Thors >Ostfahrten< die Zuge ins Riesenland waren der ausgiebigste Stoff der Mythendichter: Der gewohnte Schluss dieser Abenteuer war, dass der Gott mit seinem Hammer die Riesen zusammenschmetterte. Das Besondere an unserer Thrymgeschichte ist nun aber: Thor hat diesmal seine Waffe nicht. So muss man das Ziel mit List erreichen und dafür braucht Thor die Leitung klügerer Mitgötter, Lokis, Heimdalls. Es ist eine Verkleidungslist: wie der gewaltige Rotbart als liebreizende Braut vermummt wird und wie er dann auf der Hochzeit gar so sehr aus der Rolle fällt, dies malt unser Dichter mit behagen aus.

 

Heusler

 

1: Grimm war da Wingthor, als er erwachte und umsonst seinen Hammer suchte: er schwang das Haar, er schwenkte den Bart, jäh griff um sich der Jörd Sprössling.

 

2: Und also war sein erstes Wort: >Lausche, was ich, Loki, dir sage, was niemand noch vernahm auf Erden, noch auf Himmels Höhn: mein Hammer ist gestohlen! <

 

3: Sie schritten zu Freyjas schönem Hofe, und also war sein erstes Wort: >Leih mir, Freyja, dein Federkleid, dass meinen Hammer ich holen kann! <

 

4: Freyja:> Dir wollt ich´s geben, ob´s auch golden wäre; dein sollt es sein, wenn es silbern wäre. <

 

5: Es flog Loki, die Federn rauschten, bis hinter ihm lag das Heim der Asen und vor ihm lag die Flur der Riesen.

 

6: Auf dem Hügel saß Thrym, der Thursen König: er band den Bracken Bänder von Gold und strich den Mähren die Mähnen glatt.

 

7: Thrym:> Was gibt´s bei den Asen? Was gibt´s bei den Alben? Was trieb dich allein nach Thursenheim? < Loki>Schlimm geht´s den Asen! Schlimm geht´s den Alben! Hast du verhohlen den Hammer Thors? <

 

8: Thrym:> Verhohlen hab ich den Hammer Thors unter der Erde wohl acht Meilen. Wieder heimwärts holt ihn niemand, führt man als Frau mir Freyja nicht her.<

 

9: Es flog Loki, die Federn rauschten, bis hinter ihm lag das Heim der Riesen und vor ihm lag die Flur der Asen. Draußen traf er Thor im Hofe, und also war sein erstes Wort:

 

10: >Ward dir Wissen, das wert der Müh? Sag aus der Luft langen Bericht! Das Sagen versiegt dem Sitzenden oft; Lügen bringt leicht der Liegende vor. <

 

11: Loki>Wissen ward mir, das wert der Müh: Thrym hat den Hammer, der Thursen König. Wieder heimwärts holt ihn niemand, führt man als Frau ihm Freyja nicht hin. <

 

12: Sie schritten hin zur schönen Freyja, und also war sein erstes Wort: >Binde dich, Freyja mit Brautlinnen! Wir reisen zu zweit nach Riesenheim. <

 

13: Grimm ward da Freyja, grollend schnob sie, der ganze Saal der Götter bebte, hinsprang der Breite Brisingenschmuck: >Die mannstollste müßte ich sein, reist ich mit dir nach Riesenheim! <

 

14: Die Asen eilten alle zum Thing und die Asinnen alle zum Rat; und das berieten die reichen Götter, wie heim sie holten den Hammer Thor.

