Die ältere Edda, Heldensagen

 

Völundarkvida-Das Lied von Wölund

Helgakvida Hjörvardssonar-Das Lied von Helgi dem Sohne Hiörwards

Helgakvida Hundingsbana in fyrri-Das erste Lied von Helgi dem Hundingstöter

Helgakvida Hundingsbana önnur-Das andere Lied von Helgi dem Hundingstöter

Sinfiötlalok-Sinfiötlis Ende

Sigurdharkvida Fafnisbana fyrsta edha Grîpisspâ-Das erste Liedvon Sigurd dem Fafnirstöter

Sigurdharkvida Fafnisbana önnur-Das andere Liedvon Sigurd dem Fafnirstöter

Fafnismal-Das Lied von Fafnir

Sigrdrifumal-Das Lied von Sigdrifa

Brot af Brynhildarkvidu-Bruchstück einesBrünhildenliedes

Sigurdarkvida Fafnisbana thridja-Das dritte Liedvon Sigurd dem Fafnirstöter

Helreidh Brynhildar-Brünhildens Todesfahrt

Gudrunarkvida fyrsta-Das erste Gudrunenlied

Drap Niflunga-Mord der Niflunge

Gudrunarkvida önnur-Das andere Gudrunenlied

Gudrunarkvida thridja-Das dritte Gudrunenlied

Oddrunargratr-Oddruns Klage

Atlakvida-Die Sage von Atli

Atlamal in Groenlenzku-Das Lied von Atli

Gudrunarhvot-Gudruns Aufreizung

Hamdismal-Das Lied von Hamdir

Grotta songr-Das Mühlenlied

Solarliod-Das Sonnenlied

 

 

 

Völundarkvida .

 

Das Lied von Wölund

 

Nidud hieß ein König in Schweden. Er hatte zwei Söhne und eine Tochter; die hieß Bödwild. Drei Brüder waren Söhne des Finnenkönigs; der eine hießSlagfid, der andere Egil, der dritte Wölund. Die schritten auf dem Eise undjagten das Wild. Sie kamen nach Ulfdalir (Wolfstal) und bauten sich daHäuser. Da ist ein Wasser, das heißt Ulfsiar (Wolfssee). Früh am Morgen fanden sie am Strand drei Frauen, die spannen Flachs; bei ihnen lagen ihreSchwanenhemden; es waren Walküren. Zwei von ihnen waren TöchterKönig Hlödwers: Hiadgud Swanwit (Schwanweiß) und Herwör Alwit (Allweiß); aber die dritte war Aelrun, die Tochter Kiars von Walland. Die Brüder führten sie mit sich heim. Egil nahm die Aelrun, Slagfid die Swanwit und Wölund die Alwit. Sie wohnten sieben Winter beisammen: da flogen die Frauen davon, Kampf zu suchen, und kamen nicht wieder. Da schritt Egil aus, die Aelrun zu suchen, und Slagfid suchte Swanwit; aber Wölund saß in Ulfdalir. Er war der kunstreichste Mann, von dem man in alten Sagen weiß. König Nidud ließ ihn handgreifen, so wie hier besungen ist.

 

1 Durch Myrkwid flogen Mädchen von Süden, Alwit die junge, Urlog (Schicksal, Kampf) zu entscheiden. Sie saßen am Strande der See und ruhten; Schönes Linnen spannen die südlichen Frauen.

 

2 Ihrer eine hegte sich Egiln, Die liebliche Maid, am lichten Busen; Die andre war Swanwit, die Schwanfedern trug (Um Slagfid schlang sie die Hände); Doch die dritte, deren Schwester, Umwand Wölunds weißen Hals.

 

3 So saßen sie sieben Winter lang; Den ganzen achten grämten sie sich Bis im neunten die Not sie schied: Die Mädchen verlangte nach Myrkwid; Alwit die junge wollt Urlog treiben.

 

4 Hladgud und Herwör stammten von Hlödwer; Verwandt war Aelrun, die Tochter Kiars. Die schritt geschwinde den Saal entlang, Stand auf dem Estrich und erhob die Stimme: "Sie freuen sich nicht, die aus dem Forste kommen."

 

5 Von Waidwerk kamen die wegmüden Schützen, Slagfid und Egil, fanden öde Säle, Gingen aus und ein und sahen sich um. Da schritt Egil ostwärts Aelrunen nach Und südwärts Slagfid Swanwit zu finden.

 

6 Derweil im Wolfstal saß Wölund, Schlug funkelnd Gold und festes Gestein

Und band die Ringe mit Lindenbast. Also harrt er seines holden Weibes, wenn sie ihm wieder käme.

 

7 Das hörte Nidud, der Niaren Drost, Daß Wölund einsam in Wolfstal säße. Bei Nacht fuhren Männer in genagelten Brünnen; Ihre Schilde schienen wider den geschnittnen Mond.

 

8 Stiegen vom Sattel an des Saales Giebelwand, Gingen dann ein, den ganzen Saal entlang. Sahen am Baste schweben die Ringe, Siebenhundert zusammen, die der Mann besaß.

 

9 Sie bänden sie ab und wieder an den Bast, Außer einem, den ließen sie ab. Da kam vom Waidwerk der wegmüde Schütze, Wölund, den weiten Weg daher.

 

10 Briet am Feuer der Bärin Fleisch: Bald flammt am Reisig die trockne Föhre,

Das winddürre Holz, vor Wölund.

 

11 Ruht auf der Bärenschur, die Ringe zählt er, Der Alfengesell: einen vermißt er,

Dachte, den hätte Hlödwers Tochter: Alwit die holde war heimgekehrt.

 

12 Saß er so lange bis er entschlief: Doch er erwachte wonneberaubt. Merkt harte Bande sich um die Hände, Fühlt um die Füße Fesseln gespannt.

 

13 "Wer sind die Leute, die in Bande legten Den freien Mann? Wer fesselte mich?"

 

14 Da rief Nidud, der Niaren Drost: Wo erwarbst du, Wölund, Weiser der Alfen, Unsere Schätze in Ulfdalir? Wölund:

 

15 Hier war kein Gold wie auf Granis Wege, Fern ist dies Land den Felsen des Rheins. Mehr der Kleinode mochten wir haben, Da wir heil daheim in der Heimat saßen. König Nidud gab seiner Tochter Bödwild den Goldring, den er vom Baste gezogen in Wölunds Haus; aber er selber trug das Schwert, das Wölund hatte. Da sprach die Königin:

 

16 Er wird die Zähne blecken vor Zorn, erkennt er das Schwert Und unsers Kindes Ring. Wild glühn die Augen dem gleißenden Wurm. So zerschneidet ihm der Sehnen Kraft Und laßt ihn sitzen in Säwarstad. So wurde getan, ihm die Sehnen in den Kniekehlen zerschnitten und er in einen Holm gesetzt, der vor dem Strande lag und Säwarstad hieß. Da schmiedete er dem König allerhand Kleinode, und niemand getraute sich, zu ihm zu gehen als der König allein. Wölund sprach:

 

17 "Es scheint Nidudern ein Schwert am Gürtel, Das ich schärfte so geschickt ich mochte, Das ich härtete so hart ich konnte. Dies lichte Waffen entwendet ist mir's: Säh ich's Wölundern zur Schmiede getragen!

 

18 Bödwild trägt nun meiner Getrauten Roten Ring: rächen will ich das!" Schlaflos saß er und schlug den Hammer; Trug schuf er Nidudern schnell genug.

 

19 Liefen zwei Knaben, lauschten an der Türe, Die Söhne Niduds, nach Säwarstad; Kamen zur Kiste den Schlüssel erkundend; Offen war die üble, als sie hineinsahn.

 

20 Viel Kleinode sahn sie, die Knaben daucht es Rotes Gold und glänzend Geschmeid. "Kommt allein, ihr zwei, kommt andern Tags, So soll euch das Gold gegeben werden.

 

21 Sagt es den Mägden nicht noch dem Gesinde, Laßt es niemand hören, daß ihr hier gewesen." Zeitig riefen die Zweie sich an, Bruder den Bruder: "Komm die Brustringe schaun!"

 

22 Sie kamen zur Kiste die Schlüssel erkundend;Offen war die üble, da sie hineinsahn. Um die Köpfe kürzt er die Knaben beide; Unterm Fesseltrog barg er die Füße.

 

23 Aber die Schädel unter dem Schopfe Schweift er in Silber, sandte sie Nidudern. Aus den Augen macht er Edelsteine, sandte sie der falschen Frauen Niduds.

 

24 Aus den Zähnen aber der Zweie Bildet er Brustgeschmeid, sandt es Bödwilden

Da begann den Ring zu rühmen Bödwild; Sie bracht ihn Wölundern, da er zerbrochen war: "Keinem darf ich's sagen als dir allein."

Wölund:

 

25 Ich beßre dir so den Bruch am Goldring, Deinen Vater dünkt er schöner, Deine Mutter merklich besser; Aber dich selber noch eben so gut. -

 

26 Er betrog sie mit Met, der schlauere Mann; In den Sessel sank und entschlief die Maid. "Nun hab ich gerochen Harm und Schäden Alle bis auf einen, den unheilvollen."

 

27 "Wohl mir", sprach Wölund: "war ich auf den Sehnen, Die mir Niduds Männer nahmen." Lachend hob sich in die Luft Wölund; Bödwild wandte sich weinend vom Holm Um des Friedels Fahrt sorgend und des Vaters Zorn.

 

28 Außen stand Niduds arges Weib, Ging hinein den ganzen Saal entlang; - Auf des Saales Sims saß er, und ruhte - "Wachst du, Nidud, Niaren Drost?" - Nidud:

 

29 Immer wach ich, wonnelos lieg ich, Mich gemahnt's an meiner Söhne Tod. Das Haupt friert mir von deinen falschen Räten: Nun wollt ich wohl mit Wölund rechten:

 

30 Bekenne mir, Wölund, König der Alfen, Was ward aus meinen wonnigen Söhnen?

Wölund:

 

31 Erst sollst du alle Eide mir leisten, Bei Schwertes Spitze und Schiffes Bord, Bei Schildes Rand und Rosses Bug,

 

32 Daß du Wölunds Weib nicht tötest, Noch meiner Braut zum Mörder werdest, Hätt ich ein Weib auch euch nah verwandt, Oder hätte hier im Haus ein Kind. -

 

33 So geh zur Schmiede, die du mir schufest, Da liegen die Bälge mit Blut bespritzt. Die Häupter schnitt ich deinen Söhnen ab; Unterm Fesseltrog barg ich die Füße.

 

34 Aber die Schädel unter dem Schopfe Schweift ich in Silber, schenkte sie Nidudern. Aus den Augen macht ich Edelsteine, Sandte sie der falschen Frauen Niduds.

 

35 Aus den Zähnen der Zweie dann Bildet ich Brustgeschmeid und sandt es Bödwilden. "Nun geht Bödwild mit Kindesbürde, Euer beider einzige Tochter." Nidud:

 

36 Nie sagtest du ein Wort, das so mich betrübte, Nie wünscht ich dich härter, Wölund, zu strafen. Doch kein Mann ist so rasch, der vom Roß dich nähme, So geschickt kein Schütze, der dich niederschösse Wie du hoch dich hebst zu den Wolken.

 

37 Lachend hob sich in die Luft Wölund; Traurig Nidud schaut ihm nach:

 

38 "Steh auf, Thankrad, meiner Träle bester, Bitte Bödwild, die Brauenschöne, Daß die Ringbereifte mit dem Vater rede."

 

39 "Ist das wahr, Bödwild, was man mir sagte: Saßest du mit Wölund zusammen im Holm?"

Bödwild:

 

40 Wahr ist das, Nidud, was man dir sagte: Ich saß mit Wölund zusammen im Holm, Hätte nie sein sollen! Eine Angststunde lang. Ich verstand ihm nicht zu widerstehen, Ich vermocht ihm nicht zu widerstehen!

 

Helgakvida Hjörvardssonar

 

Das Lied von Helgi dem Sohne Hiörwards

 

I.

 

Hiörward hieß ein König, der hatte drei Frauen. Eine hieß Alfhild und der beiden Sohn Hedin; die andere hieß Säreid und der beiden Sohn Humlung; die dritte hieß Sinriöd und der beiden Sohn Hymling. Hiörward hatte gelobt, die Frau zu ehlichen, die er die schönste wüßte. Da hörte er, daß König Swafnir eine allerschönste Tochter hätte, Sigurlinn geheißen. Idmund hieß sein Jarl. Atli, dessen Sohn, fuhr dem Könige, Sigurlinn zu freien. Er blieb einen Winter lang bei König Swafnir. Franmar hieß da ein Jarl, der Pfleger Sigurlinns, und dessen Tochter Alof. Der Jarl riet, daß die Maid verweigert würde: da fuhr Atli heim. Atli Jarlssohn stand eines Tages an einem Wald: da saß ein Vogel oben in den Zweigen über ihm und hatte zugehört, da seine Mannen die Frauen die schönsten nannten, die Hiörward hatte. Der Vogel zwitscherte und Atli lauschte, was er sagte. Er sang:

 

1 Sähest du Sigurlinn, Swafnirs Tochter, Die schönste Maid in Munarheim? Und hier behagen doch Hiörwards Frauen Deinen Leuten in Glasislundr. Atli:

 

2 Willst du mit Atli, Idmunds Sohn, Vielkluger Vogel, Ferneres reden? Der Vogel: Ja, wenn der Edling mir opfern wollte; Doch wähl ich was ich will aus des Königs Wohnung.

Atli:

 

3 Wenn du Hiörward nicht kiesest noch seine Kinder, Noch des Fürsten schöne Frauen. Kiese keine von des Königs Bräuten: Laß uns wohl handeln, das ist Freundes Weise.

Der Vogel:

 

4 Einen Hof will ich haben und Heiligtümer, Goldgehörnte Kühe aus des Königs Stall, Wenn Sigurlinn ihm schläft im Arm Und frei dem Fürsten folgt zu Haus. Dies geschah, ehe Atli heimfuhr; als er aber nach Hause kam und der König ihn fragte, sprach er:

 

5 Wir hatten Arbeit und üblen Erfolg: Unsre Rosse keuchten auf dem Kamm des Gebirgs, Dann mußte man durch Moore waten; Doch ward uns Swafnirs Tochter verweigert, Die spangengeschmückte, die wir holen wollten. Der König bat, daß sie zum ändern Mal hinführen, und er fuhr selbst mit. Aber da sie auf den Berg kamen und hinblickten auf Swawaland, sahen sie großen Landbrand und Staub von Rossen. Da ritt der König vom Berge herab ins Land und nahm sein Nachtlager bei einem Flusse. Atli, der die Warte hatte, fuhr über den Fluß und fand da ein Haus. Darin saß ein großer Vogel als Hüter und schlief. Atli schoß mit dem Spieß den Vogel tot. In dem Haus fand er Sigurlinn, die Königstochter und Alof, die Jarlstochter. Die nahm er beide mit sich fort. Franmar Jarl hatte sich in Adlergestalt gekleidet und die Jungfrauen durch Zauberei vor dem Heere behütet. Hrodmar hieß ein König, der Freier Sigurlinns: der hatte den Swawakönig erschlagen und das Land verheert und verwüstet. Da nahm König Hiörward Sigurlinn, und Atli nahm Alof zur Ehe. Hiörward und Sigurlinn hatten einen Sohn, der groß und schön war. Er war aber stumm und kein Name wurde ihm beigelegt. Einst saß er am Hügel, da sah er neun Walküren reiten; darunter war eine die herrlichste. Sie sang:

 

6 Spät wirst du, Helgi, die Schätze beherrschen, Du reicher Schlachtbaum, und Rödulswöllir, (Früh sang's ein Adler), da du immer schweigst, Wie kühnen Kampfmut du König bewährst.

Helgi:

 

7 Was gibst du mir noch zu dem Namen Helgi, Blühende Braut, den du mir botest? Erwäge den ganzen Gruß mir wohl: Ich nehme den Namen nicht ohne dich. Sie sprach:

 

8 Schwerter weiß ich liegen in Sigarsholm Viere weniger als fünfmal zehn. Eins ist von allen darunter das beste, Der Schilde Verderben, beschlagen mit Gold.

 

9 Am Heft ist ein Ring, und Herz in der Klinge, Schrecken in der Spitze vor dem der es schwingt. Die Schneide birgt einen blutigen Wurm, Aber am Stichblatt wirft die Natter den Schweif. Eilimi hieß ein König, seine Tochter war Swawa; sie war Walküre und ritt Luft und Meer. Sie gab dem Helgi den Namen und schirmte ihn oft seitdem in den Schlachten. Da sprach Helgi:

 

10 Du bist, Hiörward, kein heilwaltender König, Führer des Volksheers, wieviel man dich rühmt: Lassest Feuer der Fürsten Vesten verzehren, Die nie noch Böses verbrachen wider dich.

 

11 Aber Hrodmar wird der Ringe walten, Die unsre Freunde zuvor besaßen. Wenig fürchtet der Fürst um sein Leben: Hofft er der Toten Erbe zu beherrschen? Hiörward antwortete, er wolle dem Helgi Beistand nicht versagen, wenn er seinen Muttervater zu rächen gedächte. Da suchte Helgi das Schwert, das ihm Swawa angewiesen. Da fuhr er und Atli und fällten Hrodmar und vollbrachten manch Heldenwerk. Er schlug Hati den Riesen, als er auf einem Berge saß. Helgi und Atli lägen mit den Schiffen in Hatafjord. Atli hatte die Warte die erste Hälfte der Nacht. Da sprach Hrimgerd, Hatis Tochter:

 

12 Wie heißen die Helden in Hatafjord? Mit Schilden ist gezeltet auf euern Schiffen. Frevel gebahrt ihr, scheint wenig zu fürchten. Nennet mir des Königs Namen. Atli:

 

13 Helgi heißt er; doch hoffe nimmer Den Fürsten zu gefährden. Eisenburgen bergen die Flotte: Hexen haben uns nichts an. Hrimgerd:

 

14 Wie heißest du, übermütiger Held? Wie nennt man dich mit Namen? Viel vertraut dir der Fürst, der dich vorn im schönen Schiffssteven stehen läßt. Atli:

 

15 Atli heiß ich, heiß will ich dir werden, Denn unhold bin ich Unholden. Am feuchten Steven stets hab ich gestanden Und Nachtmaren gemordet.

 

16 Wie heißest du, Hexe, leichenhungrige? Nenne, Vettel, den Vater. Daß du neun Rasten niederer lägest Und ein Baum dir schoß aus dem Schoße! Hrimgerd:

 

17 Hrimgerd heiß ich, Hati war mein Vater, Ich kannte nicht kühnern Joten. Aus den Häusern hat er viel Bräute geholt Bis ihn Helgi tödlich traf. Atli:

 

18 Du standest, Hexe, vor den Schiffen des Königs Und stautest die Mündung des Stroms, Des Fürsten Recken der Ran zu liefern; Doch kam dir der Stag in die Quere. Hrimgerd:

 

19 Töricht bist du, Atli, du träumst, sag ich, Wie du die Brauen wirfst über die Wimpern. Meine Mutter stand vor des Königs Schiffen Und ich ertränkte die Tapfern.

 

20 Wiehern wolltest du, Atli, wärst du nicht entmannt: Hrimgerd schwingt den Schweif. Hintenhin fiel dir, wähn ich, Atli, das Herz, Wie laut du lachst und lärmest. Atli:

 

21 Ein Hengst schein ich dir, wenn du's versuchen willst, So ich steig an den Strand aus der Flut. Ganz erlahmst du, wenn der Grimm mich faßt, Und senkst den Schweif, Hrimgerd. Hrimgerd:

 

22 Betritt nur das Land, vertraust du der Kraft, daß in Warins Wik wir ringen. Rippenverrenkung, Recke, begegnet dir, Kommst du mir in die Krammen. Atli:

 

23 Ich mag nicht von hier bis die Männer erwachen Und halten Hut dem König: Zu gewarten hab ich hier, daß Hexen auftauchen Unter unsern Schiffen. Hrimgerd:

 

24 Wache, Helgi, und büße Hrimgerden Daß du Hati hast erschlagen. Eine Nacht will sie bei dem Fürsten schlafen Das schafft ihr Schadens Buße. Helgi:

 

25 Lodin labe dich, die Menschenleide, Der Thurs, der in Tholley wohnt, Der hundweise Riese, der Riffwohner ärgster: Der mag dir zum Manne geziemen. Hrimgerd:

 

26 Die möchtest du, Helgi, die das Meer besah Nächten mit den Männern, Die Maid auf dem Goldroß, der Macht nicht gebrach: Hier stieg sie zum Strand aus der Flut, Eurer beider Flotte zu festigen. Sie allein ist schuld, daß ich unfähig bin, Des Königs Mannen zu morden. Helgi:

 

27 Höre, Hrimgerd, ob den Harm ich dir büße; Doch erst gib Kunde dem König: War sie es allein, die die Schiffe mir barg, Oder fuhren viele beisammen? Hrimgerd:

 

28 Drei Reihen Mädchen; doch ritt voraus Unterm Helm die eine licht. Die Mähren schüttelten sich, aus den Mähnen troff Tau in tiefe Täler, Hagel in hohe Bäume: Das macht die Felder fruchtbar. Unlieb war mir alles was ich sah. Atli:

 

29 Blick ostwärts, Hrimgerd, ob dich Helgi hat Getroffen mit Todesstäben. Auf Land und Flut geborgen ist des Edlings Flotte Und des Königs Mannen zumal. Helgi:

 

30 Der Tag scheint, Hrimgerd: dich säumte hier Atli zum Untergange. Ein lächerlich Wahrzeichen wirst du dem Hafen Wie du da stehst ein Steinbild.

 

IV.

