Das reizvolle kleine Lied gibt uns einen einzelnen Auftritt aus dem Weltendrama: Angeregt ist es wohl durch der Seherin Gesicht, woraus es, wie auch aus dem Thrymlied,e in Gesätz fast wörtlich übernommen hat: Odin reitet zur Grenze des Totenreichs, um eine Wölwa aus dem Grabhügel zu beschwören; dass grade Tote die Zukunft künden könnten, war alter Volksglaube. Die Wölwa weissagt den schwersten Verlust für die Götter, den Tod Balders, aber auch die Rache hierfür; Die Schlussfrage bleibt uns dunkel: Die letzten Worte der Seherin weisen auf die Götterdämmerung.

 

Genzmer

 

1 Die Asen eilten alle zum Thing und die Asinnen alle zum Rat; und das berieten die reichen Götter, warum Balder Böses träume.

 

2 Auf stand Odin, der alte Held, und legte Sleipnir den Sattel auf. Nieder ritt er nach Nifelheim; einen Hund traf er, der aus der Höhle kam.

 

3 Blutig war er an der Brust vorne, des Zaubers Herrn um heult er lange: Der Ritt weiter, der Weg dröhnte; zum hohen Haus der Hel kam er.

 

4 Da ritt Odin ostwärts vors Tor, dort wo er wusste der Wölwa Hügel: Ein Wecklied sang er der Weisen da, bis auf sie tauchte, Totenwort sprach:

 

5 Wer ist der Mann, mir unbekannt, der mir vermehrt mühevollen Weg? Regen schlug mich, bereift war ich und taubetrüft: tot war ich lange.

 

6 Odin: Wegtam heiß ich, bin Waltams Sohn. Sprich von der Tiefe, vom Tag will ich´s! Wem sind die Sitze besät mit Ringen und strahlt die Bank, bestreut mit Gold?

 

7 Die Seherin: Für Balder steht hier gebraut der Met, schimmernder Trank, der Schild liegt drauf: Unheil ahnen Asensippen. Genötigt sprach ich; nun will ich schweigen.

 

8 Odin: Schweig nicht, Wölwa! Ich will dich fragen, bis alles ich weiß; weiter sag mir: wer wird Balders Blut vergießen, das Alter enden Odins Söhne?

 

9 Die Seherin: Hödur bringt her den hohen Ruhmsproß; er wird Balders Blut vergießen, das Alter enden Odins Söhne. Genötigt sprach ich: nun will ich schweigen.

 

10 Odin: Schweig nicht, Wölwa! Ich will dich fragen, bis alles ich weiß; weiter sag mir: wer heischt Rache für Hödurs Tat, bringt zum Brandstoß Balders Mörder?

 

11 Die Seherin: Rinda im Westsaal Wali gebiert: nicht wäscht er die Hand, nicht kämmt er das Haar, bis Balders Feind auf dem Brandstoß liegt: Genötigt sprach ich; nun will ich schweigen.

 

12 Odin: Schweig nicht Wölwa! Ich will dich fragen bis alles ich weiß; weiter sag mir: welche Mädchen weinen gerne, werfen gen Himmel die Halslinnen?

 

13 Die Seherin: Nicht Wegtam bist du, wie ich meinte: Odin bist du, der alte Held!

Odin: Keine Wölwa bist du, keine weise Frau; drei Thursen sind die Töchter dein!

 

14 Die Seherin>Reit nun heimwärts! Des Ruhmers sei froh! So komme künftig keiner mir nah, bis Loki den Leib löst aus Banden und der Rater Schicksal zerschmetternd naht!

 

Anmerkung:

 

2 Nifelheim, Nebelheim, ein Name der Hel, des Totenreichs. 3 (Zu Odin als Herrn der Zaubers sieh Nr. 25. 6 Wegtam >der Weggewohnte<Waltam >der Schlachtgewohnte<. Vgl. zu Nr. 6 Str. 22 Also: zu wessen Empfang ist der Saal der Hel geschmückt? 9 (1) >her<,d.h. in die Hel. Nach Snorris Darstellung tötet der blinde Gott Hödur seinen Bruder Balder durch den Schuss mit dem Mistelzweig. 11 (2) Odin zeugt mit der Riesin Rinda den Rächer Wali; dieser schreitet, einen Tag alt, zur Tat: dies drückt Z. 3,5 plastisch aus: Der Urtext enthält vor diesen noch die beiden Strophen überfüllenden Zeilen: >Der Odins Sohn einnächtig kämpft.< 12 (5- Odin kleidet die letzte Frage >Wer wird Balder beweinen?< In die Gestalt eines Rätsels, sehr ähnlich den Rätselfragen in Nr. 24 Str. 18-24. Das Rätsel soll für die Riesin und uns, unlösbar sein; der Gedanke ist, dass die Seherin an dieser geheimnisvollen Frage den Odin erkennt. 14 (5-Das Loskommen des gefesselten Loki eröffnet den Götteruntergang, >der Rater Schicksal<.

 

Auszug aus:Die Edda von Felix Genzmer: Götterdichtung 4. Balders Träume