Im 19. Jh. beschäftigten sich viele Künstler mit den Jenseitsvorstellungen alter Völker. Weil über den Glauben in germanischer Frühzeit wenig bekannt war, schöpften sie aus der reichen Sagenwelt der Wikinger: Denn die stammten von den Germanen ab - und bei ihnen herrschten Götter, denen auch die heidnischen Stämme Mitteleuropas folgten. Nur selten legten die Germanen die Leichname ihrer Verstorbenen in Gräber - die meisten Stämme verbrannten ihre Toten: Vermutlich glaubten die Germanen auf ein Fortleben nach dem Tod und versorgten die Verblichenen deshalb mit Proviant für die Reise ins Jenseits. Gefallene Männer, so glaubten später die Wikinger, lebten in Walhall fort - einem paradiesischen Ort für Krieger. Dazu gibt es einen Holzstich nach einem Gemälde von Georg Urlaub, 1890.

 

Die Menschen schickten den Göttern Pferde in die Jenseitswelt. Und beteten zu Wotan, dem Heilergott, wenn die Tiere im Diesseits erkrankten. Zu Ehren der Götter schlachteten die Gläubigen Rinder, Schafe und Pferde und befestigten Schädel, Knochen und Häute nach dem gemeinsamen Opfermahl an Stangen im Moor: Gaben für die höheren Mächte wie ein Holzstich von Friedrich Hottenroth 1875 zeigt. Als Götterfürsten, Heiler von Menschen und Tieren sowie als Gott der Toten verehrten die Menschen Wotan, den die skandinavischen Germanen und später die Wikinger Odin nannten. Auf dem von Richard Wagners Oper >>Der Ring des Nibelungen<< inspirierten Bild verabschiedet er sich von seiner Tochter Brünhild. Die Mondphasen bestimmten wann die Germanen ihre Feste feierten. Und weise Frauen, wann die beste Zeit für einen Krieg gekommen war. Weissagerinnen wurden von den Germanen fast wie Göttinnen verehrt. So berichtet der römische Chronist Tacitus von der Seherin Veleda, die germanische Häuptlinge vor den Schlachten gegen die Römer befragten. Ob die Germanen Sonnenwendfeiern kannten, wie sie für andere Völker überliefert sind, ist nicht sicher. Ihr Jahr berechneten sie jedenfalls nach dem Lauf des Mondes was ein Holzstich nach einer Zeichnung von Ferdinand Lindner, 1893 zeigt. Honigwein aus Trinkhörnern und regelmäßige Kämpfe: Die Wikinger glaubten an das Kriegerparadies Walhall, die Halle der Gefallenen.

 

Während sich die Germanen das Totenreich wahrscheinlich als düstere Schattenwelt vorstellten, galt den Wikingern Walhall, die Heimstatt der gefallenen Krieger als Stätte ewiger Freude, in der Frauen die verstorbenen Helden mit Met in Trinkhörnern begrüßten, was ein Holzstich von Friedrich Hottenroth um 1890 zeigt. Stärker als alle irdischen Krieger war der blitzeschleudernde Donnergott Thor: Auf seinen von Ziegen gezogenen Wagen rang er Riesen und Ungeheuer nieder. Die Wallküren sagten Kämpfern den nahenden Tod voraus - und führten all jene Männer nach Walhall, die im Krieg ihren Mut bewiesen hatten. Die Wikinger glaubten an Wallküren - mit Speer und Schild, Helm und Brünne angetane Dienerinnen des Gottes Odin, die auf Pferden über die Schlachtfelder jagten und ausgewählte gefallene Krieger nach Walhall brachten, wie ein Holzstich nach einer Zeichnung von Friedrich Hottenroth 1875 zeigt. Die Germanen der Frühzeit vertrauten aber auch im Diesseits auf weiblichen Schutz: Sie trugen Amulette mit Frauenfiguren und stellten Weihesteine für weibliche Ahnen auf.

 

Auszug aus:GEO-EPOCHE, Die Germanen, S. 86 ff.