 

König Helgi war ein allgewaltiger Kriegsmann. Er kam zu König Rilimi und bat um Swawa, dessen Tochter. Helgi und Swawa verlobten sich und liebten sich wundersehr. Swawa war daheim bei ihrem Vater, aber Helgi im Heerzug. Swawa war Walküre nach wie vor. Hedin war daheim bei seinem Vater Hiörward, König in Noreg. Da fuhr Hedin auf Julabend einsam heim aus dem Wald und fand ein Zauberweib. Sie ritt einen Wolf und hatte Schlangen zu Zäumen und bot dem Hedin ihre Folge. Nein, sprach er. Da sprach sie: "Das sollst du mir entgelten bei Bragis Becher. Abends wurden Gelübde verheißen und der Sühneber vorgeführt, auf den die Männer die Hände legten und bei Bragis Becher Gelübde taten. Hedin vermaß sich eines Gelübdes auf Swawa, Eilimis Tochter, seines Bruders Geliebte. Danach gereute es ihn so sehr, daß er fortging auf wilden Stegen südlich ins Land, wo er seinen Bruder Helgi traf. Helgi sprach:

 

31 Heil dir. Hedin! Was hast du zu sagen Neuer Mären aus Noreg? Was führte dich, Fürst, fort aus dem Lande, Daß du allein mich aufsuchst? Hedin:

 

32 Ein allzugroßes Unheil betraf mich: Ich hab erkoren die Königstochter Bei Bragis Becher: Deine Braut! Helgi:

 

33 Klage dich nicht an! Noch kann sich erfüllen, Hedin, unser Aelgelübde. Mich hat ein Held zum Holmgang entboten: Da find ich den Feind in Frist dreier Nächte. Ich werde wohl nicht wiederkehren: So geschieht es in Güte, wenn das Schicksal will. Hedin:

 

34 Du sagtest, Helgi, Hedin wäre Dir Gutes und großer Gäben wert. Dir scheint schicklicher das Schwert zu röten Als deinen Feinden Frieden zu geben. Jenes sprach Helgi, weil ihm sein Tod ahnte und auch, weil seine Folgegeister den Hedin aufgesucht hatten, als er das Weib den Wolf reiten sah. Alf hieß ein König, Hrodmars Sohn, der den Helgi zum Kampf entboten hatte gen Sigarswöll in dreier Nächte Frist. Da sprach Helgi:

 

35 Es ritt den Wolf, da rings es dunkelte, Eine Frau, die dem Bruder ihre Folge bot. Sie wußte wohl, es würde fallen Siguriinns Sohn bei Sigarswöll. Da geschah eine große Schlacht und Helgi empfing die Todeswunde.

 

36 Helgi sandte den Sigar, zu reiten Hin nach Eilimis einziger Tochter: "Bitte sie, bald bei mir zu sein, Wenn sie den Fürsten will finden am Leben."

Sigar:

 

37 Mich hat Helgi hergesendet, Selber zu sprechen, Swawa, mit dir. Dich zu schauen sehn er sich, sagte der König, Ehe den Atem der Edle verhaucht. Swawa:

 

38 Was ist mit Helgi, Hiörwards Sohne? Hart hat das Unheil mich heimgesucht. Wenn die See ihn schlang, das Schwert ihn fällte, So will ich des Werten Rächerin werden. Sigar:

 

39 Hier fiel in der Frühe bei Frekastein Der Edlinge edelster unter der Sonne. Des vollen Sieges freut sich Alf: Nur diesmal dürft er des uns entbehren! Helgi:

 

40 Heil dir Swawa! Teile dein Herz. Wir werden uns wieder auf der Welt nicht sehn. Zu voll fließen dem Fürsten die Wunden: Dem Herzen kam mir die Klinge zu nah.

 

41 Ich bitte dich, Swawa (Braut, weine nicht), Willst du vernehmen was ich dir sage, So breite meinem Bruder Hedin ein Bette Und schlinge die Arme um den jungen Helden. Swawa:

 

42 Das hab ich verheißen zu Munarheim, Als Helgi der Braut die Ringe bot, Nie wollt ich froh nach des Königs Fall Einen andern Helden im Arme hegen. Hedin:

 

43 Küsse mich, Swawa, ich kehre nicht wieder Rogsheim zu sehn noch Rödulsfiöll, Gerochen hab ich denn Hiörwards Sohn, Der Edlinge edelsten unter der Sonne. Von Helgi und Swawa wird gesagt, daß sie wiedergeboren wären.

 

Helgakvida Hundingsbana in fyrri .

 

Das erste Lied von Helgi dem Hundingstöter

 

I.

 

1 In alten Zeiten, als Aare sangen Heilige Wasser rannen von Himmelsbergen, Da hatte Helgi, den großherzigen, Borghild geboren in Bralund.

 

2 Nacht in der Burg war's, Nornen kamen, Die dem Edeling das Alter bestimmten. Sie gaben dem König der Kühnste zu werden, Aller Fürsten Edelster zu dünken.

 

3 Sie schnürten scharf die Schicksalsfäden, Daß die Burgen brachen in Bralund. Goldene Fäden fügten sie weit, Sie mitten festigend unterm Mondessaal.

 

4 Westlich und östlich die Enden bargen sie, In der Mitte lag des Königs Land. Einen Faden nordwärts warf Neris Schwester, Ewig zu halten hieß sie dies Band.

 

5 Eins schuf Angst dem Ülfingensohn, Und ihr, der Frau, die Freude gebar: Rabe sprach zum Raben (auf ragendem Baum Saß er ohne Atzung): "Ich weiß etwas.

 

6 Es steht der Sohn Sigmunds in der Brünne, Einen Tag alt: unser Tag bricht an. Er schärft die Augen (so schauen Helden), Der Wölfe Freund: freuen wir uns!"

 

7 Dem Volke schien sein Fürst geboren, Sie wünschten sich Glück zu goldener Zeit. Der König selber ging aus dem Schlachtlärm Dem jungen Edling edeln Lauch zu bringen.

 

8 Er hieß ihn Helgi und gab ihm Hringstad, Solfiöll, Snäfiöll und Sigarswöll, Hringstad, Hatun und Himinwangi, Gab ein blutig Schwert Sinfiötlis Bruder.

 

9 Da begann zu wachsen an Verwandter Brust Die ragende Rüster in des Ruhmes Licht, Er vergalt und gab das Gold den Werten, Sparte das Schwert nicht, das blutbespritzte.

 

II.

 

10 Kurz ließ der König auf Kampf ihn warten: Fünfzehn Winter alt war der Fürst, Da hätt er den harten Hunding erschlagen, Der Land und Leute so lange beriet.

 

11 Da sprachen Sigmunds Sprößling an Um Gold und Schätze die Söhne Hundings. Zu vergelten hatten sie Güterraubs viel. Dem jungen Fürsten und des Vaters Tod.

 

12 Nicht gewährte der Fürst dafür die Buße, Weigerte jegliches Wehrgeld den Söhnen: Gewarten möchten sie mächtigen Wetters, Grauer Gere und des Grames Odins.

 

13 Zur Schlachtstätte stapften die Fürsten, Die sie gelegt gen Logafiöll. Frodis Frieden zerbrach zwischen Feinden: Granis Grauhunde fuhren gierig durchs Land.

 

14 Saß der König, da erschlagen er hatte Alf und Eyolf, unter dem Aarstein, Dazu Hiörward und Haward, Hundings Söhne; Gefällt war des Gerriesen ganzes Geschlecht.

 

15 Da brach ein Licht aus Logafiöll, Und aus dem Lichte kam Wetterleuchten. Helmträgerinnen sah man auf Himinwangi: Ihre Brünnen waren mit Blut bespritzt Und Strahlen standen still auf den Geren.

 

16 Da trug in der Frühe der Männerfürst Die südlichen Frauen vom Schlachtfeld her: Ob sie daheim bei den Helden wollten Bleiben bei der Nacht? Die Bogen schnurrten.

 

17 Aber vom Hengste Högnis Tochter Stillte der Schilde Lärm und sprach zu dem König: "Wir haben wohl anderes hier zu schaffen Als Ringbrecher bei dir Bier zu trinken.

 

18 Mein Vater hat mich, seine Maid, Verheißen Granmars grimmem Sohne. Doch hab ich, Helgi, den Hödbrodd genannt Einen König so kühn wie ein Katzensohn.

 

19 Nun wird er kommen nach wenigen Nächten, Wofern du den Fürsten nicht forderst zum Kampf, Oder mich, die Maid ihm raubst."

Helgi:

 

20 Fürchte nicht mehr den Mörder Isungs: Erst tobt Getöse, ich sei denn tot. -

 

21 Boten sandt alsbald der gebietende König, Hilfe zu fordern über Flut und Land, Um mehr als genug den Mannen zu bieten, Und ihren Söhnen, des schimmernden Goldes:

 

22 "Heißet sie schnell zu den Schiffen gehn, Daß sie aus Brandey uns Hilfe bringen." Da harre der König bis zur Sammlung kamen Helden vielhundert von Hedinsey.

 

23 Da sah man von Stränden und Stafnesnes Die Schiffe gesegelt, die goldgeschmückten. Helgi fragte den Hiörleif alsbald: "Hast du erkundet der Kühnen Zahl?"

 

24 Aber der Königssohn sagte dem andern: "Schwer", sprach er, "hält es, von der Schnabelspitze Die langen Schiffe, die Segler, zu zählen, Die da draußen in Örwasund fahren.

 

25 "Zwölfhundert zählst du Zuverlässiger: Doch harrt in Hatun noch halbmal mehr Der Scharen des Königs: der Schlacht gedenk ich nun."

 

26 Da warf der Steurer die Stevenzelte nieder, Der Männer Menge damit zu erwecken, Daß die Fürsten sähen den scheinenden Tag. An die Segelstangen schnürten die Helden Das knisternde Gewebe bei Warins Bucht.

 

27 Die Ruder ächzten, das Eisen klang, Schild scholl an Schild, die Seehelden ruderten. Unter den Edlingen eilend ging Des Fürsten Flotte den Landen fern.

 

28 So war's zu hören, da hart sich stießen Die kühlen Wellen und die langen Kiele Als ob Berg oder Brandung brechen wollten.

 

29 Helgi hieß das Hochsegel aufziehn, Als wider Wogen da Woge schlug Und die tobende Tochter Ägirs Die starren Rosse zu stürzen gedachte.

 

30 Aber Sigrun kam kühn aus den Wolken Und schützte sie selber und ihre Schiffe. Kräftig riß sich der Ran aus der Hand Des Königs Langschiff bei Gnipalund.

 

31 Da saß er geborgen in der Bucht am Abend; Die schmucken Schiffe schössen dahin. Aber Granmars Söhne von Swarinshügel Erspähten sein Volk mit feindlichem Sinn.

 

32 Da fragte Gudmund, der Gottgeborne: "Wie heißt der Herzog, der dem Heer gebeut, Dies furchtbare Volk uns führt zu Land?"

 

33 Sinfiötli versetzte - und schlug am Rah Ein rotes Schild auf, des Rand war von Gold; Er war ein Sundwart der sprechen konnte Und Worte wechseln mit werten Männern

 

34 "Sag das am Abend, wenn du Schweine fütterst Und eure Hunde zur Atzung lockst: Die Ülfinge seien von Osten gekommen, Des Kampfs begierig vor Gnipalund.

 

35 Hier wird Hödbrodd den Helgi finden, Den fluchtträgen Fürsten, in der Flotte Mitten. Oftmals hat er Aare gesättigt, Weil du in der Mühle Mägde küßtest." Gudmund:

 

36 Nicht folgst du, Fürst, der Vorzeit Lehren, Da du die Edlinge mit Unrecht verrufst. Du hast im Walde mit Wölfen geschwelgt, Hast deinen Brüdern den Tod gebracht, Oft sogst du mit eisigem Atem Wunden, Bargst allverhaßt dich im Gebüsch. Sinfiötli:

 

37 Du warst ein Zauberweib auf Warinsey, Ein luchslistiges! Du logst auf den Haufen. Keinen Mann, meintest du, möchtest du haben Von allen im Eisen außer Sinfiötli.

 

38 Du warst die schädlichste Walkürenhexe, Aber bei Allvater allvermögend. Man sah die Einherjer alle sich raufen, Verwettertes Weib, von wegen dein. Neune hatten wir auf Nesisaga Wölfe gezeugt: ich war ihr Vater. Gudmund:

 

39 Nicht warst du der Vater der Fenriswölfe, Ob ärger als alle, das leuchtet ein, Denn längst entmannten dich, eh du Gnipalund sahst Thursentöchter bei Thorsnes dort.

 

40 Siggeirs Stiefsohn lagst du hinter Stückfässern, An Wolfsgeheul gewöhnt in den Wäldern draußen. Alles Unheil kam über dich, Als du den Brüdern die Brust durchbohrtest, Dich landrüchig machtest durch Lasterwerke. Sinfiötli:

 

41 Du warst Granis Braut bei Brawöll, Goldgezügelt, gezähmt zum Lauf. Manche Strecke ritt ich dich müde Und hungrig unterm Sattel, Scheusal, den Berg hinab.

 

42 Ein sittenloser Knecht erschienst du da, Als du Gullnirs Geißen melktest; Ein andermal dauchtest du, Thursentöchter, Ein lumpiges Bettelweib: willst du länger zanken? Gudmund:

 

43 Nein, füttern wollt ich bei Frekastein Lieber die Raben mit deinem Luder, Und eure Hunde zur Atzung locken Und Schweine zum Troge: zanke der Teufel mit dir! Helgi:

 

44 "Es ziemt euch besser beiden, Sinfiötli, Den Kampf zu fechten und Aare zu freuen, Als euch zu eifern mit unnützen Worten, Wenn auch Ringbrecher den Haß nicht bergen.

 

45 Auch mich nicht gut dünken Granmars Söhne; Doch ist's Recken rühmlicher, reden sie Wahrheit. Sie haben's gezeigt bei Moinsheim: Die Schwerter zu brauchen gebricht ihnen Mut nicht."

 

46 Sie ließen die Rosse gewaltig rennen, Swipud und Swegjud, auf Solheim zu Durch tauige Täler und tiefe Wege; Des Nebels Bett schütterte, wo die Männer fuhren.

 

47 Sie trafen den Herrscher an der Türe der Burg, Kündeten dem König den kommenden Feind. Außen stand Hödbrodd helmbedeckt, Sah den Schnellritt seines Geschlechts: "Wie harmvoll habt ihr Helden ein Aussehn? - "

 

48 "Her schnauben zum Strande schnelle Kiele, Ragende Masten und lange Rahen, Schilde sattsam und geschabte Ruder, Herrliche Helden der hehren Ülfinge.

 

49 "Fünfzehn Fähnlein fuhren ans Land; Doch stehen im Sund noch siebentausend. Hier liegen am Lande vor Gnipalund Blauschwarze Seetiere und goldgeschmückte. Die meiste Menge seiner Mannen ist hier: Nicht länger säumt nun Helgi die Schlacht." Hödbrodd:

 

50 Laßt rasche Rosse zum Kampfthing rennen, Aber Sporwitnir gen Sparinsheide, Melnir und Mylnir gen Myrkwid: Sitze mir selten wehr säumig daheim, Der Wundenflamme zu schwingen weiß.

 

51 Ladet Högni und Hrings Söhne, Atli und Jngwi und Alf den greisen; Die zu beginnen sind gierig den Kampf: Wir wollen den Wölsungen Widerstand tun. -

 

52 Ein Sturmwind schien's, da zusammen trafen Die funkelnden Schwerter bei Frekastein. Immer war Helgi, der Hundingstöter, Vorn im Volkskampf, wo Männer fochten. Schnell im Schlachtlärm, säumig zur Flucht, Ein hartmutig Herz hatte der König.

 

53 Da kam wie vom Himmel die Helmbewehrte - Das Speersausen wuchs - und schützte den Fürsten. Laut rief Sigrun, des Luftritts kundig, Dem Heldenheer zu, aus des Herzens Grund:

 

54 "Heil sollst du, Held, der Herrschaft walten, Ingwis Nachkomme, und das Leben genießen. Den fluchtträgen Fürsten hast du gefällt, Ihn, der den Schrecklichen sandt in den Tod. Nun mußt du beides nicht länger missen: Rote Ringe und die reiche Maid.

 

55 Heil sollst du dich, Fürst, erfreuen der beiden, Der Tochter Högnis und Hringstadirs, Des Siegs und der Lande; zum Schluß kommt der Streit."

 

Helgakvida Hundingsbana önnur .

 

Das andere Lied von Helgi dem Hindingstöter

 

I.

 

König Sigmund, Wölsungs Sohn, hatte Borghilden von Bralund zur Frau. Sie nannten ihren Sohn Helgi und zwar nach Helgi, Hiörwards Sohn. Den Helgi erzog Hagal. Hunding hieß ein mächtiger König; nach ihm ist Hundland genannt. Er war ein großer Kriegsmann und hatte viel Söhne, die bei der Heerfahrt waren. Unfriede und Feindschaft war zwischen den Königen Hunding und Sigmund: sie erschlugen einander die Freunde. König Sigmund und seine Nachkommen hießen Wölsungen und Ülfinge (Wölfinge). Helgi fuhr aus und spähte insgeheim an Hundings Hofe. Häming, König Hundings Sohn, war daheim. Als aber Helgi fortzog, begegnete er einem Hirtenbuben und sprach:

 

1 Sag du dem Häming, daß es Helgi war, Den in das Risenhemd Männer hüllten, Den ihr im Hause wolfsgrau hättet, Als ihn für Hamal Hunding ansah. Hamal hieß der Sohn Hagals. König Hunding sandte Männer zu Hagal, den Helgi zu suchen, und Helgi, da er nicht anders entrinnen konnte, zog die Kleider einer Magd an und ging in die Mühle. Sie suchten den Helgi und fanden ihn nicht. Da sprach Blind, der unheilvolle:

 

2 Scharf sind die Augen der Schaffnerin Hagals, Nicht gemeinen Mannes Kind steht an der Mühle: Die Steine brechen, die Mühle zerspringt. Ein hartes Los hat der Held ergriffen, Da hier ein König Gerste mahlen muß. Besser stünde so starker Hand wohl Des Schwertes Griff als die Mandelstange. Hagal antwortete und sprach:

 

3 Das muß nicht wundern wenn die Mühle dröhnt, Da eine Königsmaid die Mandel rührt. Höher schwebte sie sonst als Wolken, Die gleich Wikingen wagte des Kampfs zu walten Bevor sie Helgi geführt zur Haft. Die Schwester ist sie Sigars und Högnis: Drum hat scharfe Augen der Ülfinge Magd.

 

II.

 

Helgi entkam und fuhr auf Kriegsschiffen. Er fällte König Hunding und hieß nun Helgi der Hundingstöter. Er lag mit seinem Heere in Brunawagir, ließ am Strand das Vieh zusammen treiben und aß rohes Fleisch mit den Helden. Högni hieß ein König; dessen Tochter war Sigrun. Sie war Walküre und ritt Luft und Meer. Sie war die wiedergeborene Swawa. Sigrun ritt zu Helgis Schiffen und sprach:

 

4 Wer läßt die Flotte fließen zum Strande? Wo habt ihr Helden eure Heimat? Worauf wartet ihr in Brunawagir? Wohin gelüstet euch die Fahrt zu lenken? Helgi:

 

5 Hamal läßt die Flotte fließen zum Strande; In Hlesey haben wir unsre Heimat. Fahrwind erwarten wir in Brunawagir; Östlich gelüstet uns die Fahrt zu lenken. Sigrun:

 

6 Wo hast du, König, Kampf erweckt, Wo die Vögel der Kriegsschwestern gefüttert? Wie ist dir mit Blut die Brünne bespritzt! Unter Helmen eßt ihr ungesottnes Fleisch.

Helgi:

 

7 Das übt ich zujüngst, ein Ülfingensohn, Westlich des Meers, wenn dich's zu wissen lüstet, Daß ich Bären jagte in Bragalund Und mit Spießen sättigte der Aare Geschlecht. Nun weißt du, Maid, warum es geschieht: Drum ist selten gekochte Kost hier am Meer.

Sigrun:

 

8 Du zielst auf Kampf; von Helgi bezwungen Sank Hunding im Kampf auch, der König, aufs Feld. Ein Kampf auch war's, da ihr Verwandte rächtet, Und die Schneiden bespritztet der Schwerter mit Blut.

Helgi:

 

9 Wie magst du wissen, daß die es waren, Vielkluge Frau, die ihre Freunde rächten? Tapfer im Kampf sind der Krieger viel, Der Feindschaft voll auch unsern Freunden.

Sigrun:

 

10 Ich war nicht fern, Führer des Schlachtkeils, Da mancher Held durch mich dir hinsank. Doch nenn ich dich schlau, Sigmunds Erbe, Daß du in Kampfrunen kündest die Schlacht.

 

11 Ich sah dich fahren vorn auf dem Langschiff, Da du standest auf dem blutgen Steven Von urkalten Wellen umspielt. Nun will sich hehlen der Held vor mir; Aber Högnis Maid kennt ihren Mann.

 

III.

 

Granmar hieß ein mächtiger König, der zu Swarinshügel saß. Er hatte viel Söhne: Einer hieß Hödbrodd, der andere Gudmund, der dritte Starkad. Hödbrodd war in einer Königsversammlung und ließ sich Sigrun, Högnis Tochter, verloben. Als sie das hörte, ritt sie fort mit Walküren durch Luft und Meer und suchte Helgi. Helgi war da auf Logafiöll und hatte mit Hundings Söhnen gekämpft: da fällte er Alf und Eyolf, Hiörward und Herward, und war nun ganz kampfmüde und saß unterm Aarstein. Da fand ihn Sigrun und fiel ihm um den Hals und küßte ihn und sagte ihm ihr Gesuch, wie es im alten Wölsungenliede gemeldet ist.

 

12 Sigrun suchte den freudigen Sieger; Helgis Hand zog sie ans Herz, Grüßte und küßte den König unterm Helme.

 

13 Da ward der Fürst der Jungfrau gewogen, Die längst schon hold war von ganzem Herzen Dem Sohne Sigmunds eh er sie gesehn.

 

14 "Dem Hödbrodd ward ich vor dem Heere verlobt; Doch einen ändern zur Ehe wollt ich. Nun fürcht ich, Fürst, der Freunde Zorn: Den alten Wunsch vereitelt ich dem Vater."

 

15 Nicht wider ihr Herz sprach Högnis Tochter: Helgis Huld, sprach sie, müßte sie haben. Helgi:

 

16 Hege nicht Furcht vor Högnis Zorn Noch dem Unwillen deiner Verwandten. Du sollst, junge Maid, mit mir nun leben: Du bist edler Abkunft, das ist mir gewiß. Helgi sammelte da ein großes Schiffsheer und fuhr gen Frekastein. Aber auf dem Meere traf sie ein männerverderbendes Unwetter. Blitze fuhren über sie hin und Wetterstrahlen schlugen in die Schiffe. Da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Alsbald legte sich der Sturm und glücklich kamen sie ans Land. Granmars Söhne saßen auf einem Berg, als die Schiffe zu Lande segelten. Gudmund sprang aufs Pferd und ritt auf Kundschaft von dem Berg nach dem Meer. Da zogen die Wölsungen die Segel nieder. Aber Gudmund sprach wie zuvor geschrieben ist im Helgilied: Wie heißt der Herzog, der dem Heere gebeut, Dies furchtbare Volk zu Land uns führt? Dies sprach Gudmund, Granmars Sohn:

 

17 Wie heißt der Fürst, der die Flotte steuert, Die goldne Kriegsfahne am Steven entfaltet? Nicht deutet auf Frieden das Vorderschiff. Waffenröte umstrahlt die Wikinge.