 

15: Da sprach Heimdall, der hellste Gott - er wusste die Zukunft den Wanen gleich:

 

16: >Binden wir Thor mit Brautlinnen! Er trage den breiten Brisingenschmuck. Lassen wir Schlüssel am Leib ihm klirren und Frauenkleider aufs Knie fallen und breite Steine auf der Brust liegen, türmen wir hoch den Hauptschmuck ihm!<

 

17: Da sagte Thor, der trotzstarke: >Weibusch nennen mich Wanen und Asen, laß ich mich binden mit Brautlinnen. <

 

18: Da sprach Loki, der Lafey Sohn: >Solche Sprache spare dir Thor! Bald sitzen Riesen im Ratersaal, holst du nicht heim den Hammer dir. <

 

19: Sie banden Thor mit Brautlinnen und mit dem breiten Brisingenschmuck. Sie ließen Schlüssel am Leib ihm klirren und Frauenkleider aufs Knie fallen und breite Steine auf der Brust liegen und türmten hoch den Hauptschmuck ihm.

 

20: Da sprach Loki, der Laufey Sohn: >Ich will bei dir als Dienerin sein; wir reisen zu zweit nach Riesenheim. <

 

21: Bald waren heim die Böcke getrieben, an die Sielen geschirrt, sie sollten rennen. Berge barsten, es brannte der Grund: aus fuhr da Thor nach Thursenheim.

 

22: Da sagte Thrym, der Thursen König: >Stehet nun auf, bestreut die Bänke! Führt mir als Frau nun Freyja her, des Njörd Tochter aus Noatun!

 

23: Zum Hof gehn hier Kühe, die Hörner golden, rabenschwarze Ochsen, dem Riesen zur Lust; hab vielen Schmuck, hab viele Schätze, Freyja allein fehlte mir noch. <

 

24: Man fand zu Abend dort früh sich ein; herbeigebracht ward das Bier dem Riesen. Einen Ochsen aß er und acht Lachse, alles Bachwerk, gebracht den Frauen, es trank da Thor drei Tonnen Met.

 

25: Da sagt Thrym, der Thursen König: >Wo schautest du Bräute schärfer beißen? Nie sah ich Bräute breiter beißen noch auch mehr Met eine Maid trinken.<

 

26: Da war nicht weit die gewitzte Magd auf des Riesen Rede fand rasch sie ein Wort: >Nichts aß Freyja acht Nächte lang: so sehnte sie sich nach dem Saal Thryms. <

 

27: Unters Linnen lugte er, lüstern zu küssen: einen Satz tat er den Saal entlang:> Wie furchtbar sind Freyjas Augen! Wie Feuer flammt es aus Freyjas Blick! <

 

28: Da war nicht weit die gewitzte Magd auf des Riesen Rede fand rasch sie ein Wort: >Nicht schlief Freyja acht Nächte lang; so sehnte sie sich nach dem Saal Thryms. <

 

29: Herein kam die arme Riesenschwester, die um Brautgabe bitten wollte: >Die roten Ringe reich mir vom Arm, willst du meine Minne haben, meine Minne und meine Huld! <

 

30: Da sagte Thrym, der Thursen König: >Bringt den Hammer, die Braut zu weihn! Leget Mjöllnir der Maid in den Schoß! Mit der Hand der War weiht uns zusammen! <

 

31: Das Herz im Leib lachte da Thor, als der hartgemute den Hammer sah: erst traf er Thrym, der Thursen König; der Riesen Geschlecht erschlug er ganz.

 

32: Er schlug auch die arme Schwester der Riesen, die Brautgabe erbeten hatte: Schellen bekam sie statt Schillinge und Hammerhiebe statt heller Ringe. So holte Thor den Hammer zurück.

 

Anmerkungen

 

12 (3-4) Loki redet. 13 (6) Das kostbare Halsband, das bald in Freyjas, bald in Friggs Besitz ist. 22 (4) Im wirklichen Leben bestreute man mit Wacholder oder ähnlichem, mythisch auch mit kostbaren Ringen s. Nr. 4 Str. 6. 30 (3-6) Diese Zeremonie ist sonst nicht bekannt, doch sieht sie nach Altertum aus. Vortrefflich begründet es damit der Dichter, dass der Hammer vor der Entlarvung des Betruges in Thors Hand kommt. 32 5,6) Auch im Urtext ein Wortspiel.

 

Auszug aus: Die Edda von Felix Genzmer: Götterdichtung 6: Das Thrymlied