schlagen weiß die Wellen auf.

 

Seit Urzeiten schon treibt es sein unberechenbares Spiel mit der Küste zwischen Elbe- und Wesermündung. Einige Kilometer im Rücken der Männer beginnt das schon seit Jahrhunderten besiedelte Hinterland, die unfruchtbare Geest: Dort wachsen Heidekräuter und Kiefernwälder auf sandigem Boden, Moore dampfen. Eine karge Region, ohne größere Weiden für das Vieh, ohne gute Erde zum Feldanbau. Doch davor haben Meer und Fluss fruchtbares Marschland geschaffen. Einen Streifen, 16 Kilometer lang von Nord nach Süd und etwa anderthalb Kilometer breit. Denn einst stieß die Nordsee bis an die Geest. Dann wieder zog sie sich für Jahrhunderte zurück. Der Küstensaum verlandete, Moore entstanden, Torfboden wuchs an.

 

Bis das Meer erneut vorrückte, den Torf mit Sand und Schlick überspülte. Als die Wasser danach abermals zurückwichen, ließen sie jenen Streifen sumpfigen Marschlandes zurück, der mit der Zeit fester wurde und sich begrünte. Nur ein schmaler Meeresarm zieht sich nun durch die Niederung bis zum Rand der Geest. Und fast überall ist die Marsch geschützt durch einen natürlichen Deich: Die Brandung hat ihn aus Kies und Geröll aufgeworfen. Auf diesem Wall, am Rande des erst vor einigen Jahrzehnten vom Meer freigegebenen Neulandes, stehen die Pioniere. Niemand von ihnen vermag zu sagen, ob das Meer den schmalen Streifen nicht bald wieder verschlingen wird. Der Brandungswall ist nicht überall geschlossen. Mit jeder Flut strömt brackiges Wasser in die Rinne und Priele, die die Marsch durchziehen. Nur bis zu den hohen Uferrücken der Priele steigt es nicht. Dort liegen Böden, auf denen Ackerpflanzen gedeihen können. Tiefer erstrecken sich Wiesen und gute Weiden für Rinder und Schafe. Fettes Land.

 

Auszug aus:GEO- EPOCHE, Die Germanen, S. 104 ff.