Sinfiötli:

 

18 Hier mag Hödbrodd den Helgi schauen, Den fluchtträgen Fürsten, in der Flotte Mitten. Er hat das Besitztum deines Geschlechts, Das Erbe der Fische, sich unterworfen.

Gudmund:

 

19 Drum fechten wir länger nicht bei Frekastein Den Streit zu schlichten mit sanften Worten: Zeit ist's, Hödbrodd! Rache zu heischen, Ob länger ein leides Los uns fällt. Sinfiötli:

 

20 Eher magst du, Gudmund, Geißen hüten Und durch Spalten schlüpfen auf schroffen Bergen, Als Hirt die Haselgert in der Hand: Schwertentscheidung geziemt dir schlecht. Helgi:

 

21 Es stünde besser dir, Sinfiötli, an, Kampf zu fechten und Aare zu freuen,

Als euch mit unnützen Worten zu eifern, Hehlen auch Helden den Haß nicht gern.

 

22 Auch mich nicht gut dünken Granmars Söhne, Doch ist's Recken rühmlicher, reden sie Wahrheit. Sie haben's gezeigt bei Mïnsheim, Daß ihnen Mut nicht gebricht, die Schwerter zu brauchen: Helden sind sie hurtig und schnell. Gudmund ritt heim, die Kriegsbotschaft zu bringen. Da sammelten Granmars Söhne ein Heer, zu dem viel Könige stießen, darunter Högni, Sigruns Vater, und seine Söhne Bragi und Dag. Da geschah eine große Schlacht und fielen alle Söhne Granmars und alle ihre Häuptlinge; nur Dag, Högnis Sohn, erhielt Frieden und leistete den Wölsungen Eide. Sigrun ging auf die Walstätte und fand Hödbrodd dem Tode nah. Sie sprach:

 

23 Nicht wirst du Sigrun vom Sewafiöll, König Hödbrodd, im Arme hegen. Vorbei ist das Leben: das Beil naht, Granmars Sohn, deinem grauen Haupt. Hierauf fand sie den Helgi und freute sich sehr. Helgi sprach:

 

24 Nicht alles. Gute, erging dir nach Wunsch; Doch tragen die Nornen ein Teil der Schuld. In der Frühe fielen bei Frekastein Bragi und Högni: ich bin ihr Töter!

 

25 Bei Styrkleif sank König Starkad, Und bei Hlebiörg Hrollaugs Söhne. So grimmig gemuten wie Gylfi sah ich nie: Der Rumpf hieb noch um sich, da das Haupt gefallen war.

 

26 Zur Erde sanken allermeist Deine lieben Freunde in Leichen verkehrt. Du gewannst nicht beim Siege: es war dein Schicksal, Durch Blut zu erlangen den Liebeswunsch. Da weinte Sigrun; er aber sprach:

 

27 Weine nicht, Sigrun, du warst uns Hilde, Nicht besiegen Fürsten ihr Schicksal.

Sie sprach:

 

28 Beleben möcht ich jetzt, die Leichen sind; Aber zugleich im Arm dir ruhn.

 

IV.

 

Helgi empfing Sigrun zur Ehe und zeugte Söhne mit ihr. Aber Helgi ward nicht alt. Dag, Högnis Sohn, opferte dem Odin für Vaterrache. Da lieh Odin ihm seinen Spieß. Dag fand den Helgi, seinen Schwager, bei Fiöturlund (Fesselwald); er durchbohrte Helgi mit dem Spieß. Da fiel Helgi; aber Dag ritt gen Sewafiöll und brachte Sigrun die Nachricht:

 

29 Betrübt bin ich, Schwester, dir Trauer zu künden, Die ich wider Willen zum Weinen brachte. In der Frühe fiel bei Fiöturlund Der Edlinge edelster unter der Sonne. Viel Fürsten setzt er den Fuß auf den Hals. Sigrun:

 

30 So sollen dich alle Eide scheiden, Die du dem Helgi hast geschworen Bei des Leipt leuchtender Flut Und der urkalten Wasserklippe.

 

31 Das Schiff fahre nicht, das unter dir fährt, Weht auch erwünschter Wind dahinter. Das Roß renne nicht, das unter dir rennt, Müßtest du auch fliehen vor deinen Feinden.

 

32 Das Schwert schneide nicht, das du schwingst, Es schwirre denn dir selber ums Haupt. Rache hätt ich da für Helgis Tod, Wenn du ein Wolf wärst im Walde draußen Des Beistands bar und bar der Freunde, Der Nahrung ledig, du sprängst denn um Leichen. Dag:

 

33 Irr bist du, Schwester, und aberwitzig, Daß du dem Bruder Verwünschung erbittest. Odin allein hat an dem Unheil Schuld, Der zwischen Verwandte Zwistrunen warf.

 

34 Dir bietet rote Ringe der Bruder, Ganz Wandilswe und Wigdalir; Habe dir halb das Reich dem Harm zur Buße, Spangengeschmückte, den Söhnen mit dir. Sigrun:

 

35 Nicht sitz ich mehr selig zu Sewafiöll Früh noch spät, daß mich freute zu leben, Es brech ein Glanz denn aus dem Grabe des Fürsten, Wigblär das Roß renne mit ihm daher, Das goldgezäumte, den so gern ich umfinge.

 

36 So schuf Helgi Schrecken und Angst All seinen Feinden und ihren Freunden, Wie vor Wölfen wütig rennen Geißen am Berghang des Grauens voll.

 

37 So hob sich Helgi über die Helden all Wie die edle Esche über die Dornen Oder wie taubeträuft das Tierkalb springt: Weit überholt es anderes Wild Und gegen den Himmel glühn seine Hörner. Ein Hügel ward über Helgi gemacht; aber als er nach Walhall kam, bot Odin ihm an, die Herrschaft mit ihm zu teilen. Helgi sprach:

 

38 Nun mußt du, Hunding, den Männern all Das Fußbad bereiten, das Feuer zünden; Die Hunde binden, der Hengste warten Und die Schweine füttern eh du schlafen gehst. Sigruns Magd ging am Abend zum Hügel Helgis und sah, daß Helgi zum Hügel ritt mit großem Gefolge. Die Magd:

 

39 Ist's Sinnentrug, was ich zu schauen meine, Ist's der jüngste Tag? Tote reiten.

Die raschen Rosse reizt ihr mit Sporen: Ist den Helden Heimfahrt gegönnt? Helgi:

 

40 Nicht Sinnentrug ist's, was du zu schauen meinst, Noch Weltverwüstung, obwohl du uns siehst Die raschen Rosse mit Sporen reizen; Sondern den Helden ist Heimfahrt gegönnt. Da ging die Magd heim und sprach zu Sigrun:

 

41 Geh schnell, Sigrun von Sewafiöll, Wenn dich den Volksfürsten zu finden lüstet. Der Hügel ist offen, Helgi gekommen. Die Kampfspuren bluten; der König bittet dich, Du wollest die weinenden Wunden ihm stillen. Sigrun ging in den Hügel zu Helgi und sprach:

 

42 Nun bin ich so froh dich wieder zu finden, Wie die aasgierigen Habichte Odins, Wenn sie Leichen wittern und warmes Blut, Oder tautriefend den Tag schimmern sehn.

 

43 Nun will ich küssen den entseelten König Eh du die blutige Brünne noch abwirfst. Das Haar ist dir, Helgi, in Angstschweiß gehüllt, Ganz mit Grabestau übergossen der König; Die Hände sind urkalt dem Eidam Högnis: Was bringt mir, Gebieter, die Buße dafür? Helgi:

 

44 Du Sigrun bist schuld von Sewafiöll, Daß Helgi trieft von tauendem Harm, Du vergießest, goldziere, grimme Zähren, Sonnige, südliche eh du schlafen gehst, Jede fiel blutig auf die Brust dem Helden, Grub sich eiskalt in die angstbeklommene.

 

45 Wohl sollen wir trinken köstlichen Trank, Verloren wir Lust und Lande gleich. Stimme niemand ein Sterbelied an, Schaut er durchbohrt die Brust mir auch. Nun sind Bräute verborgen im Hügel, Königstochter, bei mir dem Toten! Sigrun bereitete ein Bett im Hügel und sprach:

 

46 Hier hab ich ein Bette dir, Helgi, bereitet, Ein sorgenloses, Sohn der Ülfinge. Ich will dir im Arme, Edling, schlafen, Wie ich dem lebenden Könige lag. Helgi:

 

47 Nun darf uns nichts unmöglich dünken Früh noch spät zu Sewafiöll, Da du dem Entseelten im Arme schläfst Im Hügel, holde Högnistochter, Und bist lebendig, du Königsgeborne!

 

48 Zeit ist's, zu reiten gerötete Wege, Den Flugsteg das fahle Roß zu führen. Westlich muß ich stehn vor Windhelms Brücke Eh Salgofnir krähend das Siegervolk weckt. Helgi ritt seines Weges mit dem Geleit und die Frauen fuhren nach Hause. Den anderen Abend ließ Sigrun die Magd Wache halten am Hügel. Aber bei Sonnenuntergang, als Sigrun zum Hügel kam, sprach sie:

 

49 Gekommen wäre nun, gedächte zu kommen Sigmunds Sohn aus den Sälen Odins. Die Hoffnung ist hin auf des Helden Rückkehr, Da auf Eschenzweigen die Aare sitzen Und alles Volk zur Traumstätte fährt. Die Magd:

 

50 Sei nicht so frevel allein zu fahren, Skiöldungentochter, zu der Toten Hütten. Stärker werden stets in den Nächten Der Helden Gespenster als am hellen Tage. Sigrun lebte nicht lange mehr vor Harm und Leid. Es war Glauben im Altertum, daß Helden wiedergeboren würden; aber das heißt nun alter Weiber Wahn. Von Helgi und Sigrun wird gesagt, daß sie wiedergeboren wären: Er hieß da Helgi Haddingia-Held; aber sie Kara, Halfdans Tochter, so wie gesungen ist in den Kara-Liedern; und war sie Walküre.

 

21. Sinfiötlalok

 

Sinfiötlis Ende

 

Sigmund, Wölsungs Sohn, war König in Frankenland. Sinfiötli war der älteste seiner Söhne, der andere Helgi, der dritte Hamund. Borghild, Sigmunds Frau, hätte einen Bruder, der Gunnar hieß. Aber Sinfiötli, ihr Stiefsohn, und Gunnar freiten beide um ein Weib und deshalb erschlug ihn Sinfiötli. Und als er heimkam, da hieß ihn Borghild fortgehen; aber Sigmund bot ihr Geldbuße und das nahm sie an. Aber beim Leichenschmaus trug Borghild Bier umher; sie nahm Gift, ein großes Horn voll, und brachte es dem Sinfiötli. Und als er in das Horn sah, bemerkte er, daß Gift darin war, und sprach zu Sigmund: Der Trank ist giftig. Sigmund nahm das Horn und trank es aus. Es wird gesagt, daß Sigmund so hart war, daß kein Gift ihm schaden mochte weder außen noch innen; aber alle seine Söhne mochten Gift nur auswendig auf der Haut leiden. Borghild brachte dem Sinfiötli ein anderes Horn und hieß ihn trinken und da geschah wieder wie zuvor. Und zum drittenmal brachte sie ihm das Horn und diesmal mit Drohworten, wenn er nicht tränke. Er sprach aber wie zuvor zu Sigmund; da sagte der: laß es durch den Schnurrbart seihen, Sohn. Sinfiötli trank und war alsbald tot. Sigmund trug ihn weite Wege in seinen Armen und kam da zu einer langen schmalen Furt: da war ein kleines Schiff und ein Mann darin. Der bot dem Sigmund die Fahrt an über die Furt. Als aber Sigmund die Leiche in das Schiff trug, da war das Boot geladen. Der Mann sprach zu Sigmund, er solle vorangehen durch die Furt. Da stieß der Mann ab mit dem Schiffe und verschwand alsbald. König Sigmund hatte sich lange in Dänemark aufgehalten, im Reiche Borghildens, und sie hernach geheiratet. Darauf fuhr Sigmund südwärts nach Frankenland in das Reich, das er da hatte. Da nahm er zur Ehe Hiördis, König Eilimis Tochter: ihr beider Sohn war Sigurd. König Sigmund fiel im Kampf vor Hundings Söhnen, und Hiördis vermählte sich da dem Alf, König Hiapreks Sohne. Sigurd wuchs da auf in der Kindheit. Sigmund und alle seine Söhne waren weit über alle andere Männer an Stärke, Wuchs, Sinn und jeglicher Tüchtigkeit. Aber der allervorderste war Sigurd und ihn nennt man überall in alten Sagen allen Männern voran als den gewaltigsten der Heerkönige.

 

22. Sigurdharkvida Fafnisbana fyrsta edha Grîpisspâ .

 

Das erste Lied von Sigurd dem Fafnirstöter oder Gripirs

 

Weissagung

 

Gripir hieß ein Sohn Eilimis, der Hiördis Bruder. Er beherrschte die Lande und war aller Männer weisester; auch wußte er die Zukunft. Sigurd ritt allein und kam zur Halle Gripirs. Sigurd war leicht erkennbar. Vor dem Tor der Halle kam er mit einem Mann ins Gespräch, der sich Geitir nannte. Da verlangte Sigurd von ihm Bescheid und sprach:

 

1 Wie heißt, der hier die Halle bewohnt? Wie nennen die Leute den König des Landes? Geitir: Gripir heißt der Herrscher der Männer, Der des festen Lands und der Leute waltet.

Sigurd:

 

2 Ist der hehre Fürst daheim im Land? Kann der König mit mir zu reden kommen? Der Unterredung bedarf ein Unbekannter: Bald begehr ich Gripirn zu finden.

Geitir:

 

3 Der gute König wird Geitirn fragen Wie der Mann genannt sei, der nach ihm fragt. Sigurd: Sigurd heiß ich, Sigmunds Erzeugter; Hiördis heißt des Helden Mutter.

 

4 Da ging Geitir Gripirn zu sagen: "Ein Unbekannter ist angekommen; Von Antlitz edel ist er zu schauen, Der gern zusammen käme, König, mit dir."

 

5 Aus dem Gemach ging der mächtige Fürst Und grüßte freundlich den fremden König: "Nimm vorlieb hier, Sigurd; was kamst du nicht längst? Du geh, Geitir, nimm den Grani ihm ab."

 

6 Sie begannen zu sprechen und sagten sich manches, Da die ratklugen Recken sich fanden. "Melde mir, magst du's. Mutterbruder, Wie wird dem Sigurd das Leben sich wenden?"

Gripir:

 

7 Du wirst der mächtigste Mann auf Erden, Der edelste aller Fürsten geachtet.

Im Schenken schnell und säumig zur Flucht, Ein Wunder dem Anblick und weiser Rede.

Sigurd:

 

8 Laß, Fürst, erfahren genauer als ich frage, Weiser, den Sigurd, wähnst du's zu schauen: Was wird mir Gutes begegnen zuerst, Wenn ich hinging von deinem Hofe?

Gripir:

 

9 Zuvörderst erfichst du dem Vater Rache Und dem Eilimi Ahndung alles Leides.

Du wirst die harten Hundings Söhne, Die schnellen, fällen und den Sieg gewinnen.

Sigurd:

 

10 Sag, edler König, mir Anverwandter, Gib volle Kunde, da wir freundlich reden. Siehst du Sigurds Siege voraus, Die zuhöchst sich heben unter des Himmels Rändern?

Gripir:

 

11 Du fällst allein den gefräßigen Wurm, Der glänzend liegt auf Gnitaheide. Beiden Brüdern bringst du den Tod, Regin und Fafnirn: vor sieht's Gripir.

Sigurd:

 

12 Schätze gewinn ich, wenn so mir gelingt Zu kämpfen mit Männern wie du mir kund tust. Im Geiste erforsche ferner und sage mir, Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?

Gripir:

 

13 Finden wirst du Fafhirs Lager, Wirst heimführen den glänzenden Hort, Mit Golde beladen Granis Rücken Und zu Giuki reiten, kampfrüstiger Held.

Sigurd:

 

14 Noch sollst du dem Fürsten in freundlicher Rede, Weitschauender König, weiteres künden. Gast war ich Giukis, nun geh ich von dannen: Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?

Gripir:

 

15 Auf dem Felsen schläft die Fürstentochter Hehr im Harnisch nach Helgis Tode:

Mit scharfem Schwerte wirst du schneiden, Die Brünne trennen mit Fafnirs Töter.

Sigurd:

 

16 Die Brünne brach, nun redet die Braut, Die schöne, so vom Schlaf erweckt.

Was soll mit Sigurd die Sinnige reden, Das zum Heile mir Helden werde?

Gripir:

 

17 Sie wird dich Reichen Runen lehren, Alle, die Menschen wissen möchten,

Dazu in allen Zungen reden, Und heilende Salben: so Heil dir, König!

Sigurd:

 

18 Nun laß es gelungen sein, gelernt die Stäbe, Von dannen zu reiten bin ich bereit; Im Geist erforsche ferner und sage mir, Wie lenkt mein Lebenslauf sich hernach?

Gripir:

 

19 Du wirst zu Heimirs Behausung kommen, Wirst dem Volksfürsten ein froher Gast sein. Zu End ist, Sigurd, was ich voraus sah: Nicht fürder sollst du Gripirn fragen.

Sigurd:

 

20 Nun schafft mir Sorge das Wort, das du sagtest, Denn Ferneres siehst du, Fürst, voraus. Weißt du unsägliches Unheil dem Sigurd, Darum du, Gripir, nicht gerne redest?

Gripir:

 

21 Mir lag der Lenz deines Lebens Hell vor Augen anzuschauen. Nicht mit Recht bin ich ratklug genannt, Noch vorwissend: was ich wußte, sprach ich.

Sigurd:

 

22 Auf Erden ahn ich den andern nicht, Der so vieles, Gripir, vorschaut als du.

Nicht sollst du mir bergen was Böses ist, War es auch Meintat, in meinem Geschick.

Gripir:

 

23 Nicht Laster liegen in deinem Lose, Halt das, herrlicher Held, im Gedächtnis.

Dieweil die Welt steht wird erhaben, Schlachtgebieter, bleiben dein Name. Sigurd:

 

24 Trennen, seh ich, muß sich nun trauernd Von dem Seher Sigurd, da es so sich fügt. Weise den Weg (gewiß ist doch alles) Mir, Mutterbruder, vermagst du es doch.

Gripir:

 

25 Nun will ich Sigurden alles sagen, Da mich drängt der Degen dazu. Wisse gewiß, die Wahrheit ist es: Dir ist ein Tag zum Tode bestimmt.

Sigurd:

 

26 Nicht reizen will ich dich, reicher König, Deinen guten Rat nur, Gripir, erlangen. Wissen will ich und sei es auch widrig, Welch Schicksal weißt du Sigurds warten?

Gripir:

 

27 Eine Maid ist bei Heimir, herrlich von Antlitz, Mit Namen ist sie Brünhild genannt, Die Tochter Budlis; aber der teure Heimir erzieht die hartgesinnte.

Sigurd:

 

28 Was mag mir schaden, ob schön die Maid Von Antlitz sei, die Heimir aufzieht?

Das sollst du mir, Gripir, von Grunde melden, Denn alles Schicksal schaust du voraus.

Gripir:

 

29 Schier alle Freude führt dir dahin Die Schöne von Antlitz, die Heimir aufzieht.

Schlaf wirst du nicht schlafen, nicht schlichten und richten, Die Männer meiden, du sähst denn die Maid.

Sigurd:

 

30 Was lindert das leidige Los dem Sigurd? Sage mir, Gripir, siehst du's voraus.

Mag ich die Maid um Mahlschatz kaufen, Des Volksgebieters blühende Tochter?

Gripir:

 

31 Ihr werdet euch alle Eide leisten, Hoch und heilig, doch wenige halten.

Warst du Giukis Gast eine Nacht, So hat Heimirs Maid dein Herz vergessen.

Sigurd:

 

32 Wie so denn, Gripir? Sage mir an. Weißt du Wankelmut in meinem Wesen?

Werd ich mein Wort nicht bewähren der Maid? Ich schien sie zu lieben aus lauterm Herzen.

Gripir:

 

33 Das wirst du, Fürst, durch fremde Tücke; Der Räte Grimhilds wirst du entgelten: Die Weißgeschleierte wird sie dir bieten, Die eigene Tochter: so betrügt sie dich, König!

Sigurd:

 

34 Schließ ich Verschwägerung mit Giukis Geschlecht Und gehe den Bund mit Gudrun ein, Wohl gefreit hätte der Fürst, Müßt ich mich nicht um Meineid ängstigen.

Gripir:

 

35 Grimhild wird dich gänzlich betören: Sie bringt dich dazu, um Brünhild zu werben Zu Händen Gunnard des Gotenkönigs. Zu früh gelobst du die Fahrt des Fürsten Mutter.

Sigurd:

 

36 Meintaten geschehen, das merk ich wohl: Übel wankt Sigurds Wille, Wenn ich werben muß um die wonnige Maid Einem andern zu Handen, der ich hold bin selber.

Gripir:

 

37 Ihr werdet euch alle Eide leisten, Gunnar und Högni, und du, Held, der dritte. Unterwegs wechselt ihr Wuchs und Gestalt, Du und Gunnar: Gripir lügt nicht!

Sigurd:

 

38 Warum tun wir das? Warum täuschen Wir unterwegs Wuchs und Gestalt? Schon fürcht ich, es folge noch andre Falschheit, Gar grimme: sprich, Gripir, weiter.

Gripir:

 

39 Du hast nun Gunnars Gang und Gestalt; Hast eigne Rede und edeln Sinn. So verlobst du dich dem erlauchten Hutkind Heimirs: das verhütet niemand!

Sigurd:

 

40 Das Schlimmste scheint mir, Sigurd gilt dann Dem Volk für falsch, fügt es sich so. Ungern möcht ich mit Arglist trügen Die Heldentochter, die ich die hehrste weiß.

Gripir:

 

41 Liegen wirst du, Lenker des Heers, Keusch bei der Maid wie bei der Mutter.

Drum wird erhaben so lange die Welt steht, Volksgebieter, dein Name bleiben.

 

42 Zumal werden beide Bräute vermählt, Sigurds und Gunnars, in Giukis Sälen.

Wieder wechseltet ihr Wuchs und Gestalt Daheim, nicht das Herz: das behielt jedweder.

Sigurd:

 

43 Wird gute Gattin Gunnar erwerben, Der herrliche Held? Verhehl es nicht, Gripir, Wenn des Degens Braut bei mir drei Nächte, Die hochherzge, lag? Unerhört ist solches.

 

44 Wie mag zur Freude noch frommen danach Der Männer Verwandtschaft? Melde mir, Gripir. Wird Glück dem Gunnar danach noch gönnen Solche Sippe, oder selber mir?

Gripir:

 

45 Dir gedenkt der Eide, mußt dennoch schweigen. Zwar Gudrunen liebst du in guter Ehe; Doch bös verbunden dünkt Brünhild sich, Die Schlaue sinnt sich Rache zu schaffen.

Sigurd:

 

46 Was wird zur Buße der Brünhild genügen, Da wir mit Tücke betrogen die Frau? Eide geschworen hab ich der Edeln Und nicht gehalten; auch hat sie nicht Frieden.

Gripir:

 

47 Die Grimme geht dem Gunnar sagen, Ihm habest du übel die Eide gehalten,

Da dir der Herrscher von ganzem Herzen doch, Giukis Erbe, Vertrauen gönnte.

Sigurd:

 

48 Wie ergeht das, Gripir? Gib mir Bescheid. Werd ich schuldig sein in dieser Sache, Oder verlügt mich das löbliche Weib, Und sich auch selber? Sage mir, Gripir.

Gripir:

 

49 Aus Herzensharm wird die hehre Frau Und aus Überschmerz euch Unheil fügen. Du gabst der Guten nicht Grund dazu, Obwohl ihr die Königin mit Listen kränktet.

Sigurd:

 

50 Wird ihrem Reizen der ratkluge Gunnar, Guthorm und Högni, dann Folge geben? Werden Giukis Söhne in mir Gesipptem Die Schwerter röten? Rede, Gripir.

Gripir:

 

51 Der Gudrun vergeht vor Grimm das Herz, Wenn dir ihre Brüder Verderben raten. Ledig lebt aller Lust Das weise Weib: das wirkte Grimhild.

 

52 Dir bleibt der Trost, Gebieter der Heerschar, Die Fügung fiel auf des Fürsten Leben: So edeln Mann wird die Erde nicht mehr Noch die Sonne schauen, Sigurd, als dich.

Sigurd:

 

53 Heil uns beim Scheiden! Das Geschick bezwingt man nicht. Mir ward der Wunsch hier, Gripir, gewählt. Du hättest gerne mehr Glück verheißen Meinem Lebenslauf, lag es an dir.

 

23. Sigurdharkvida Fafnisbana önnur

 

Das andere Lied von Sigurd dem Fafnirstöter

 

Sigurd ging zu Hialpreks Gestüt und wählte sich daraus einen Hengst, der seitdem Grani genannt wurde. Da war zu Hialprek Regin gekommen, Hreidmars Sohn. Er war über alle Männer kunstreich, dabei ein Zwerg von Wuchs. Er war weise, grimm und zauberkundig. Regin übernahm Sigurds Erziehung und Unterricht und liebte ihn sehr. Er erzählte dem Sigurd von seinen Voreltern und den Abenteuern, wie Odin, Hönir und Loki einst zu Andwaris Wasserfall kamen. In diesem Wasserfall war eine Menge Fische. Ein Zwerg, der Andwari hieß, war lange in dem Wasserfall in Hechtsgestalt und fing sich da Speise. "Otr hieß unser Bruder", sprach Regin, "der fuhr oft in den Wasserfall in Otters Gestalt. Da hatte er einst einen Lachs gefangen und saß am Flußrand und aß blinzelnd. Loki warf ihn mit einem Stein zu Tode. Da dauchten sich die Asen sehr glücklich gewesen zu sein und zogen dem Otter den Balg ab. Denselben Abend suchten sie Herberge bei Hreidmar und zeigten ihm ihre Beute. Da griffen sie sie mit Händen und legten ihnen Lebenslösung auf: sie sollten den Otterbalg mit Gold füllen und außen mit rotem Golde bedecken. Da schickten sie Loki aus, das Gold zu beschaffen. Er kam zu Ran und erhielt ihr Netz und warf das Netz vor den Hecht und er lief in das Netz.

Da sprach Loki:

 

1 Was für ein Fisch ist's, der in der Flut rennt, Kann sich vor Witz nicht wahren? Aus Hels Hause löse dein Haupt nun Und schaffe mir glänzende Glut. Andwari, der Hecht:

 

2 Andwari heiß ich, Oïn hieß mein Vater; Durch manchen Flußfall fuhr ich. Früh fügte mir eine feindliche Norne, Ich sollt im Wasser waten.

Loki:

 

3 Sage mir, Andwari, so du anders willst Bei Menschen länger leben, Welche Strafe wird Menschensöhnen, Die sich mit Lug verletzen?

Andwari:

 

4 Harte Strafe wird Menschensöhnen, Die in Wadgelmir waten. Wer mit Unwahrheit den andern verlügt, Überlang schmerzen die Strafen.

Loki sah all das Gold, das Andwari besaß. Aber als dieser das Goldentrichtet hatte, hielt er einen Ring zurück. Loki nahm ihm auch den hinweg. Da ging der Zwerg in den Stein und sprach:

 

5 Nun soll das Gold, das Gust hatte, Zweien Brüdern das Ende bringen Und der Edelinge acht verderben: Mein Gold soll keinem zu Gute kommen. Die Asen entrichteten dem Hreidmar den Schatz, füllten den Otterbalg und stellten ihn auf die Füße. Da sollten die Asen das Gold darum legen und den Otter hüllen. Aber als es getan war, ging Hreidmar hinzu und sah ein Barthaar und hieß auch das hüllen. Da zog Odin den Ring Andwara-Naut hervor und hüllte das Haar.

Loki:

 

6 Ich gab dir das Gold, Entgeltung ward dir, Herrliche, meines Hauptes. Deinem Sohne schafft es keinen Segen Es bringt euch beiden den Tod.

Hreidmar:

 

7 Gaben gabst du, nicht Liebesgaben, Gabst nicht aus holdem Herzen. Eures Lebens wärt ihr ledig, Wußt ich diese Gefähr zuvor.

Loki:

 

8 Noch übler ist was zu ahnen mich dünkt, Der Künftigen Kampf um ein Weib.

Ungeboren noch acht ich die Edelinge, Die um den Hort sich hassen.

Hreidmar:

 

9 Das rote Gold ist mir vergönnt. Denk ich, so lang ich lebe. Deine Drohungen fürcht ich keinen Deut; Aber hebt euch heim von hinnen. Fafnir und Regin verlangten von Hreidmar Verwandten-Buße wegen ihres Bruders Otr. Er aber sagte nein dazu. Da tötete Fafnir seinen Vater Hreidmar mit dem Schwert, als er schlief. Hreidmar rief seinen Töchtern:

 

10 Lyngheid und Lofnheid! Mein Leben ist aus, Um Rache trauer ich Betrübter. Lyngheid: Die Schwester mag selten, wenn der Vater erschlagen ist, Der Brüder Verbrechen ahnden.

Hreidmar:

 

11 Erzieh ein Mädchen, wolfherzige Maid, Entspringt deinem Schoße nicht ein Sohn; Gib der Maid einen Mann, es mahnt die Not: So soll ihr Sohn uns Rache schaffen. Da starb Hreidmar; aber Fafnir nahm das Gold. Da verlangte auch Regin sein Vatererbe. Aber Fafnir sagte nein dazu. Da suchte Regin Rat bei Lyngheid, seiner Schwester, wie er sein Vatererbe erlangen solle. Sie sprach:

 

12 Vom Bruder erbitte brüderlich Das Erb und edlern Sinn. Nicht steht es dir zu, mit dem Schwerte Von Fafnir zu fordern das Gut. Diese Dinge erzählte Regin dem Sigurd. Jenes Tages, da er zu Regins Hause kam, wurde er wohl empfangen. Regin sprach:

 

13 Nun ist Sigmunds Sohn gekommen, Der hurtige Held, zu unserm Haus;

Mut hat er mehr als ich alter Mann: Bald kommt mir Kampf von dem kühnen Wolf.

 

14 Ich habe des heerkühnen Helden zu pflegen, Der uns ein Enkel Yngwis kam.

Er wird der Männer Mächtigster werden. Laut umreist die Welt des Schicksals Gewebe. Sigurd blieb nun beständig bei Regin und da sagte er dem Sigurd, daß Fafnir auf der Gnitaheide läge in Wurmgestalt. Er hatte den Ögishelm, vor dem alles Lebende sich entsetzte. Regin schuf dem Sigurd ein Schwert, Gram genannt: das war so scharf, daß er es in den Rhein steckte und ließ eine Wollflocke den Strom hinab treiben: da zerschnitt das Schwert die Flocke wie das Wasser. Mit diesem Schwert schlug Sigurd Regins Amboß entzwei. Danach reizte Regin den Sigurd, den Fafnir zu töten: er aber sprach:

 

15 Laut würden Hundings Söhne lachen, Die um sein Leben Eilimi brachten,

Wenn mich, einen König, mehr verlangte Nach roten Ringen als nach Vaterrache.

 

II

 

König Hialprek gab dem Sigurd Schiffsvolk zur Vaterrache. Da traf sie ein gewaltiges Unwetter, so daß sie vor einem Vorgebirge halten mußten. Ein Mann stand am Berg und sprach:

 

16 Wer reitet dort auf Räwils Hengsten Über wilde Wogen und wallendes Meer?

Vom Schweiße schäumen die Segelpferde: Die Wellenrosse werden den Wind nicht halten.

Regin:

 

17 Hier sind wir mit Sigurd auf Seebäumen: Wir fanden Fahrwind in den Tod zu fahren. Über die Schiffsschnäbel schlägt uns das Meer: Die Flutrosse fallen; wer fragt danach?

Der Mann:

 

18 Hnikar hieß man mich, wenn ich Hugin erfreute, Junger Wölsung, auf der Walstatt. Nun magst du mich nennen den Mann vom Berge, Feng oder Fiölnir; Fahrt will ich schaffen. Da legten sie ans Land; der Mann ging aufs Schiff und beschwichtigte das Wetter.

Sigurd:

 

19 Künde mir, Hnikar, du kennst die Zeichen Des Glücks bei Göttern und Menschen: Vor dem Gefecht was ist der erfreulichste Angang beim Schwerterschwingen?

Hnikar:

 

20 Manche sind gut, wenn Menschen sie wüßten, Angänge beim Schwerterschwingen. Gut dünkt mich zunächst des nachtschwarzen Raben Geleit dem Lenker der Schlachten.

 

21 Gut auch ist der Angang, so du hinaus kommst Und stehst bereit zur Reise, Wenn zwei vor dem Hofe zum Zweikampf fertig stehn, Ruhmgierige Recken.

 

22 Der Angang auch ist gut, wenn bei der Esche Du den Wolf hörst heulen: Über Helmträger hast du Sieg zu hoffen, Siehst du ihn vorwärts fahren.

 

23 Stehe keiner beim Kampf entgegen Der spät scheinenden Schwester des Mondes. Die sollen siegen, die sehen können Wenn das Schwertspiel beginnt, der Schlachtkeil geordnet wird.

 

24 Da fürchte Gefahr, wenn der Fuß dir strauchelt, So du zum Kampfe kommst. Trugdisen stehn dir zu beiden Seiten Und wollen dich verwundet sehn.

 

25 Gekämmt und gewaschen sei der Kämpfer Und halte sein Mahl am Morgen: Ungewiß ist wo der Abend ihn findet, Und übel, vor der Zeit fallen. Sigurd hielt eine große Schlacht mit Lyngwi, Hundings Sohn, und dessen Brüdern. Da fiel Lyngwi und die Brüder. Nach dem Kampf sprach Regin:

 

26 Nun ist der Blutaar mit beißendem Schwert In den Rücken geschnitten Sigmunds Mörder. Kein Größerer je hat den Grund getötet Aller fürstlichen Erben, und die Raben erfreut. Sigurd fuhr heim zu Hialprek. Da reizte Regin den Sigurd, daß er Fafnir töte.

 

24. Fafnismal

 

Das Lied von Fafnir

 

Sigurd und Regin fuhren aufwärts zur Gnitaheide und fanden da Fafnirs Weg, auf dem er zum Wasser kroch. Da machte Sigurd eine große Grube im Weg und stellte sich hinein. Als aber Fafnir von seinem Gold kroch, blies er Gift von sich und das fiel dem Sigurd von oben aufs Haupt. Als aber Fafnir über die Grube wegglitt, stach ihm Sigurd das Schwert ins Herz. Fafnir schüttelte sich und schlug mit Haut und Schweif. Da sprang Sigurd aus der Grube, wo dann einer den andern sah. Fafnir sprach:

 

1 Gesell und Gesell, welcher Gesell erzeugte dich, Was bist du mir ein Menschenkind? Der in Fafnir färbtest den funkelnden Stahl; Mir haftet im Herzen dein Schwert. Aber Sigurd verhehlte seinen Namen, weil es in alter Zeit Glaube war, daß eines Sterbenden Wort viel vermöchte, wenn er seinen Feind mit Namen verwünschte. Er sprach:

 

2 Wundertier heiß ich, ich wank umher, Ein Kind, das keine Mutter kennt. Auch miß ich den Vater, den Menschen sonst haben, Ich gehe einsam, allein.

Fafnir:

 

3 Missest du den Vater, den Menschen sonst haben, Welches Wunder erzeugte dich?

Sigurd:

 

4 Mein Geschlecht ist dir schwerlich kund Und ich selber auch nicht. Sigurd heiß ich, Sigmund hieß mein Vater; Meine Waffe verwundete dich.

Fafnir:

 

5 Wer reizte dich? Wie ließest du dich reizen Mein Leben zu morden, Klaräugiger Knabe? Kühn war dein Vater: Dem Ungebornen vererbt er den Sinn

Sigurd:

 

6 Mich reizte das Herz; die Hände vollbrachten's Und mein scharfes Schwert. Keiner ist kühn, wenn die Jahre kommen, Der von Kindesbeinen blöd war.

Fafnir:

 

7 Wärst du erwachsen an der Verwandten Brust, Man kennte dich kühn im Kampfe; In Haft bist du hier, ein Heergefangner: Stets, sagt man, bebt der Gebundne.

Sigurd:

 

8 Welcher Vorwurf, Fafnir, als ob ich fern war Meinem Mutterlande? Nicht war ich in Haft hier, auch als Heergefangner; Du fühlst wohl, daß ich frei bin.

Fafnir:

 

9 Einen Vorwurf findest du in freundlichem Wort; Aber eins verkünd ich dir: Das gellende Gold, der glutrote Schatz, Diese Ringe verderben dich.

Sigurd:

 

10 Goldes walten will ein jeder Stets bis an den einen Tag. Denn einmal muß jeder Mann doch Fahren von hinnen zu Hel.

Fafnir:

 

11 Du nimmst für nichts der Nornen Spruch, Mein Wort für unweise Rede. Doch ertrinkst du im Wasser, ob du beim Winde ruderst: Alles sterbt ihn, der sterben soll.

 

12 Der Schreckenshelm schützte mich lange, Da ich über Kleinoden kroch; Allein daucht ich mich stärker als alle Und fand selten meinen Mann.

Sigurd:

 

13 Keinen mag schützen der Schreckenshelm, Wo Zornige kommen zu kämpfen. Wer mit vielen ficht befindet bald: Keiner ist allein der Kühnste.

Fafnir:

 

14 Gift blies ich, da ich auf dem Golde lag, Dem vielen, meines Vaters.

Sigurd:

 

15 Wohl warst du furchtbar, du funkelnder Wurm; Ein hartes Herz erhieltest du. Der Mut schwillt mächtig den Menschensöhnen, Die solchen Helm haben.

 

16 Laß dich fragen, Fafnir, da du vorschauend bist Und wohl manches weißt: Welches sind die Nornen, die notlösend heißen Und Mütter mögen entbinden?

Fafnir:

 

17 Verschiedenen Geschlechts scheinen die Nornen mir Und nicht eines Ursprungs. Einige sind Asen, andere Alfen, Die dritten Töchter Dwalins.

Sigurd:

 

18 Laß dich fragen, Fafnir, da du vorschauend bist Und wohl manches weißt: Wie heißt der Holm, wo Herzblut mischen Surtur einst und Asen?

Fafnir:

 

19 Oskopnir (unvermeidlich) heißt er, wo alle Götter Dereinst mit Speeren spielen. Bifröst bricht eh beide sich scheiden Und im Strome schwimmen die Rosse.

 

20 Nun rat ich dir, Sigurd, nimm an den Rat Und reit heim von hinnen. Das gellende Gold, der glutrote Schatz, Diese Ringe verderben dich.

Sigurd:

 

21 Rat ist mir geraten; ich reite dennoch Zu dem Hort auf der Heide. Du Fafnir lieg in letzten Zügen Bis du hin mußt zu Hel.

Fafnir:

 

22 Regin verriet mich, er verrät auch dich, Er bringt uns beiden den Tod. Sein Leben muß nun Fafnir lassen, Deine Macht bemeistert mich. Regin war fortgegangen, während Sigurd Fafnirn tötete; er kam zurück, als Sigurd das Blut vom Schwerte wischte. Regin sprach:

 

23 Heil dir nun, Sigurd, du hast Sieg erkämpft Und den Fafnir gefällt. Von allen Männern, die auf Erden wandeln, Acht ich dich den unverzagtesten.

Sigurd:

 

24 Ungewiß bleibt, wo alle vereint sind, Der Sieggötter Söhne, Welcher der unverzagteste ist: Mancher ist kühn, der die Klinge nie Barg in des andern Brust.

Regin:

 

25 Stolz bist du, Sigurd, und siegesfreudig, Da du Gram im Grase wischest. Den Bruder hast du mir umgebracht; Doch trag ich selbst der Schuld ein Teil.

Sigurd:

 

26 Du rietest dazu, daß ich reiten sollte Über die heiligen Berge her. Gut und Leben gegönnt war dem glänzenden Wurm, Triebest du mich nicht zur Tat. Da ging Regin zu Fafnir und schnitt ihm das Herz aus mit dem Schwert, das Ridil heißt, und trank dann das Blut aus der Wunde.

Regin:

 

27 Sitze nun, Sigurd; ich schlafe derweil, Und halte Fafnirs Herz ans Feuer. Ich will das Herz zu essen haben Auf den Bluttrunk, den ich trank.

Sigurd:

 

28 Fern entflohst du, während in Fafnir ich Rötete das scharfe Schwert. Meine Stärke setzt ich wider den starken Wurm, So lange du auf der Heide lagst.

Regin:

 

29 Lange liegen ließest du auf der Heide Jenen alten Joten, Wenn du das Schwert nicht schwangst, das ich dir schuf, Die wohlgewetzte Waffe.

Sigurd:

 

30 Mut in der Brust ist besser als Stahl, Wo sich Tapfere treffen. Den Kühnen immer sah ich erkämpfen Mit stumpfem Schwerte den Sieg.

 

31 Der Kühne mag besser als der Bange kann Sich im Kriegesspiel versuchen. Mehr gelingt dem Muntern als dem Mürrischen Was er hab in der Hand. Sigurd nahm Fafnirs Herz und briet es am Spieß. Und als er dachte, daß es gar wäre, und der Saft aus dem Herzen schäumte, da stieß er daran mit seinem Finger und versuchte, ob es gar gebraten wäre. Er verbrannte sich und steckte den Finger in den Mund. Aber als Fafnirs Herzblut ihm auf die Zunge kam, da verstand er der Vögel Stimmen. Er hörte, daß Adlerinnen auf den Zweigen zwitscherten.

Eine von den Adlerinnen:

 

32 Da sitzt Sigurd blutbespritzt Und brät am Feuer Fafnirs Herz. Klug däuchte mich der Ringverderber, Wenn er das leuchtende Lebensfleisch äße.

Die andere:

 

33 Da liegt nun Regin und geht zu Rat Wie er trüge den Mann, der ihm vertraute; Sinnt in der Bosheit auf falsche Beschuldigung: Der Unheilschmied brütet dem Bruder Rache.

Die dritte:

 

34 Hauptes kürzer laß er den haargrauen Schwätzer Fahren von hinnen zu Hel. So soll er den Schatz besitzen allein, Wie viel des unter Fafnir lag.

Die vierte:

 

35 Er däuchte mich klug, gedächt er zu nützen Den Anschlag, Schwestern, den ihr wohl ersannt. Er berate sich rasch die Raben zu erfreuen, Denn den Wolf erwart ich, gewahr ich sein Ohr.

Die fünfte:

 

36 So klug ist nicht der Kampfesbaum, Wie ich den Heerweiser hätte gewähnt, Läßt er den einen Bruder ledig Und hat den andern umgebracht.

Die sechste:

 

37 Sehr unklug scheint er mir, schont er länger noch Den gemeingefährlichen Feind. Dort liegt Regin, der ihn verraten will; Er weiß sich davor nicht zu wahren.

Die siebente:

 

38 Um den Kopf kürz er den eiskalten Joten Und beraub ihn der Ringe. So sind die Schätze, die Fafnir besessen, Ihm allein zu eigen.

Sigurd:

 

39 So verrat mich das Los nicht, daß Regin sollte Mir zum Mörder werden: Beide Brüder sollen alsbald Fahren von hinnen zu Hel. Sigurd hieb Regin das Haupt ab, und aß Fafnirs Herz und trank beider Blut, Regins und Fafnirs. Da hörte Sigurd, was die Adlerinnen sangen:

 

40 Mit den roten Ringen bereife dich, Sigurd; Um Künftges sich kümmern ziemt Königen nicht. Ein Weib weiß ich, ein wunderschönes, Goldbegabt: war sie dir gegönnt!

 

41 Zu Giuki gehen grüne Pfade: Dem Wandernden weist das Schicksal den Weg. Da hat eine Tochter der teure König: Die magst du, Sigurd, um Mahlschatz kaufen.

 

42 Ein Hof ist auf dem hohen Hindarfiall Ganz von Glut umgeben außen. Ihn haben hehre Herrscher geschaffen Aus undunkler Erdenflamme.

 

43 Auf dem Steine schläft die Streiterfahrene, Und lodernd umleckt sie der Linde Feind. Mit dem Dorn stach Ygg sie einst in den Schleier, Die Maid, die Männer morden wollte.

 

44 Schaun magst du, Mann, die Maid unterm Helme, Die aus dem Gewühl trug Wingskornir das Roß. Nicht vermag Sigdrifas Schlaf zu brechen Ein Fürstensohn eh die Nornen es fügen. Sigurd ritt auf Fafnirs Spur nach dessen Haus und fand es offen und die Türen von Eisen und aufgeklemmt. Von Eisen war auch alles Zimmerwerk am Haus, und das Gold war unten in die Erde gegraben. Da fand Sigurd großmächtiges Gut und füllte damit zwei Kisten. Da nahm er Ögishelm und die Goldbrünne und das Schwert Hrotti und viele Kostbarkeiten und belud Grani damit. Aber das Roß wollte nicht fortgehen, bis Sigurd auf seinen Rücken stieg.

 

25. Sigrdrifumal

 

Das Lied von Sigdrifa

 

Sigurd ritt hinauf nach Hindarfiall und wandte sich südwärts gen Frankenland. Auf dem Berge sah er ein großes Licht gleich als brennte ein Feuer, von dem es zum Himmel emporleuchtete. Aber als er hinzukam, stand da eine Schildburg und oben heraus ein Banner. Sigurd ging in die Schildburg und sah, daß da ein Mann lag und in voller Rüstung schlief. Dem zog er zuerst den Helm vom Haupt: da sah er, daß es ein Weib war. Die Brünne war fest als war sie ans Fleisch gewachsen. Da ritzte er mit Gram die Brünne durch vom Haupt herab und danach auch an beiden Armen. Darauf zog er ihr die Brünne ab; aber sie erwachte, richtete sich empor, sah den Sigurd an und sprach:

 

1 Was zerschnitt mir die Brünne? Wie brach mir der Schlaf? Wer befreite mich der falben Bande? Sigurd: Sigmunds Sohn: eben zerschnitt Das Wehrgewand dir Sigurds Waffe.

Sigdrifa:

 

2 Lange schlief ich, lange hielt mich der Schlummer, Lange lasten Menschenlose. So waltete Odin, ich wußte nicht Die Schlummerrunen abzuschütteln. Sigurd setzte sich nieder und fragte nach ihrem Namen. Da nahm sie ein Horn voll Met und gab ihm Minnetrank.

 

3 Heil dir Tag, Heil euch Tagessöhnen, Heil dir Nacht und nährende Erde: Mit unzorngen Augen schaut auf uns Und gebt uns Sitzenden Sieg.

 

4 Heil euch Asen, Heil euch Asinnen, Heil dir, fruchtbares Feld! Wort und Weisheit gewährt uns edeln zwein Und immer heilende Hände! Sie nannte sich Sigdrifa und war Walküre. Sie erzählte, wie zwei Könige sich bekriegten: der eine hieß Hialmgunnar, der war alt und der größte Krieger, und Odin hatte ihm Sieg verheißen: Der andre hieß Agnar, Adas Bruder: Dem wollte niemand Schutz gewähren. Sigdrifa fällte den Hialmgunnar in der Schlacht; aber Odin stach sie zur Strafe dafür mit einem Schlafdorn und sagte, von nun an solle sie nie wieder Sieg erfechten im Kampfe, sondern sich vermählen. "Aber ich sagte ihm, daß ich das Gelübde täte, mich keinem Manne zu vermählen, der sich fürchten könne." Sigurd antwortete und bat sie, ihn Weisheit zu lehren, da sie die Mären aus allen Welten wüßte.

Sigdrifa:

 

5 Bier bring ich dir, du Baum in der Schlacht, Mit Macht gemischt und Mannesruhm, Voll der Lieder und lindernder Sprüche, Guter Zauber voll und Freudenrunen.

 

6 Siegrunen schneide, wenn du Sieg willst haben; Grabe sie auf des Schwertes Griff; Auf die Seiten einige, andere auf das Stichblatt Und nenne zweimal Tyr.

 

7 Aelrunen kenne, daß des andern Frau Dich nicht trüge wenn du traust. Auf das Horn ritze sie und den Rücken der Hand Und mal ein N (Not) auf den Nagel.

 

8 Die Füllung segne vor Gefahr dich zu schützen Und lege Lauch in den Trank. So weiß ich wohl wird dir nimmerdar Der Met mit Wein gemischt.

 

9 Bergrunen schneide, wenn du bergen willst Und lösen die Frucht von Frauen, In die hohle Hand und hart um die Knöchel Und heische der Disen Hilfe.

 

10 Brandungsrunen schneide, wenn du bergen willst Im Sund die Segelrosse; Aufs Steven sollst du sie und aufs Steuerblatt ritzen, Dabei ins Ruder brennen: Nicht so wild ist der Sturm, nicht so schwarz die Welle, Heil kommst du heim vom Meere.

 

11 Astrunen kenne, wenn du Arzt willst sein Und Wunden wissen zu heilen. In die Rinde ritze sie und das Reis am Baum, Wo ostwärts die Äste sich wenden.

 

12 Gerichtsrunen kenne, wenn du der Rache willst Deiner Schäden sicher sein. Die winde du ein, die wickle du ein Und setze sie alle zusammen Bei der Malstätte, wo Männer sollen Zu vollzähligem Gerichte ziehen.

 

13 Geistrunen schneide, willst du klüger scheinen Als ein anderer Mann. Die ersann und sprach, die schnitt zuerst Odin, der sie auserdacht Aus der Flut, die geflossen war Aus dem Hirn Heiddraupnirs; Aus dem Horn Hoddraupnirs.

 

14 Auf dem Berge stand er mit blankem Schwert, Den Helm auf dem Haupte. Da hub Mimirs Haupt an weise das erste Wort Und sagte wahre Stäbe.

 

15 Auf dem Schilde stünden sie vor dem scheinenden Gott, Auf Arwakrs Ohr und Alswidrs Huf, Auf dem Rad, das da rollt unter Rögnirs Wagen, Auf Sleipnirs Zähnen, auf des Schlittens Bandern.

 

16 Auf des Bären Tatze, auf Bragis Zunge, Auf den Klauen des Wolfs und den Krallen des Adlers, Auf blutigen Schwingen, auf der Brücke Kopf, Auf des Lösenden Hand und des Lindernden Spur.

 

17 Auf Gold und Glas, auf dem Glück der Menschen, In Wein und Würze, auf der Wala Sitz, Auf Gungnirs Spitze und Granis Brust, Auf dem Nagel der Norn und der Nachteule Schnabel.

 

18 Geschabt wurden alle, die geschnitten waren, Mit hehrem Met geheiligt Und gesandt auf weite Wege. Die sind bei den Asen, die bei den Alfen, Die bei weisen Wanen, Einige unter Menschen.

 

19 Das sind Buchrunen, das sind Bergrunen, Dies alle Aelrunen Und rühmliche Machtrunen, Wer sie unverwirrt und unverdorben Walten läßt zu seinem Wohl. Lerne sie und laß sie wirken Bis die Götter vergehn.

 

20 Wähle nun, da die Wahl dir geboten ist, Scharfer Waffenstamm: Sagen oder Schweigen ersinne dir selber; Alle Meintat hat ihr Maß.

Sigurd:

 

21 Nicht werd ich weichen, war gewiß mir der Tod, Ich bin nicht blöde geboren. Deinem treuen Rat vertrauen werd ich So lange mir Leben währt.

Sigdrifa:

 

22 Das rat ich zuvörderst, gegen Freunde stets Ledig zu leben aller Schuld. Sei zu Rache nicht rasch, wenn sie dir Unrecht tun, Das sagt man, taugt im Tode.

 

23 Das rat ich zum andern, keinen Eid zu schwören, Der sich als wahr nicht bewährt. Grimme Fesseln folgen dem Meineid, Unselig ist der Schwurbrecher.

 

24 Das rat ich zum dritten, daß du beim Dingmahl nicht Mit läppischen Leuten rechtest. Ein unkluger Mann kann oft doch sagen Schlimmere Dinge, denn er weiß.

 

25 Schlimm bleiben sie stets, denn schweigst du dazu, So dünkst du blöde geboren, Oder nicht mit Unrecht angeklagt. Viel liegt am Leumund, Drum gib dir Müh um guten. Laß andern Tags sein Leben enden: So lohne den Leuten die Lüge.

 

26 Das rat ich zum vierten, wenn eine Vettel, die Am Wege wohnt, der Schanden voll, Besser als bleiben dabei ist fortgehn, Übernähme dich auch die Nacht.

 

27 Muntrer Augen braucht ein Menschensohn, Wo es kommt zu heißem Kampf. Am Wege sitzen böse Weiber oft, Die Schwert und Sinn betäuben.

 

28 Das rat ich dir fünftens, wo du schöne Frauen Sitzen siehst auf den Bänken, Laß Weiberschönheit dir den Schlaf nicht rauben, Noch hoffe sie heimlich zu küssen.

 

29 Das rat ich dir sechstens, wo Männer gesellig Worte wechseln hin und her, Trunken tadle nicht tapfre Männer: Manchem raubt der Wein den Witz.

 

30 Tobende Trunkenheit hat Betrübnis schon Manchem Manne gebracht, Einigen Unheil, andern den Tod; Vielfältig ist das Leiden.

 

31 Das rat ich zum siebenten, wo du zu schaffen hast Mit beherzten Helden, Mehr frommt fechten als in Feuer aufgehn Mit Hof und Halle.

 

32 Das rat ich dir achtens. Unrecht zu meiden Und List und lose Tücke; Keine Maid verführe, noch des andern Gemahl, Verleite sie nicht zur Lüsternheit.

 

33 Das rat ich dir neuntens, nimm dich des Toten an, Wo du im Feld ihn findest, Sei er siechtot oder seetot, Oder am Stahl gestorben.

 

34 Ein Hügel hebe sich dem Hingegangenen, Gewaschen seien Haupt und Hand. Zur Kiste komm er gekämmt und trocken, Und bitte, daß er selig schlafe.

 

35 Das rat ich zum zehnten, zögre zu trauen Gesipptem Freund des Feindes, Dessen Bruder du umbrachtest, Dessen Vater du fälltest: Dir steckt ein Wolf im unmündigen Sohn, Hat gleich ihn Gold beschwichtigt.

 

36 Wähne Streit und Haß nicht eingeschlafen, Noch halte Harm für vergessen. Witz und Waffen wisse zu brauchen, Der von allen der erste sein will.

 

37 Das rat ich dir elftens, betrachte das Übel, Welchen Weg es nehmen will. Nicht lange wähn ich des Königs Leben: Übler Trug ist angelegt. Sigurd sprach: Kein weiseres Weib ist zu finden als du, und das schwör ich, daß ich dich haben will, denn du bist nach meinem Sinn. Sie antwortete: Dich will ich und keinen andern, hätt ich auch zu wählen unter allen Männern. Und dies befestigten sie unter sich mit Eiden.

 

26. Brot af Brynhildarkvidu .

 

Bruchstück eines Brünhildenliedes

Högni:

 

1 Wie bist du, Gunnar, Giukis Erzeugter, Zur Rache bereit und mordlichem Rat?

Was hat so Schweres Sigurd verbrochen, Daß du dem Kühnen willst kürzen das Leben?

Gunnar:

 

2 Mir hat Sigurd Eide geschworen, Eide geschworen und alle gebrochen. Treulos täuscht er mich, als er in Treue mir Seine Schwüre bewähren sollte.

Högni:

 

3 Dich hat Brünhild Böses zu tun Im Zorn gereizt zu Rachsucht und Mord. Gudrunen gönnt sie so gute Ehe nicht, Sie selbst zu besitzen, sie mißgönnt es dir.

 

4 Sie brieten Wolfsfleisch, den Wurm zerschnitten sie, Gaben dem Guthorm Geierfleisch Ehe sie mochten, die Mordgierigen, An den hehren Helden die Hände legen.

 

5 Gesunken war Sigurd südlich am Rhein: Von hoher Heister schrie heiser ein Rabe: "In Euch wird Atli das Eisen röten; Eure Eide überwinden Euch, Mörder!"

 

6 Außen stand Gudrun, Giukis Tochter; Dies war das erste Wort, das sie sprach: Wo säumt nun Sigurd, der Sieger der Männer, Daß meine Freunde zuvorderst reiten?

 

7 Allein war's Högni, der Antwort gab: "Mit dem Schwert erschlagen den Sigurd haben wir; Den Kopf hängt das Grauroß über den toten König."

 

8 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter: "Nun werdet ihr walten des Lands und der Waffen: Die hätte der Hunnische beherrscht allein, Ließt ihr das Leben ihn länger behalten.

 

9 "Nicht frommt es, herrschte der Fürst noch länger Über Giukis Erb und der Goten Menge, Wenn die Schar zu durchschneiden der Söhne fünf, Der kampfkühnen, der König hier zeugte."

 

10 Da lachte Brünhild, die Burg rings erscholl; Es ging ihr wieder aus ganzem Herzen: "Lang mögt ihr walten des Lands und der Waffen, Da ihr den kühnen König fälltet."

 

11 Da sprach Gudrun, Giukis Tochter: "Du freust dich frech der freveln Tat; Doch Geister ergreifen einst Gunnar den Mörder: Züchtigung ziemt dem zorngrimmen Herzen."

 

12 Am tiefen Abend - getrunken war viel Und mancher Scherzspruch gesprochen dabei - Bald entschliefen die zu Bette kamen; Gunnar allein von allen wachte.

 

13 Die Füße bewegt er, sprach viel mit sich selbst; Der Weiser der Wehrschar erwog im Herzen: Was sich geschwätzig wohl sagten die beiden, Aar und Rabe auf ihrem Heimritt?

 

14 Brünhild erwachte, Budlis Erzeugte, Der Skiöldungen Tochter, eh der Tag erschien: "Nun mögt ihr mich mahnen, der Mord ist vollbracht! Mein Leid zu sagen, oder abzulassen.

 

15 Grimmes sah ich, Gunnar, im Schlaf: Im Saal alles tot, ich schlief im kalten Bett, Dieweil du, König, kummervoll rittest Die Fessel am Fuß in der Feinde Heer: So soll, Niflungen, nun euer Geschlecht Die Macht missen, denn meineidig seid ihr.

 

16 So gänzlich, Gunnar, vergaßest du's, Wie das Blut in die Fußspur euch beiden rann! Nun hast du das alles ihm übel gelohnt, Daß der Fürst der vorderste stets gefunden ward.

 

17 Klar ward es erkannt, da geritten kam Zu mir der Mutige, mich dir zu werben, Wie der Wehrscharweiser wandellos Die Eide hielt dem jungen Helden.

 

18 Das Schwert legte, das goldgeschmückte, Der mächtige König mitten zwischen uns, Mit Feuer außen die Ecken belegt, Mit Eitertropfen innen bestrichen."

 

19 Sie schwiegen alle still bei dem Wort. Keinem gefiel solcher Frauenbrauch, Wie sie mit Weinen von dem Werk nun sprach, Zu dem sie lachend die Helden lud. Hier ist in dem Lied gesagt von dem Tod Sigurds. Und geht es hier so zu, als hätten sie ihn draußen getötet; aber einige erzählen so, daß sie ihn erschlugen drinnen in seinem Bette, den schlafenden. Aber Männer sagen, daß sie ihn erschlugen draußen im Walde. Und so heißt es im alten Lied von Gudrun, daß Sigurd und Giukis Söhne zum Thing geritten waren, als sie ihn erschlugen. Aber das sagen alle einstimmig, daß sie ihn treulos betrogen und ihn mordeten liegend und wehrlos.

 

27. Sigurdarkvida Fafnisbana thridja .

 

Das dritte Lied von Sigurd dem Fafnirstöter

 

1 Einst geschah's, daß Sigurd Giuki besuchen kam, Der junge Wölsung, des Wurms Besieger. Mit beiden Brüdern schloß er den Bund; Eide schwuren sich die Unverzagten.

 

2 Eine Maid bot man ihm und Menge des Schatzes, Die junge Gudrun, Giukis Tochter. Traulich tranken der Tage manchen Sigurd der junge und die Söhne Giukis.

 

3 Bis sie um Brünhild zu bitten fuhren, Da sich auch Sigurd gesellte zu ihnen, Der junge Wölsung, den Weg zu zeigen; Sein wäre sie, wenn es das Schicksal wollte.

 

4 Sigurd der südliche sein Schwert legt er, Die zierliche Waffe, mitten zwischen sie. Er küßte nicht die Königin, Der hunnische Held hob in den Arm sie nicht; Dem Erben Giukis gab er die junge.

 

5 An seinem Leibe lag kein Tadel, Zu rügen war an dem Reinen nichts, Kein Fehl zu finden noch vorzugeben. Inmitten gingen grimme Nornen.

 

6 Einsam saß sie außen, wenn der Abend kam, Irr vor Liebe ließ sie die Rede nicht: "Sterben will ich oder Sigurd hegen, Den alljungen Mann, in meinem Arm.

 

7 Die rasche Rede, nun reut sie mich wieder: Seine Gattin ist Gudrun, da ich Gunnars bin. Üble Nornen schufen uns langes Unheil."

 

8 Oft ging sie, ganz von Grimm erfüllt, Über Eis und Gletscher, wenn der Abend kam,

 

Daß er und Gudrun zu Bette gingen Und Sigurd die Braut in die Decken barg, Der hunnische König, und koste die Frau.

 

9 "Die Freud ist mir entfremdet, des Freunds entbehr ich, Nur Graun mag mich ergötzen und grimmer Sinn."

 

10 So mahnte sie den Mut zum Mord im Zorn: "Ganz und gar sollst du, Gunnar, entsagen Mir zumal und meinen Landen. Nicht froh hinfort, werd ich, Fürst, bei dir.

 

11 Dahin will ich wieder wo ich war zuvor, Zu meinen Freunden und nächsten Vettern. Da will ich sitzen, verschlafen mein Leben, So du den Sigurd nicht sterben lassest Und vielen Fürsten furchtbar gebietest.

 

12 Fort mit dem Vater fahre der Sohn: Unweise war es den jungen Wolf ziehn. Welchem Manne wird die Mordbuße Zu sanfter Sühne bei des Sohnes Leben?"

 

13 Trübe ward Gunnar und trauervoll, Schwankendes Sinnes saß er den langen Tag: Immer noch wußt er nicht für gewiß Was ihm am meisten möchte geziemen, Was ihm zu tun das Tauglichste wäre: Er wußte, des Wölsungs würd er beraubt, Und konnte Sigurds Verlust nicht verschmerzen.

 

14 Gleich lange bedacht er dieses wie jenes. Das war selten geschehen vordem, Daß der Königswürde ein Weib entsagte. Da hieß er den Högni heischen zum Gespräch, Denn volles Vertrauen trug er zu dem.

Gunnar:

 

15 Mir istBrünhild, Budlis Tochter, Lieber als alle, die edelste Frau, Das Leben lieber will ich lassen Als der Schönen entsagen und ihren Schätzen.

 

16 Hilfst du uns, Högni, den Helden berauben? Gut ist des Rheines Gold zu besitzen, In Freude zu walten des vielen Gutes Und ganz in Ruhe des Glücks zu genießen.

 

17 Aber Högni gab ihm zur Antwort: "Das zu vollbringen gebührt uns nicht: Mit dem Schwert zu brechen geschworne Eide, Geschworne Eide, besiegelte Treu!

 

18 Wir wissen auf der Welt nicht so Glückliche wohnen So lange wir viere das Volk beherrschen Und hier der hunnische Herrscher lebt, Noch irgend auf Erden so edle Sippe. Wenn ferner wir fünf noch Fürsten zeugten, Wir stürzten die Götter von den Herrscherstühlen.

 

19 Ich weiß von wannen die Wege laufen: Brünhild quält dich: du kannst sie nicht stillen."

Gunnar:

 

20 Wir wollen den Guthorm gewinnen zum Morde, Den Jüngern Bruder, der bar ist des Witzes: Er hat nicht Anteil an Eiden und Schwüren, Eiden und Schwüren, besiegelter Treu.

 

21 Leicht aufzureizen war der Übermütige: Da stand dem Sigurd der Stahl im Herzen.

 

22 Rasch hob sich der Recke zur Rache im Saal Und warf den Ger nach dem Mordgierigen: Nach Guthorm flog, dem Fürsten, kräftig Das glänzende Eisen aus des Edlings Hand.

 

23 Entzweigespaltet sank sein Feind: Haupt und Hände hinflogen weit, Der Füße Teil fiel flach auf den Boden.

 

24 Gudrun lag, die Gute, schlafend An Sigurds Seite sorgenlos; Ihr Erwachen war der Wonne ledig: Sie floß in Freyrs Freundes Blut.

 

25 Da schlug sie so stark zusammen die Hände, Der Hartgeherzte erhob im Bette sich: "Gräme dich, Gudrun, so grimmig nicht, Blutjunge Braut: deine Brüder leben.

 

26 Einen Erben hab ich, allzujungen Fern zu fliehn aus der Feinde Haus. Die Helden haben unheimlichen, schwarzen Neumondsrat nächtlich erdacht.

 

27 Ihnen zeltet schwerlich nun, und zeugtest du sieben, Solch ein Schwestersohn zum Thing. Wohl weiß ich wie es bewandt ist: Alle des Unheils Ursach ist Brünhild.

 

28 Mich liebte die Maid vor den Männern all; Nichts hab ich gegen Gunnarn getan. Ich schirmte die Sippe, geschworne Eide; Doch heiß ich der Friedel nun seiner Frau."

 

29 Die Königin stöhnte, der König erstarb. Sie schlug so stark zusammen die Hände, Daß auf dem Brette die Becher erklangen, Und hell die Gänse im Hofe kreischten.

 

30 Da lachte Brünhild, Budlis Tochter, Aus ganzem Herzen heute noch einmal, Denn bis an ihr Bette durchbrach den Raum Der gellende Schrei der Giukistochter.

 

31 Anhub da Gunnar, der Habichte Fürst: "Schlag kein Gelächter auf. Schadenfrohe, Heiter in der Halle als brächt es dir Heil. Wie hast du verloren die lautere Farbe, Verderbenstifterin, die selbst wohl verdirbt!

 

32 Du wärest würdig, Weib, daß wir hier Dir vor den Augen den Atli erschlügen, Daß du sähst an dem Bruder blutige Wunden, Quellende Wunden du könntest verbinden."

 

33 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter: "Wer reizt dich, Gunnar? Gerochen hast du dich. Den Atli ängstet deine Abgunst nicht: Er wird am längsten leben von euch beiden Und immer mehr vermögen als du.

 

34 Laß dir sagen, Gunnar, du selber zwar weißt es, Wie rasch ihr euch, Recken, berietet zur Tat. Alljung saß ich und ohne Sorgen Mit herrlicher Habe im Hause des Bruders.

 

35 Nicht war mir Not, daß ein Mann mich nähme, Als ihr Söhne Giukis uns erschient im Hof, Auf Hengsten ihr drei Herrscher der Völker; Wahrlich mir frommte wenig die Fahrt!

 

36 Verheißen hätt ich mich dem hehren König, Der mit Golde saß auf Granis Rücken. Nicht war er euch an den Augen gleich, Nicht von Antlitz in einem Stücke, Obwohl Volkskönige euch wähnet auch ihr.

 

37 Doch sagte Atli mir das allein, Er gäbe die Hälfte der Habe mir nicht, Der Macht noch des Goldes, vermählt denn war ich. Auch würde mir nichts des erworbenen Guts, Das schon der Vater früh mir schenkte, Des Goldes und Gutes, das er gab dem Kind.

 

38 Da schwankte mein Sinn unentschieden zuerst, Ob ich fechten sollte und Männer fällen In blanker Brünne um des Bruders Unglimpf. Das hätte das Volk erfahren mit Schrecken, Manchem Mann hätt es den Mut beschwert.

 

39 Da ging ich gern den Vergleich mit ihm ein. Doch hätt ich lieber den Hort genommen, Die roten Spangen von Sigmunds Erben. Nicht mocht ich eines andern Mannes Schätze: Den einen liebt ich, nicht andre mehr; Die Maid war nicht wankelmutigen Sinns.

 

40 Dies alles wird Atli dereinst befinden, Hört er von meinem mordlichen Tod. Denn wie soll ein edel geartetes Weib Das Leben führen mit fremdem Manne? Da wird mir bald gebüßt das Leid."

 

41 Auf stand Gunnar, der Giukunge Trost, Und schlang die Hände um den Hals der Frau. Sie gingen alle und einzeln ein jeder Aufrichtigen Herzens ihr abzuwehren.

 

42 Doch sich vom Halse hielt sie Gunnarn, Ließ sich niemand verleiden den langen Gang.

 

43 Da hieß er den Högni heischen zum Gespräche: "Es sollen zusammen in den Saal gehn die Männer, Deine mit meinen - uns drängt die Not - Ob sie wehren mögen dem Mord der Frau Eh es vom Sprechen zu Schlimmerm kommt; Mag hernach geschehen was muß und kann."

 

44 Aber Högni gab ihm zur Antwort: "Verleid ihr niemand den langen Gang Und werde sie nimmer wiedergeboren! Sie kam schon krank vor die Knie der Mutter; Zu allem Bösen geboren ist sie uns, Manchem Manne zu trübem Mute!"

 

45 Unwillig wandt er sich weg vom Gespräche, Wo die schmuckreiche die Schätze verteilte. Da standen sie alle um ihre Habe, Bedürftige Dirnen und Dienstweiber.

 

46 Der goldgepanzerten war nicht gut zu Mut, Da sie sich durchstach mit des Stahles Schärfe. Mit einer Seite sank sie aufs Polster; Die dolchdurchdrungene dacht auf Rat:

 

47 "Nun geht herzu, die Gold wollen Und minderes Gut von mir erlangen; Ich gebe jeder goldroten Halsschmuck, Schleif und Schleier und schimmernd Gewand."

 

48 Alle schwiegen sie und sannen auf Rat, Bis endlich zur Antwort sie einstimmig gaben: "Wie dürftig wir seien, wir wollen doch leben, Saalweiber bleiben und tun was gebührt."

 

49 Sinnend sprach die linnengeschmückte Jung von Jahren jetzt das Wort: "Nicht eine soll ungern und unbereit Sterben müssen um meinetwillen.

 

50 Doch brennt auf euern Gebeinen dereinst Karge Zier, kommt ihr zu sterben Und mich heimzusuchen, nicht herrliches Gut.

 

51 Sitze nun, Gunnar, ich will dir sagen, Ich lebensmüde, dein lichtes Gemahl. Nicht liegt euch im Sunde das Schiff geborgen, Ob ich das Leben verloren habe.

 

52 Schneller als du denkst versöhnt sich dir Gudrun. Die kluge Königin hat bei dem König (Alf) Trübe Gedanken an den toten Gemahl.

 

53 Eine Maid wird geboren aus Mutterschoße: Heller traun als der lichte Tag, Als der Sonnenstrahl wird Swanhild sein.

 

54 Einem Helden geben wirst du Gudrunen, Die mit Geschossen die Krieger schädigt. Nicht nach Wunsch wird sie vermählt: Atli soll sie zur Ehe nehmen, Budlis Geborner, der Bruder mein.

 

55 An manches muß ich denken wie ihr mich berietet: Heillos habt ihr mich hintergangen. Aller Lust war ich ledig solang ich lebte.

 

56 Oddrunen willst du zu eigen haben; Aber Atli gibt sie zur Ehe dir nicht: Da werdet ihr heimlich zusammenhalten. Sie wird dich lieben, wie ich dich würde, Hätte das Schicksal uns solches gegönnt.

 

57 Dich wird Atli übel strafen: In die wüste Wurmhöhle wirst du gelegt.

 

58 Danach unlange ereignet es sich, Daß Atli argen Ausgang nimmt, Sein Glück verliert, das Leben einbüßt. Ihn tötet die grimme Gudrun im Bette Mit scharfem Schwert, die schwerbetrübte.

 

59 Schicklicher stiege eure Schwester Gudrun Heut auf den Holzstoß mit dem Herrn und Gemahl, Gäben ihr gute Geister den Rat Oder besäße sie unsern Sinn.

 

60 Schwer sprech ich schon; doch soll Gudrun Durch unsre Abgunst nicht untergehn. Von hohen Wellen gehoben treibt sie Zu jenem jähen, Jonakursstrand.

 

61 Unentschieden sind die Söhne Jonakurs; Swanhilden sendet sie selbst aus dem Lande, Die dem Sigurd entsproß und ihrem Schoß; Da rauben ihr Bickis Räte das Leben, Denn Unheil hängt über Jörmunreks Haus. So ist Sigurds Geschlecht vernichtet, So größer und grimmer Gudruns Leid.

 

62 Eine Bitte bitten will ich dich; Ich laß es im Leben die letzte sein: Eine breite Burg erbau auf dem Felde, Daß darauf uns allen Raum sei, Die samt Sigurden zu sterben kamen.

 

63 Die Burg umzieht mit Zelten und Schilden Erlesnem Geleit und Leichengewand, Und brennt mir der Hunnen Gebieter zur Seite.

 

64 Dem Hunnengebieter brennt zur Seite Meine Knechte mit kostbaren Ketten geschmückt: Zwei ihm zu Häupten und zwei zu den Füßen, Dazu zwei Hunde und der Habichte zwei. Also ist alles eben verteilt.

 

65 Bei uns blinke das beißende Schwert, Das ringgezierte, so zwischen gelegt Wie da wir beiden ein Bette bestiegen Und man uns nannte mit ehlichem Namen.

 

66 So fällt dem Fürsten auf die Ferse nicht Die Pforte des Saals, die goldgeschmückte, Wenn auf dem Fuß ihm folgt mein Leichengefolge. Unsere Fahrt wird nicht ärmlich sein.

 

67 Ihm folgen mit mir der Mägde fünf, Dazu acht Knechte edeln Geschlechts, Meine Milchbrüder mit mir erwachsen, Die seinem Kinde Budli geschenkt.

 

68 Manches sprach ich; mehr noch sagt ich, Gönnte zur Rede der Gott mir Raum. Die Stimme versagt, die Wunden schwellen; Die Wahrheit sagt ich, so gewiß ich sterbe."

 

28. Helreidh Brynhildar

 

Brünhildens Todesfahrt

 

Nach Brünhildens Tod wurden zwei Scheiterhaufen gemacht, einer für Sigurd, der brannte zuerst; danach wurde Brünhilde verbrannt, und sie lag auf einem Wagen, der mit Prachtgeweben umzeltet war. Es wird erzählt, daß Brünhild auf dem Wagen den Helweg fuhr und durch eine Höhle kam, wo ein Riesenweib wohnte. Das Riesenweib sprach:

 

1 Fortzufahren erfrech dich nicht Durch meine steingestützten Häuser. Besser ziemte dir, Borten zu wirken Als den Gatten begehren der andern.

 

2 Kämpferisch Weib, was willst du suchen, Allgierig Haupt, in meinem Hause? Du wuschest, Bewehrte, so du es wissen willst, Von den Händen dir manchesmal Menschenblut.

Brünhild:

 

3 Was wirfst du mir vor, Weib aus Stein, Hab ich im Kriegsheer gekämpft denn auch, So bin ich die bessere von uns beiden doch, Wenn unsern Adel Einsichtige prüfen.

Riesin:

 

4 Du bist Brünhild, Budlis Tochter, In widrigster Stunde zur Welt geboren: Durch dich wurde ohne Erben Giuki, Du hast sein hohes Haus gestürzt.

Brünhild:

 

5 Vom Wagen kündet die Kluge dir Der Witzlosen, wenn du es wissen willst: Mich machten Giukis Erben meiner Liebe verlustigt, der Eide ledig.

 

6 Der hochsinnige Fürst ließ die Fluggewande Uns acht Schwestern unter die Eiche tragen; Zwölf Winter war ich, wenn du es wissen willst, Als ich dem jungen Fürsten den Eid schwur.

 

7 Alle hießen mich in Hlymdalir Hild unterm Helme, wohin ich kam.

 

8 Da ließ ich den greisen gotischen Fürsten Hialmgunnar hinab gehn zur Hel, Gab den Sieg dem blühenden Bruder Adas: Darüber war mir Odin ergrimmt.

 

9 Er umschloß mich mit Schilden in Skatalundr, Mit roten und weißen; die Ränder schnürten mich. Meinen Schlaf zu brechen gebot er dem, Der immer furchtlos gefunden würde.

 

10 Um meinen Saal, den südlich gelegnen, Ließ er hoch des Holzes Verheerer entbrennen: Darüber reiten sollte der Recke nur, Der das Gold mir brächte im Bette Fafnirs.

 

11 Der rasche Ringspender ritt auf Grani Hin, wo mein Hüter das Land beherrschte. Der beste schien mir der Degen alle Der dänische Fürst im Heldengefolge.

 

12 Wir lagen mit Lust auf einem Lager Als ob er mein Bruder geboren wäre. Keiner von beiden könnt um den andern In acht Nächten die Arme legen.

 

13 Doch gab mir Gudrun Schuld Giukis Tochter, Ich hätte dem Sigurd geschlafen im Arm. Was ich nicht wollte gewahrt' ich da: Daß ich überlistet war bei der Verlobung.

 

14 Zum Unheil werden noch allzulange Männer und Weiber zur Welt geboren. Aber wir beide bleiben zusammen, Ich und Sigurd: versinke Riesenbrut!

 

29. Gudrunarkvida fyrsta

 

Das erste Gudrunenlied

 

Gudrun saß über dem toten Sigurd; sie weinte nicht wie andere Frauen, aber schier wäre sie vor Leid zersprungen. Auch traten Frauen und Männer hinzu, sie zu trösten: aber das war nicht leicht. Es wird gesagt, Gudrun habe etwas gegessen von Fafnirs Herzen und seitdem der Vögel Stimmen verstanden. Auch dies wird von Gudrun gesagt:

 

1 Einst erging's, daß Gudrun zu sterben begehrte, Daß sie sorgend saß über Sigurden. Nicht schluchzte sie, noch schlug sie die Hände, Brach nicht in Klagen aus wie Brauch ist der Frauen.

 

2 Ihr nahten Helden, höfische Männer, Das lastende Leid ihr zu lindern bedacht. Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen, Schier zersprungen war sie vor Schmerz.

 

3 Herrliche Frauen der Helden saßen, Goldgeschmückte, Gudrun zur Seite. Eine jede sagte von ihrem Jammer, Dem traurigsten, den sie ertragen hatte.

 

4 Da sprach Giaflög, Giukis Schwester: "Mich acht ich auf Erden die Unseligste. Der Männer verlor ich nicht minder als fünf, Der Töchter zwei und drei der Schwestern, Acht Brüder; ich allein lebe."

 

5 Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen, So trug sie Trauer um den Tod des Gemahls, So füllte sie Grimm um des Fürsten Mord.

 

6 Da sprach Herborg, die Hunnenkönigin: "Ich habe von herberm Harm zu sagen: Sieben Söhne sind im südlichen Land Und mein Mann der achte mir erschlagen.

 

7 Über Vater und Mutter und vier Brüder Haben Wind und Wellen gespielt: Die Brandung zerbrach die Borddielen.

 

8 Selbst die Bestattung besorgen mußt ich, Die Holzhürde selber zur Helfahrt schichten. Das alles litt ich in einem Halbjahr, Und niemand tröstete in der Trauer mich.

 

9 Dann kam ich in Haft als Heergefangne Noch vor dem Schluß desselben Halbjahrs. Da besorgt ich den Schmuck und die Schuhe band ich Alle Morgen der Gemahlin des Edlings.

 

10 Sie drohte mir immer aus Eifersucht, Wozu sie mit harten Hieben mich schlug. Niemals fand ich so freundlichen Herrn, Aber auch nirgend so neidische Herrin."

 

11 Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen, So trug sie Trauer um den Tod des Gemahls, So füllte sie Grimm um des Fürsten Mord.

 

12 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter: "Wenig weißt du, Pflegerin, ob weise sonst, Das Herz einer jungen Frau zu erheitern. Weshalb verhüllt ihr des Helden Leiche?"

 

13 Sie schwang den Schleier von Sigurd nieder, Und wandte ihm die Wange zu des Weibes Schoß. "Nun schau den Geliebten, füge den Mund zur Lippe Und umhals ihn wie einst den heilen König."

 

 

14 Auf sah Gudrun einmal nur, Sah des Helden Haar erharscht vom Blute, Die leuchtenden Augen erloschen dem Fürsten, Vom Schwert durchbohrt die Brust des Königs.

 

15 Da sank aufs Kissen zurück die Königin, Ihr Stirnband riß, rot war die Wange, Ein Regenschauer rann in den Schoß.

 

16 Da jammerte Gudrun, Giukis Tochter: Die verhaltnen Tränen tropften nieder, Und hell auf schrien im Hofe die Gänse, Die zieren Vögel, die Zöglinge Gudruns.

 

17 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter: "Euch vermählte die mächtigste Liebe Von allen, die je auf Erden lebten. Du fandest außen noch innen Frieden, Schwester mein, als bei Sigurd nur."

 

 

18 Da sprach Gudrun, Giukis Tochter: "So war mein Sigurd bei Giukis Söhnen, Wie hoch aus Halmen edler Lauch sich hebt, Oder ein blitzender Stein am Bande getragen, Ein köstlich Kleinod, über Könige scheint.

 

19 So daucht auch ich den Degen des Königs Höher hier als Herians Mädchen. Nun lieg ich verachtet dem Laube gleich, Das im Forste fiel, nach des Fürsten Tod.

 

20 Nun miß ich beim Mahle, miß ich im Bette Den süßen Gesellen: das schufen die Giukungen. Die Giukungen schufen mir grimmes Leid, Schufen der Schwester endlosen Schmerz.

 

21 So habt ihr den Leuten das Land verwüstet Wie ihr übel die Eide hieltet. Nicht wirst du, Gunnar, des Goldes genießen: Dir rauben die roten Ringe das Leben, Weil du Sigurden Eide schwurst.

 

22 Oft war im Volk die Freude größer, Als mein Sigurd den Grani sattelte, Und sie um Brünhild zu bitten fuhren, Die unselige, zu üblem Heil."

 

23 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter: "Mann und Kinder misse die Vettel, Welche dich, Gudrun, weinen lehrte, In den Mund dir Worte am Morgen legte!"

 

24 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter: "Geschweig der Worte, Welt verhaßte! Immer den Edlingen warst du zum Unheil; Wie sein schlimmes Schicksal scheut dich jeder; Sieben Königen kostest du das Leben, Die der Freunde viel den Frauen erschlugst!"

 

25 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter: "An allem Unheil ist Atli schuld, Budlis Sohn, der Bruder mein.

 

26 Als wir in der Halle des hunnischen Volkes Des Wurmbetts Feuer an dem Fürsten ersahn, Des Besuches hab ich seitdem entgolten, Dieses Anblicks muß immer mich reuen."

 

27 Sie stand an der Säule, den Schaft ergriff sie; Es brannte Brünhilden, Budlis Tochter, Glut in den Augen, Gift spie sie aus, Als sie die Wunden sah an Sigurds Brust. Darauf ging Gudrun in Wälder und Wüsten bis Dänemark, wo sie bei Tora, Hakons Tochter, sieben Halbjahre weilte. Brünhild wollte Sigurden nicht überleben. Sie ließ acht Knechte und fünf Mägde töten. Darauf durchbohrte sie sich selbst mit dem Schwerte - wie gesagt ist in dem kürzeren Sigurdsliede.

 

30. Drap Niflunga

 

Mord der Niflunge

 

Gunnar und Högni nahmen da alles Gold, Fafnirs Erbe. Da entstand Feindschaft zwischen den Giukungen und Atli. Denn er beschuldigte die Giukungen, sie seien an Brünhilds Tod schuld. Da verglichen sie sich dahin, daß sie ihm Gudrun zur Ehe gäben. Dieser aber gaben sie einen Vergessenheitstrank zu trinken ehe sie einwilligte, daß sie dem Atli vermählt würde. Atlis Söhne waren Erp und Eitil; aber Gudruns Tochter von Sigurd war Swanhild. König Atli lud Gunnar und Högni zum Gastgebot, wozu er sich als Boten des Wingi oder Knefröd bediente. Gudrun ahnte Tücke und schickte in runischen Zeichen Warnungsworte, daß sie nicht kommen sollten, und zum Wahrzeichen schickte sie dem Högni den Ring Andwaranaut, an den sie Wolfshaare knüpfte. Gunnar hatte Oddrun, Atlis Schwester, zur Gemahlin begehrt, aber nicht erhalten. Da vermählte er sich der Glaumwör und Högni der Kostbera. Deren Söhne waren Solar und Snäwar und Giuki. Als aber die Giukungen zu Atli kamen, da bat Gudrun ihre Söhne, daß sie der Giukungen Leben erbäten; aber sie wollten das nicht. Dem Högni ward das Herz ausgeschnitten und Gunnar in den Schlangenturm geworfen. Er schlug die Harfe und sang die Schlangen in den Schlaf; aber eine Natter durchbohrte ihn bis zur Leber.

 

31. Gudrunarkvida önnur .

 

Das andere Gudrunenlied

 

König Dietrich war bei Atli und hatte dort die meisten seiner Mannen verloren. Dietrich und Gudrun klagten einander ihr Leid. Sie sprach zu ihm und sang:

 

1 Die Maid der Maide erzog mich, die Mutter Im leuchtenden Saal. Ich liebte die Brüder, Bis mich Giuki mit Gold bereifte, Mit Gold bereifte und Sigurden gab.

 

2 So war Sigurd bei den Söhnen Giukis Wie über Halme sich hebt edler Lauch, Wie hoch der Hirsch ragt über Hasen und Füchse Und glutrotes Gold scheint über graues Silber.

 

3 Bis mir nicht gönnen mochten die Brüder Den Helden zu haben, den hehrsten aller. Sie mochten nicht ruhen, nicht richten und schlichten Bis sie Sigurden erschlagen ließen.

 

4 Vom Thinge traurig traben hört ich Grani; Sigurden selber sah ich nicht. Alle Rosse waren rot von Blut Und in Schweiß geschlagen von den Schachern.

 

5 Gramvoll ging ich mit Grani reden, Befragte das Pferd mit der feuchten Wange; Da senkte Grani ins Gras das Haupt: Wohl wußte der Hengst, sein Herr sei tot.

 

6 Lange zaudert ich, zweifelte lange Bevor ich den Volkshirten frug nach dem König.

 

7 Gunnar hing das Haupt; doch Högni sagte Mir meines Sigurd mordlichen Tod: "Jenseits des Stroms erschlagen liegt er, Den Guthorm fällte, zum Fraß den Wölfen.

 

8 Sieh den Sigurd gegen Süden dort, Höre Krähen krächzen und Raben, Adler jauchzen der Atzung froh, Und Wölfe heulen um deinen Helden."

 

9 "Wie hast du mir, Högni, des Harms soviel, Dem wonnewaisen Weibe gesagt? Daß Raben und Falken das Herz dir zerführten Weiter über Land als du Leute kennst!"

 

10 Högni antwortete mit einem Mal Des sanften Sinnes mit Schmerz beraubt: "Das gäbe dir, Gudrun, erst Grund zu weinen, Wenn mir auch die Raben zerrissen das Herz!"

 

11 Vor ihrem Anblick einsam ging ich da, Die Brocken zu lesen von der Wölfe Leichenschmaus. Ich schluchzte nicht, noch schlug ich die Hände, Brach nicht in Klagen aus wie Brauch ist der Frauen, Da ich schmerzvoll saß über Sigurden.

 

12 Die Nacht dauchte mich neumonddunkel, Da ich sorgend saß über Sigurds Leiche. Viel sanfter würden die Wölfe mir scheinen, Ließen sie mich das Leben missen, Oder brennte man mich wie Birkenholz.

 

13 Ich fuhr aus dem Forst; nach der fünften Nacht Naht ich den hohen Hallen Alfs. Sieben Halbjahre saß ich bei Thora, "Hakons Maid in Dänemark.

 

14 In Gold stickte sie mich zu zerstreuen In Südlandsälen dänische Wikinge.

 

15 Wir bildeten künstlich der Krieger Spiele, Die Helden der Herrscher in Handgewirke; Rote Ränder, Recken des Hunnenlands, Mit Helm und Harnisch der Herrscher Geleit.

 

16 Vom Strande segelten Sigmunds Rosse Mit goldnem Schiffshaupt, geschnitztem Steuer. Wir wirkten und webten die Waffentaten Sigmunds und Siggeirs südlich in Fione.

 

17 Da hörte Grimhild, die Gotenfürstin, Wie tief ihre Tochter betraure den Gemahl. Sie warf ihr Gewebe fort, winkte den Söhnen, Das zu erfahren trug sie und sprach: Wer Buße wolle der Schwester bieten, Den erschlagnen Gatten vergelten der Frau?

 

18 Gunnar erbot sich ihr Gold zu bieten, Ihren Harm zu sühnen, und so auch Högni. Da fragte sie ferner, wer fahren wolle Die Säumer zu satteln, die Wagen zu schirren, Den Hengst zu tummeln, den Habicht zu werfen, Den Bolzen zu schießen vom Eibenbogen?

 

19 Waldar den Dänen und Jarisleif, Eimod zum dritten und Jarisskar Führten sie vor mich, Fürsten gleich. Rote Waffenröcke trugen des Langbärtgen Recken, Hohe Helme und helle Brünnen, Breite Schwerter, die braungelockten.

 

20 Ein jeder verhieß mir herrlichen Schmuck, Herrlichen Schmuck mit schmeichelnden Reden, Ob sie mich möchten für manches Leid Auf Trost vertrösten; aber ich traute nicht. Grimhild brachte den Becher mir dar, Den kalten, herben, daß ich Harms vergäße. Der Kelch war gekräftigt aus der Quelle Urds, Mit urkalter See und sühnendem Blut.

 

22 In das Horn hatten sie allerhand Stäbe Rötlich geritzt; ich erriet sie nicht. Den langen Lindwurm des Lands der Haddinge, Ungeschnittne Ähre und Eingang von Tieren.

 

23 Im Gebrauten beisammen war Bosheit viel, Allerlei Wurzeln und Waldeckern, Tau des Herdes und Tiergeweide, Gesottne Schweinsleber, die den Schmerz betäubt.

 

24 So vergeben vergaß ich da Der Gespräche Sigurds all im Saal. Könige kamen vor die Knie mir drei Ehe sie selber naht und sagte:

 

25 "Ich gebe dir, Gudrun, das Gold empfange, Dein volles Erbgut nach des Vaters Tod, Blanke Ringe, die Burgen Hlödwers Und des toten Fürsten Fährniß all.

 

26 Hunnische Töchter, die Teppiche wirken Und Goldgürtel dich zu ergötzen. Du allein sollst schalten über die Schätze Budlis Mit Gold begabt als die Gattin Atlis."

Gudrun:

 

27 Keinem Manne mehr will ich vermählt sein, Noch Brünhildens Bruder haben. Mir geziemt nicht mit dem Erzeugten Budlis Das Geschlecht zu mehren und zusammen zu leben.

Grimhild:

 

28 Nicht wolle den Harm den Helden vergelten, Begannen wir Giukungen gleich den Zwist. So sollst du lassen als lebten dir beide, Sigurd und Sigmund, wenn du Söhne gewinnst.

Gudrun:

 

29 Nicht mag ich mich mehr ermuntern, Grimhild, Und keinem Helden Hoffnung gewähren, Seit ich schwelgen an Sigurds Herzblut Den Raben sah, den raubgierigen.

Grimhild:

 

30 Ihn hab ich von allen den edelstgebornen Der Fürsten befunden und in vielem den besten. So freie den Fürsten: bis dich fesselt das Alter Wirst du verwaist sein, wählst du nicht ihn.

Gudrun:

 

31 Biete mir nicht das bosheitvolle, So aufdringlich mir dieses Geschlecht. Dem Gunnar gibt er grimmen Tod, Schneidet dem Högni das Herz aus dem Leibe. Nicht fand ich dann Frieden bevor ich das Leben Gekürzt dem freveln Kriegsbrandschürer.

 

32 Mit Grausen hörte Grimhild das Wort, Denn ihren Kindern kündet es Verderben Und den Untergang all ihrem Geschlecht.

Grimhild:

 

33 Noch leih ich dir Land und Leute viel, Winbjörg, Walbjörg, willst du sie haben. Nimm sie lebenslang und laß den Zorn.

Gudrun:

 

34. Nun will ich ihn kiesen unter den Königen; Doch wider Willen, auf der Freunde Wunsch. Nie wird der Gatte Glück mir bringen, Meine Söhne büßen der Brüder Mord.

 

35 Rasch auf die Rosse saßen die Recken da, Die welschen Weiber zu Wagen hoben sie. Sieben Tage durchtrabten wir kaltes Land, Über See setzten wir sieben andre, Durch dürre Steppen ging's die dritten sieben.

 

36 Da hoben die Wächter der hohen Burg Das Gitter empor: durch die Pforte ritten wir. Atli weckte mich; aber ich schien ihm Der Vorahnung voll von der Freunde Tod.

Atli:

 

37 So haben auch neulich mich Nornen geweckt; Vergönnte das Graunbild günstige Deutung! Ich wähnte dich, Gudrun, Giukis Tochter, Mir die Brust durchbohren mit blankem Dolch.

Gudrun:

 

38 Der Traum von Dolchen bedeutet Feuer, Holde Heimlichkeit der Hausfrau Zorn. Ich brenne dir bald ein böses Geschwür aus, Ich heile und lindre, wie leid du mir seist.

Atli:

 

39 Reiser im Garten sah ich ausgerissen, Die ich da wachsen lassen wollte. Entrauft mit der Wurzel, gerötet im Blut Und aufgetragen, daß ich sie äße.

 

40 Ich sah von der Hand mir Habichte fliegen Ohne Atzung, dem Untergang zu. Ihre Herzen wähnt ich mit Honig zu essen Sorgenschwer geschwollen von Blut.

 

41 Welpen wähnt ich entwänden sich mir, Ich hörte sie harmvoll heulen und wimmern. Ihr Fleisch, furcht ich, war faul geworden: Mit Ekel aß ich von dem Aase da.

Gudrun:

 

42 Dir werden Schacher im Schlafgemach richten, Den Lichtgelockten die Häupter lösen: Sie werden erschlagen nach wenig Nächten, Kurz vor Tag, und aufgetischt.

 

43 Seitdem lieg ich den Schlummer meidend Trotzig im Bette: tun will ich so.

 

32. Gudrunarkvida thridja .

 

Das dritte Gudrunenlied

 

Herkia hieß eine Magd Atlis, die seine Geliebte gewesen war. Sie sagte dem Atli, sie habe Dietrich und Gudrun beide beisammen gesehen. Darüber ward Atli sehr verstört. Gudrun sprach:

 

1 Was ist dir, Atli, du Erbe Budlis? Was belädt dir das Herz? Du lachst nicht mehr. Vielen Fürsten gefiel es besser, Sprächst du mit den Leuten und sähst mich an.

Atli:

 

2 Mich grämt, Gudrun, Giukis Tochter, Was hier in der Halle mir Herkia sagte: Unter einer Decke mit Dietrich schliefst du, Los in das Leintuch lagt ihr gehüllt.

Gudrun:

 

3 Über das alles Eide leist ich dir Bei jenem geweihten weißen Stein, Daß ich mit Dietmars Sohne nicht zu schaffen hatte Was dem Herren gehört und dem Gatten.

 

4 Hab ich den Herzog umhalst etwa, Den unbescholtnen einmal vielleicht, Auf andres zielten unsre Gedanken, Da harmvoll Zwiegespräch wir zweie hielten.

 

5 Zu dir kam Dietrich mit dreißig Mannen: Nicht einer lebt ihm von allen dreißigen. Bring deine Brüder in Brünnen hierher, Mit deinem nächsten Neffen umgib mich.

 

6 Bescheide der Sachsen, der südlichen, Fürsten, Der zu weihen weiß den heiligen Kessel.

 

7 In die Halle traten siebenhundert Helden Eh die Hand die Königin in den Kessel tauchte.

Gudrun:

 

8 Nicht kommt mir Gunnar, nicht klag ich's dem Högni Nie soll ich mehr sehen die süßen Brüder. Rächen würde Högni den Harm mit dem Schwert. So muß ich selber von Schuld mich reinigen. -

 

9 Sie tauchte die weiße Hand in die Tiefe, Griff aus dem Grunde die grünen Steine: "Schaut nun, Fürsten, schuldlos bin ich, Heil und heilig, wie der Hafen walle."

 

10 Da lachte dem Atli im Leibe das Herz Als er heil sah die Hände Gudruns: "So soll nun Herkia zum Hafen treten, Welche der Gudrun wähnte zu schaden."

 

11 Nie sah Klägliches wer nicht gesehn hat Wie da Herkias Hände verbrannten. Sie führten die Maid zum faulenden Sumpf: So ward Gudrun vergolten der Harm.

 

33. Oddrunargratr .

 

Oddruns Klage

 

Heidrek hieß ein König, seine Tochter hieß Borgny und Wilmund ihr Geliebter. Sie konnte nicht gebären bis Oddrun hinzu kam, Atlis Schwester. Die war Gunnars Geliebte gewesen, des Sohnes Giukis. Von dieser Sage ist hier die Rede.

 

1 Ich hörte sagen in alten Geschichten, Daß eine Maid kam gen Morgenland. Niemand wußte auf weiter Erde Der Tochter Heidreks Hilfe zu leisten.

 

2 Das hörte Oddrun, Atlis Schwester, In schweren Wehen winde die Jungfrau sich. Sie zog aus dem Stalle den scharfgezäumten Und schwang dem Schwarzgaul den Sattel auf.

 

3 Sie spornte den schnellen den ebnen Sandweg Bis sie die hohe Halle stehn sah. Von des Rosses Rücken riß sie den Sattel, Trat ein und schritt den Saal entlang. Dies war das erste Wort, das sie sprach:

 

4 "In diesen Gauen gibt es was neues? Was hört man Gutes in Hunnenland?"

Eine Magd:

 

5 Borgny liegt hier überbürdet mit Schmerzen, Deine Freundin, Oddrun: eil ihr zur Hilfe.

Oddrun:

 

6 Welcher der Fürsten fügte den Schimpf dir? Warum ist so bitter Borgnys Qual?

Die Magd:

 

7 Wilmund heißt des Herrschers Vertrauter: Er wand die Maid in warme Decken Fünf volle Winter ohne des Vaters Wissen. -

 

8 Sie sprachen, dünkt mich, dies und nicht mehr. Mildreich saß sie der Maid vor die Knie. Kräftig sang Oddrun, mächtig sang Oddrun Zauberlieder der Borgny zu.

 

9 Da konnte den Kiesweg Knab und Mädchen treten, Holde Sprößlinge des Högnitöters. Zu sprechen säumte nicht die sieche Maid; Dies war das erste Wort, das sie sprach: "So mögen milde Mächte dir helfen, Frigg und Freyja und viel der Götter, Wie du mich befreitest aus fährlicher Not."

Oddrun :

 

11 Nicht hüb ich mich her dir Hilfe zu bringen Weil du es wert wärst gewesen irgend. Ich gelobte, und leistete mein Gelübde jetzt, Beistand zu leisten allen Leidenden, Als die Edlinge das Erbe teilten.

Borgny:

 

12 Irr bist du, Oddrun, und ohne Besinnung, Daß du im Eifer also sprichst. Wir lebten doch lange im Lande zusammen Zärtlich, wie zweier Brüder Erzeugte.

Oddrun:

 

13 Wohl noch weiß ich, wie du des Abends sprachst, Als ich Gunnarn das Gastmahl bereitete: So arge Unsitte, sprachst du eifernd, Werde nach mir keine Maid mehr üben. -

 

14 Da setzte sich nieder die Sorgenmüde, Ihr Leid zu künden aus des Kummers Fülle:

Oddrun:

 

15 Ich wuchs empor in prächtiger Halle, Mich lobten viele und keinem mißfiel es; Doch freut ich der Jugend und des Vaterguts Mich der Winter fünf nur bei des Vaters Leben.

 

16 Da war es das letzte Wort, das er sprach Bevor er starb der stolze König:

 

17 Mit rotem Golde begaben hieß er mich Und südwärts senden dem Sohne Grimhilds. Bründhilden hieß er den Helm zu tragen, Weil sie Wunschmagd zu werden bestimmt sei. Es mög unterm Monde so edle Maid Nicht geben, wenn günstig der Gott mir bleibe.

 

18 Brünhild wirkte Borten am Rahmen; Sie hätte Land und Leute vor sich. Erde schlief noch und Überhimmel, Als die Burg ersah der Besieger Fafnirs.

 

19 Kampf ward gekämpft mit welscher Klinge Und gebrochen die Burg, da Brünhild saß. Nicht lange währt es, nur wunderkurz, So kannte sie alle die schlauen Künste.

 

20 Die Sachen suchte sie so schwer zu rächen, Daß wir alle üble Arbeit gewannen. Das weiß man soweit als Menschen wohnen Wie sie bei Sigurd sich selber tötete.

 

21 Aber schon günstig dem Gunnar war ich, Dem Burgverschenker, wie Brünhild gesollt.

 

22 Rote Ringe boten die Recken gleich Meinem Bruder und Bußen viel. Für mich bot Gunnar der Güter fünfzehn Und Granis Rückenlast, wenn er es gerne nähme.

 

23 Das weigerte Atli: er wolle nicht, Daß ihm Brautgabe gäben Giukis Söhne. Doch wir mochten nicht mehr die Minne bezwingen, Wenn ich des Ringbrechers Haupt nicht berührte.

 

24 Da murmelten manche meiner Verwandten, Sie hätten uns beide auf Buhlschaft betroffen. Aber Atli meinte, solch Unrecht würd ich Schwerlich begehen, mir Schande zu machen. Doch solches sollte, so sicher niemand Von den andern leugnen, wo Liebe waltet.

 

25 Seine Späher sandte Atli, Im tiefen Tann mein Tun zu belauschen. Sie kamen, wohin sie nicht kommen sollten: Wo wir selbander lagen unter einem Linnen.

 

26 Rote Ringe den Recken boten wir, Daß sie dem Atli alles verschwiegen, Aber alles dem Atli sagten sie; Sie hatten Hast nach Haus zu kommen.

 

27 Aber der Gudrun gänzlich hehlten sie's, Der es zu wissen doch doppelt geziemte.

 

28 Goldhufige Hengste hörte man traben, Da die Söhne Giukis in den Schloßhof ritten. Man hieb dem Högni das Herz aus dem Leibe Und senkte den Gunnar in den Schlangenturm.

 

29 Nun war ich einst wie öfter geschah Zu Geirmund gegangen das Gastmahl zu rüsten. Der hohe Herrscher begann zu harfen: Hoffnung hegte der hochgeborne König, ich könnt ihm zu Hilfe kommen.

 

30 Da hört ich, und lauschte von Hlesey her, Wie harmvoll schollen die Saitenstränge.

 

31 Ich mahnte die Mägde mit mir zu eilen: Fristen wollt ich dem Fürsten das Leben. Wir führten das Fahrzeug dem Forst vorbei Bis wir Atlis Wohnungen alle gewährten.

 

32 Da hinkte her die heillose Mutter Atlis: möchte sie faulen! Und grub sich ganz in Gunnars Herz, Daß ich den ruhmreichen nicht retten mochte.

 

33 Oft verwundert mich, Wurmbettgeschmückte! Wie ich nun länger noch leben möge, Die den Gewaltigen wähnte zu lieben, Den Schwertverschenker, mir selber gleich.

 

34 Du saßest und lauschtest, dieweil ich dir sagte Unermeßliches Leid, meines und ihres. Wir alle leben nach eignem Geschick: Hier ist Oddruns Klage zu Ende.

 

34. Atlakvida .

 

Die Sage von Atli

 

Gudrun, Giukis Tochter, rächte den Tod ihrer Brüder, wie das weltberühmt ist. Sie tötete zuerst Atlis Söhne, darauf tötete sie den Atli selbst und verbrannte die Halle mit allem Gesinde. Davon ist diese Sage gedichtet:

 

1 Atli sandte einst zu Gunnar Einen klugen Boten, Knefröd genannt. Er kam zu Giukis Hof und Gunnars Halle, An der Bank des Herdes zu süßem Gebräude.

 

2 Das Gesinde trank - noch schwiegen die Listigen - In der Halle den Wein in Furcht vor den Hunnen. Da kündete Knefröd mit kalter Stimme, Der südliche Gesandte; er saß auf der Hochbank:

 

3 "Sein Geschäft zu bestellen, sandte mich Atli Auf knirschendem Roß durch den unkunden Dunkelwald, Auf seine Bänke euch zu bitten, Gunnar: In häuslichen Hüllen suchet Atli heim.

 

4 Da mögt ihr Schilde wählen und geschabte Eschen, Hellgoldne Helme und hunnische Schwerter, Schabracken goldsilbern, schlachtrote Panzer, Geschoß krümmende, und knirschende Rosse.

 

5 Er gibt euch auch gerne die weite Gnitaheide, Gellenden Ger nebst goldnem Steven,

 

Herrliche Schätze und Städte Danps, Und das schöne Gesträuch, Schwarzwald genannt."

 

6 Das Haupt wandte Gunnar, zu Högni sprach er: "Was rätst du uns, Rascher, auf solche Rede?" Gold wußt ich nie auf Gnitaheide, Daß wir nicht sollten so gutes besitzen.

 

7 Sieben Säle haben wir der Schwerter voll, Gold glänzen die Griffe jedem. Mein Schwert ist das schärfste, der schnellste mein Hengst, Die Bank zieren Bogen und Brünnen von Gold, Hell glänzen Helm und Schild aus Kjars Halle gebracht. Ich achte meine für besser als alle hunnischen.

 

8 Was riet uns die Schwester, die den Ring uns sandte, In Wolfskleid gewickelt? Sie warnt uns, dünkt mich. Mit Wolfshaar umwunden gewahrt ich den roten Ring: Gefährlich ist die Fahrt, die wir fahren sollen."

 

9 Nicht rieten's die Neffen, noch die nächsten Verwandten, Nicht Rauner und Rater noch reiche Fürsten. Gunnar gebot da, so gebührt es dem König, Munter beim Mahl aus mutiger Seele:

 

10 "Steh nun auf, Fiörnir, laß um die Sitze kreisen Der Helden Goldhörner durch die Hände der Knechte.

 

11 Der Wolf wird des Erbes der Niflungen walten Mit grauen Granen, wenn Gunnar erliegt; Braunzottge Bären das Bauland zerwühlen Zur Ergötzung der Hunde, kehrt Gunnar nicht heim."

 

12 Den Landherrn geleiteten herrliche Leute, Den Schlachtordner, seufzend aus den Sälen Giukis. Da sprach der junge Hüter des högnischen Erbes: "Fahrt nun froh und heil, wohin euch der Geist führt."

 

13 Über Felsen fliegen freudig ließen sie Die knirschenden Pferde durch den unkunden Dunkelwald. Die Hunnenmark hallte, wo die Hartmutgen fuhren, Durch tiefgrüne Täler, trabten, baumhassende.

 

14 Himmelhoch in Atlis Land hoben die Warten sich. Sie sahn Verräter stehn auf der steilen Felsburg, Den Saal des Südervolks mit Sitzen umgeben, Gebundenen Rändern und blanken Schilden, Lanzen betäubenden: da trank König Atli Den Wein im Waffensaal; Wächter saßen draußen Gunnars Kriegern zu wehren, wenn sie geritten kämen Mit hallenden Spießen, dem Herrscher Streit zu wecken.

 

15 Ihre Schwester sah dem Saale sich nahen Die Brüder beide, wohl war sie bei sich. "Verraten bist du, Gunnar! Reicher, wie wehrst du Hunnischer Hinterlist? Aus dem Hofe eile bald.

 

16 Besser die Brünne, Bruder, trügst du Als in häuslichen Hüllen Atli heimzusuchen. Säßest besser im Sattel den sonnenhellen Tag Und ließest bleiche Leichen leide Nornen klagen, Hunnische Schildmägde Harm erdulden, Senktest Atli selber in den Schlangenturm. Nun werdet den Wurmsaal bewohnen ihr beiden." 

 

17 "Zu spät ist's, Schwester, nun, die Niflungen zu sammeln, Zu lang dem Geleite in dies Land ist der Weg Durch rauhes Rheingebirg untadligen Recken."

 

18 Da fingen sie Gunnarn und fesselten ihn Mit schweren Banden, der Burgunden Schwäger.

 

19 Sieben schlug Högni mit scharfer Waffe; Den achten warf er in heiße Ofenglut: So soll sich der Wackre wahren vor Feinden.

 

20 Högni wehrte Gewalt von Gunnar. Sie fragten den Fürsten, ob Freiheit und Leben Der Gotenkönig mit Gold wolle kaufen.

 

21 "Mir soll Högnis Herz in Händen liegen: Blutig aus der Brust des besten Reiters Schneid es das Schwert aus dem Königssohn."

 

22 Sie hieben das Herz da aus Hiallis Brust: Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.

 

23 Da sagte Gunnar, der Goten Fürst: "Hier hab ich Hiallis Herz des blöden, Ungleich dem Herzen Högnis des kühnen. Es schüttert sehr hier auf der Schüssel noch; Da die Brust es barg bebt es noch mehr."

 

24 Hell lachte Högni, da sie das Herz ihm schnitten. Keiner Klage gedachte der kühne Helmschmied. Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.

 

25 Froh sprach Gunnar, der fromme Niflung: "Hier hab ich das Herz Högnis des kühnen, Ungleich dem Herzen Hiallis des blöden. Man sieht es nicht schüttern auf der Schüssel hier; Da die Brust es barg bebt es noch minder.

 

26 Bleib, Atli, nun aller Augen so fern, Wie du stets den Schätzen sollst verbleiben. Allein weiß ich nun um den verborgnen Hort der Niflungen, da Högni tot ist.

 

27 Zweifel hegt ich zwar, da wir zweie waren; Nun ich nur übrig bin, ängst ich mich nicht mehr. Nur der Rhein soll schalten mit dem verderblichen Schatz, Er kennt das asenverwandte Erbe der Niflungen. In der Woge gewälzt glühn die Waldringe mehr Denn hier in den Händen der Hunnensöhne." -

 

28 "Herbei nun mit dem Wagen! In Banden ist der Held."

 

29 Auf mutger Mähre fuhr der mächtige Atli, Von Schwertern bewacht sein Schwager daher. Mit Harm sah Gudrun der Helden Leid: Den Tränen wehrend trat sie in die tosende Menge:

 

30 "So ergeh es dir, Atli, wie du Gunnarn hältst Oft geschworen Eide, die ihr einst gelobt Bei der südlichen Sonne, bei des Sieggotts Burg, Bei des Ehbetts Frieden, bei Ullers Ring." Doch führte zum Tode den Führer der Kampfschar, Den Hüter des Hortes ein knirschender Hengst.

 

31 Den lebenden Fürsten legte der Wächter Schar In den tiefen Kerker: da krochen wimmelnd Scheußliche Schlangen. Es schlug Gunnar Da einsam zürnend mit den Zehen die Harfe. Hell schollen die Saiten: so soll das Erz Ein gabmilder König den gierigen wehren.

 

32 Heimlaufen ließ da Atli Die knirschenden Rosse, kehrend vom Mord. Es rauschte rings von der Rosse Drängen Und der Krieger Waffenklang, da sie kamen von der Heide.

 

33 Da ging entgegen Gudrun dem Atli Mit goldenem Kelch den König zu ehren: "Heil König! Nun hast du in der Halle bei dir Als Gudruns Gabe die Gere der Toten!"

 

34 Atlis Aelbecher ächzten gefüllt, Da hier in der Halle die Hunnen sich scharten, Rauhbärtge Recken gereiht je zwei.

 

35 Heiter schauend schritt sie ihnen Schalen zu reichen, Die hehre Frau, den Fürsten, und Bissen vorzulegen; Doch Atli erbleichte, da sie ihn anfuhr:

 

36 "Du hast deiner Söhne, Schwerterverteiler, Blutige Herzen mit Honig gegessen. Ich meinte. Mutiger, Menschenbraten Liebtest du zu essen und zum Ehrensitz zu senden.

 

37 Nicht ziehst du künftig an die Knie dir Erp noch Eitil, die Aelfrohen beiden; Nie siehst du wieder vom hohen Sitze Die Goldspender Gere schatten, Mähnen schlichten und Mähren tummeln."

 

38 Da erscholl auf den Sitzen lautes Schrein der Männer, Der Weiber ängstlicher Wehruf: sie weinten die Hunnensöhne. Gudrun ganz allein nicht: die grimme weinte nie! Nicht die bärkühnen Brüder noch die süßen Gebornen, Die zarten, unmündgen, die sie mit Atli gezeugt.

 

39 Da säte Gold aus die Schwanenweiße, Mit roten Ringen bereifte sie die Knechte. Den Vorsatz zu vollführen ließ sie fließen das Erz; Die Spenderin schonte der Schatzhäuser nicht.

 

40 Unklug hatte Atli sich übertrunken; Unbewehrt war er, ungewarnt vor Gudrun. Oft schien besser der Scherz, wenn sanft die beiden Sich öfters umarmten vor den Edelingen.

 

41 Mit dem Dolch gab sie Blut den Decken zu trinken Mit mordlustger Hand; sie löste die Hunde; Vor die Saaltür warf sie, das Gesinde weckend, Die brennende Brandfackel die Brüder zu rächen.

 

42 Alles Volk in der Veste dem Feuer gab sie, Die Högnis Schlächter und Gunnars aus dem Schwarzwald kehrten. Die alten Säle sanken, die Schatzkammern rauchten, Der Budlungen Bau; da brannten die Schildmägde Um die Jugend betrogen jäh in heißer Glut.

 

43 Nicht ferner verfolg ich's; keine Frau wird nun Die Brünne mehr tragen und die Brüder rächen. Volkskönge drei hat die edle Frau In den Tod gesandt eh sie selber erlag. Ausführlicher ist dies in dem grönländischen Atlamal erzählt.

 

35. Atlamal in Groenlenzku .

 

Das Lied von Atli

 

1 Die Welt weiß die Untat, wie weiland Männer Huben Rat zu halten, und den heimlichen Vorsatz Mit Schwüren bestärkten. Sie selber büßten es Und die Erben Giukis, die arg betrognen.

 

2 Die Fürsten erfaßte ihr feindlich Geschick. Übel beriet sich Atli bei aller Klugheit: Die Stütze stürzt er sich im Streit mit sich selbst. Er sandte schnelle Boten daß seine Schwäger kämen.

 

3 Die schlaue Hausfrau sann auf Mannesklugheit; Sie wußte die Worte, die heimlich gewechselten. In Not war die Weise, die sie retten wollte: Die Gesandten sollten segeln, sie selbst daheim sein.

 

4 Da ritzte sie Runen: die verritzte Wingi Eh er sie abgab, der Unheilstifter. Die Schiffe steuerten die Gesandten Atlis Durch den armreichen Sund, wo die Schnellen wohnten.

 

5 Bei festlicher Freude ward Feuer gezündet; Ob ihrer Ankunft nicht ahnten sie Trug.

 

Die der Schwager geschickt, die Geschenke nahmen sie Und hingen sie arglos auf an der Säule.

 

6 Högnis Hausfrau hört es, Kostbera. Da ging die kluge und grüßte die Boten. Auch Glaumwör, Gunnars Gattin freute sich; Sie gedachte der Pflicht und pflegte die Gäste.

 

7 Sie luden auch Högni, ob er dann lieber käme: Offen war die Arglist, beachteten sie's. Da verhieß es Gunnar, wenn Högni wolle; Doch Högni bestritt was der Herrscher dafür sprach.

 

8 Met brachten die Maide, es mangelte nichts; Die Füllhörner kreisten bis es völlig genug schien. Gebettet ward den Boten aufs allerbeste.

 

9 Klug war Kostbera und kundig der Runen. Sie besah die Lautstäbe bei des Lichtes Schein, Und zwang die Zunge zu zwiefachem Anschlag: Denn sie schienen umgeschnitzt und schwer zu erraten.

 

10 Zu Bette ging sie mit dem Gatten darauf. Die Leutselge träumte; auch leugnet es nicht Die weise dem Gemahl, als er morgens erwachte.

 

11 "Von Haus willst du, Högni: hüte dich wohl. Nicht viele sind vollklug: fahr ein andermal. Ich erriet die Runen, die dir ritzte die Schwester: Nicht hat dich die lichte geladen zu Haus.

 

12 Eins fiel mir auf: ich ahne noch nicht Was der weisen begegnete, so verworren zu schneiden. Denn so war es angelegt, als lauschte darunter Euch tückisch der Tod, trautet ihr der Ladung; Doch ein Stab fiel aus, oder andre fälschten es."

Högni:

 

13 Mißtrauisch seid ihr; mir mangelt die Kunde, Und laß es bewenden bis wir's zu lohnen haben. Mit glutrotem Golde begabt uns der König. Sah ich auch Schreckliches, ich scheue vor nichts.

Kostbera:

 

14 Übler Ausgang droht, wenn ihr dahin eilt, Nicht freundlichen Empfang findet ihr diesmal. Mir träumte heut, Högni, ich hehl es nicht: Die Fahrt gefährdet euch, wenn mich Furcht nicht trügt.

 

15 Lichte Lohe sah ich dein Laken verzehren: Hoch hob sich die Flamme meine Halle durchglühend.

Högni:

 

16 Hier liegt Leinwand, die ihr längst nicht mehr achtet: Wie bald verbrennt sie! Bettzeug schien dir das.

Kostbera:

 

17 Ein Bär brach hier ein, der uns die Bänke verschob Mit kratzenden Krammen: wir kreischten laut auf. In den Rachen riß er uns; wir rührten uns nicht mehr. Traun, das Getöse tobte nicht schlecht.

Högni:

 

18 Ein Ungewitter kommt über uns: Ein Weißbär schien dir der Wintersturm.

Kostbera:

 

19 Einen Adler sah ich schweben all den Saal uns entlang. Das büßen wir bald: mit Blut beträuft er uns; Sein ängstendes Antlitz schien mir Atlis Hülle.

Högni:

 

20 Wir schlachten bald: da muß Blut wohl fließen; Ochsen bedeutet's oft, wenn man von Adlern träumt. Treue trägt uns Atli was dir auch träumen mag. - Sie ließen es beruhn; alle Rede hat ein Ende.

 

21 Das Königspaar erwachte: da kam es auch so. Glaumwör gedachte bedeutender Träume, Die Gunnarn hin und her hinderten zu fahren.

Glaumwör:

 

22 Einen Galgen glaubt ich dir, Gunnar, gebaut. Nattern nagten dich und noch lebtest du. Die Welt ward mir wüst: was bedeutet das?

 

23 Aus der Brünne blinkte ein blutig Eisen; Hart ist, solch Gesicht dem Geliebten sagen. Der Ger ging dir ganz durch den Leib Und Wölfe heulen hört ich zu beiden Seiten.

Gunnar:

 

24 Lose Hunde laufen mit lautem Gebell: Kötergekläff verkündet der Lanzentraum.

Glaumwör:

 

25 Einen Strom sah ich schäumen den Saal hier entlang: Er stieg und schwoll und überschwemmte die Bänke. Euch Brüdern beiden zerbrach er die Füße; Nichts dämmte die Flut: das bedeutet was.

 

26 Weiber sah ich, verstorbne, im Saal hier nachten, Kampflich gekleidet, dich zu kiesen bedacht. Alsbald auf ihre Bänke entboten sie dich: Von dir schieden, besorg ich, die Schutzgöttinnen.

Gunnar:

 

27 Das sagst du zu spät, da es beschlossen ist: Wir entfliehn der Fahrt nicht, die wir zu fahren gelobten. Vieles läßt glauben, daß unser Leben kurz ist.

 

28 Mit leuchtendem Lichte die reiselustigen Eilten zum Aufbruch; andere ließen's. Nur fünfe fuhren, und doppelt so viel nur Des Gesindes noch, denn schlecht war's bedacht. Snäwar und Solar waren Högnis Söhne; Der fünfte fuhr Orkning in der Fürsten Zahl, Der schnelle Schildträger, der Schwager Högnis.

 

29 Ihnen folgten die Frauen bis die Furt sie schied. Stets hemmten die Holden; man hörte sie nicht.

 

30 Da begann Glaumwör, Gunnars Gemahl, Zu Wingi gewandt wie ihr würdig schien: "Ich weiß nicht, wie ihr guten Willen uns lohnt: Hier warst du ein arger Gast, wenn Übels dort geschieht.'

 

31 Da verschwur sich Wingi und schonte sich wenig: "Führe mich der Jote hin wofern ich euch log: Am Galgen will ich hängen, heuchelt ich Frieden."

 

32 Da hub Bera an aus biederm Herzen: "Segelt denn selig und Sieg geleit euch! Werd es wie ich wünsche und wehre dem nichts."

 

33 Da hüb Högni an Freunden Heil erwünschend: "Seid weis und wohlgemut, wie es ergehe!" So sprechen viele, doch unterschiedlich ist's, Denn manchem liegt wenig an dem Geleiter.

 

34 Sie sahen sich noch nach bis sie sich entschwanden; Da teilten sich die Schicksale, schieden sich die Wege.

 

35 Sie ruderten kräftig, der Kiel schier zerbarst, Schwenkten sich stark zurück mit eifrigen Schlägen: Die Rührpflöcke rissen, die Ruder zerbrachen. Unbefestigt blieb das Fahrzeug, da sie zu Lande fuhren.

 

36 Unlange wahrt es nun, laßt es mich kürzen, So sahn sie die Burg stehn, die Budli besessen. Laut klirrten die Riegel, da Högni klopfte.

 

37 Ein Wort sprach da Wingi, würd es verschwiegen! "Fährt fern vom Hause; Gefahr bringt der Eintritt. Leicht gingt ihr ins Garn, und gleich erschlägt man euch. Ich trieb euch traulich, doch Trug stak darunter. Oder bleibt auch hier, so bau ich euch den Galgen."

 

38 Dawider sprach Högni, nicht zu weichen bedacht; Ihn ängstete gar nichts, wo es galt sich versuchen: "Du sollst uns nicht schrecken, sieh, es gerät nicht: Wagst du ein Wort noch, wird dir langes Übel."

 

39 Da hieben sie Wingi zu Hel ihn zu senden, Gebrauchten der Äxte, bis der Atem ihm schwand.

 

40 Atli mit dem Volk fuhr in die Panzer. Gerüstet rannten sie der Ringmauer zu. Gewechselt wurden viel Worte des Zorns: "Lange gelobt war's, euch das Leben zu rauben." 

 

41 "Wenig gewahrt man noch was ihr wider uns vorhabt. Euch sehn wir unbereit; wir aber schlugen Und erlahmten einen von euerm Geleit."

 

42 Wutgrimm wurden die das Wort vernahmen. Sie reckten die Finger, faßten die Schnüre Und schossen scharf, mit den Schilden sich deckend.

 

43 Nun ward es innen kund was außen geschah. Sie hörten der Knechte Gespräch vor der Halle.

 

44 Der Grimm trieb Gudrunen, da sie das Graun vernahm: Im Zorn zerrte sie die Zierde der Halsketten, Schleuderte das Silber, daß die Ringe schlissen.

 

45 Aus ging sie, unsanft die Angeln schlagend, Furchtlos trat sie vor und empfing die Gäste, Liebkoste den Niflungen - der letzte Gruß war's - Mit Herzen und Halsen; dann hub sie an und sprach noch:

 

46 "Ich sandt ein Sinnbild euch zu schrecken damit; Dem Schicksal widersteht man nicht: ihr solltet nun kommen." Noch vermitteln möchte sie's mit manchem klugen Wort; Niemand riet dazu, nein, riefen alle.

 

47 Da sah die Seliggeborne den bittern Kampf begonnen. Erkeckt zu kühner Tat warf sie das Kleid hin, Schwang das bloße Schwert und schützte der Freunde Leben. Behaglich war sie nicht im Kampf wohin sie kam.

 

48 Giukis Tochter traf tödlich zwei Männer. Den Bruder Atlis schlug sie, daß man ihn bahren mußte: Bis ein Fuß ihm fehlte focht sie mit ihm. Den andern hieb sie also, daß er Aufstehns vergaß: Den hatte sie zu Hel gesandt; ihre Hände bebten nicht.

 

49 So ward die Wehr hier, daß es weltkund ist; Doch ging über alles gar was die Giukungen wirkten. So lange sie lebten ließen die Niflungen Die Schwerter schwirren, schwinden die Brünnen; Helme zerhieben sie nach Herzensgelüsten.

 

50 Sie stritten den Morgen über Mittag hinaus, Von erster Frühe zu voller Tageshöh. Vom Blute floß das Feld, erfüllt war der Kampf. Ihrer achtzehn fielen - die Feinde siegten - Beiden Söhnen Beras und ihrem Bruder Orkning.

 

51 Atli begann grimmig das Wort: "Üble Schau ist hier und Euer die Schuld. Hier standen dreißig streitbare Degen; Nur elfe sind übrig: zu arg ist die Lücke! Fünf Brüder waren wir, als Budli starb: Nun hat Hel die Hälfte, verhauen liegen zweie!

 

52 Herrliche Schwäger hätt ich, ich leugne es nicht; Unweibliches Weib! Wenig genieß ich's. Wir stimmten selten seit ich dich nahm. Ihr habt mich des Reichtums beraubt und der Freunde, Meine Schwester erschlagen: am schwersten härmt mich das!"

Gudrun:

 

53 Gedenkst du des, Atli! Du tatest zuerst so. Du hast mir die Mutter ermordet um Schätze: In der Höhle zu verhungern war der Hehren Los. Lächerlich läßt es dir deines Leids zu gedenken: Durch Gnade der Götter ergeht es dir übel.

Atli:

 

54 Nun mahn ich euch. Mannen, mehrt den Harm Dem stolzen Weibe: das sah ich gern! Erkämpft aus Kräften, daß Gudrun klagen müsse. Das lüstet mich zu schaun, daß ihr Los sie schmerze.

 

55 Bemeistert euch Högnis, daß ein Messer ihn teile, Reißt ihm das Herz aus, seid rasch zur Tat; Den grimmen Gunnar, an den Galgen hängt ihn, Knüpft scharf den Strang, ladet Schlangen dazu.

Högni:

 

56 Tu nach Gefallen, getrost erwart ich's: Doch hart bewähr ich mich, der wohl Herberes litt. Wir hielten euch Stand, da wir heil waren: Nun sind wir so wund, du hast volle Gewalt. -

 

57 Da redete Beiti, der Burgwart Atlis: "Laßt uns Hialli fangen und Högni schonen. Uns hilft das halbe Werk, und ihm gehört sich das: Wie lang er leben mag, ein Lump doch bleibt er."

 

58 Der Hafenhüter erschrak und hielt nicht Stand; Er krisch und klagte und kroch in alle Winkel: Ihr Streit bekam ihm schlecht, den er schuldlos büße; Unselig sei der Tag, da er von der Schweinmast käme Und der feisten Kost, der er lang sich erfreut.

 

59 Budlis Schergen zogen und schliffen das Messer; Der arme Schalk schrie eh er die Schärfe fühlte: Nicht zu alt noch war er die Äcker zu düngen; Gern schaff er das Schmählichste, wenn er Schonung fände, Und lache dazu, behielt er das Leben nur.

 

60 Högni beriet sich, so rasch tat es keiner, Für den Gimpel zu bitten, daß er entginge. "Dies Spiel besteh ich viel leichter selber: Wer wollte weiter solch Gewinsel hören!"

 

61 Sie ergriffen den Guten: es gab keine Wahl mehr Des raschen Recken Gericht zu verschieben. Hell lachte Högni, es hörten die Männer Wie kampflich er konnte die Qual erdulden.

 

62 Die Zither nahm Gunnar, mit den Zweigen der Füße Könnt er sie schlagen, daß die Schönen klagten, Die Helden sich härmten, die ihn hörten spielen. Rat sagt er den Reichen, daß entzwei rissen Balken.

 

63 Die Teuern waren tot bei Tagesanbruch; Ihnen überlebte allein die Tugend.

 

64 Stolz war Atli, stieg über beide, Sagte Harm der Hehren und höhnte sie noch: "Morgen ist's, Gudrun: du missest deine Holden. Du selber hast Schuld, daß es so erging."

Gudrun:

 

65 Nun freust du dich, Atli, ihren Fall zu berichten. Doch übel gereut's dich, wenn du alles weißt. Was sie dir vermachten, ich meld es dir jetzt: Stete Besorgnis; ich sterbe denn auch.

Atli:

 

66 Dem werd ich wehren, ich weiß andern Rat, Noch halbmal hilfreichern; unser Heil verschmähn wir oft. Mit Mägden tröst ich dich und manchem Kleinod, Schneeweißem Silber wie du selbst es wählst.

Gudrun:

 

67 "Das wähne nimmer: ich sage nein dazu. Sühne verschmäht ich eh solches erging. Galt ich für grimmig, nun bin ich es gar; Den Harm verhehlt ich dieweil Högni lebte.

 

68 Uns zogen sie auf in einem Hause, Viel Spiele zusammen spielten wir im Walde. Grimhild gab uns Gold und Halsschmuck. Du magst mir nicht büßen meiner Brüder Mord: Was du tust und lassest, leid ist mir alles.

 

69 Doch der Frauen Willen wandelt der Männer Gewalt. Die Krone verdirbt, wenn die Zweige dorren; Wenn der Bast gebricht, geht der Baum zu Grunde: Du allein magst, Atli, aller Dinge nun walten."

 

70 Aus argem Unverstand schenkt ihr Atli Vertrauen; Offen war die Arglist, hätt er geachtet drauf. Schlau hehlte Gudrun des Herzens Meinung; Leichtsinnig schien sie auf zwei Schultern zu tragen.

 

71 Ein Gelage ließ sie rüsten zum Leichenschmaus der Brüder; Atli wollte auch seine Toten ehren.

 

72 Sie ließen die Rede, das Gelage zu beschicken, Daß Füll und Überfluß bei der Feier war. Streng war die Stolze den Entstammten Budlis: Gegen den Gatten sann sie grause Rache.

Atli:

 

90 Zum Mord riß dich Wut, zum widernatürlichen. Falsch ist's, den Freund täuschen, der fest vertraut.

 

91 Erbeten fuhr ich dich zu freien von Haus, Die verwaiste Witwe, die wildherzig hieß: Keine Lüge war es, das ließest du schauen. Wir holten dich ein mit großem Heergeleit. Alles war auserwählt bei unsrer Fahrt.

 

92 Aller Pracht war genug durch preiswerte Gäste, Rinder in Vorrat, die uns reichlich nährten. Fülle war und Überfluß, viele genossen es.

 

93 Zum Mahlschatz vermacht ich dir Menge des Schatzes, Knechte zehnmal drei, und zierer Mägde sieben, Ein schön Geschenk; des Silbers war viel mehr.

 

94 Das nahmst du alles hin als war es nichts, Nach dem Lande verlangend, das Budli mir ließ. Fallstricke flochtst du mir, ich empfing nichts andres. Die Schwieger ließest du oft sitzen in Tränen; Heiter hielten wir niemals Haus.

Gudrun:

 

95 Nun lügst du, Atli! Doch laß ich's bewenden. Selten war ich sanft; doch sätest du Zwist. Unbändig strittet ihr jungen Brüder, Daß zu Hel die Hälfte deines Hauses fuhr: Zu, Grunde ging alles, was Glück bringen sollte.

 

96 Wir drei Geschwister dauchten unbezwinglich; Wir fuhren von Lande in Sigurds Gefolge, Schweiften und steuerten, sein Schiff ein jeder, Auf unsichern Ausgang ins östliche Land.

 

97 Einen Fürsten fällten wir; uns fiel sein Land zu. Die Hersen huldigten: wir waren die Herrn. Nach Willkür riefen wir aus dem Wald Verbannte, Gaben dem die Macht, der keinen Deut besaß.

 

98 Jener Hunnische starb, mein Stand ward geniedert; Herb war der Jungen Harm verwitwet zu heißen: Doch härtere Qual war's, in Atlis Haus zu kommen Der Vermählten des Mannes, den zu missen schwer war.

 

99 Nie kamst du vom Kampf, daß uns Kunde ward, Du habest Streit gesucht und Sieg dir erfochten. Stets wolltest du weichen, nicht Widerstand tun, Dich heimlich halten, was Hohn schuf dem Fürsten.

 Atli:

 

100 Nun lügst du, Gudrun! So linderst du nicht Unser herbes Geschick, das hart ist beiden. Gönne nun, Gudrun, durch deine Güte Uns die letzte Ehre beim Leichenbegängnis.

Gudrun:

 

101 Einen Kiel will ich kaufen und gemalte Kiste, Das Leintuch wachsen, das den Leib verhülle, Auf alle Notdurft achten als ob wir uns liebten.

 

102 Tot war nun Atli, die Freunde trauerten. Da hielt die Hohe alle Verheißung. Nun sann sich Gudrun selber zu töten; Doch gelängt war ihr Leben, andrer Tod ihr verliehn.

 

103 Selig heißt seitdem dem solch eine kühne Tochter gegönnt ist, wie Giuki zeugte. In allen Landen überleben wird Der Vermählten Feindschaft, wo sie Menschen hören.

 

36. Gudrunarhvot

 

Gudruns Aufreizung

 

Da ging Gudrun ans Meer, nachdem sie Atli getötet hatte. Sie ging in die See, sich umzubringen, mochte aber nicht versinken. Da wurde sie von den Fluten über den Sund getragen an das Land König Jonakurs. Der nahm sie zur Ehe. Ihre Söhne waren Sörli, Erp und Hamdir. Dort wurde Swanhild, Sigurds Tochter, erzogen und Jörmunrek, dem reichen, zur Ehe gegeben. Bei dem war Bicki: der gab den Rat, daß Randwer, des Königs Sohn, sie zur Ehe nähme. Das verriet Bicki dem König. Da ließ der König Randwern henken und Swanhilden von Pferden zertreten. Als Gudrun dies hörte, sprach sie den Söhnen zu.

 

1 Nie hört ich Worte so herzzerschneidend, Aus tödlicher Trauer emporgetragen, Als da die grimme Gudrun die Söhne Zur Rache reizte mit der Rede Schärfe:

 

2 "Was sitzt ihr säumig, verschlaft das Leben? Wie freut euch fürder noch frohes Gespräch, Da Jörmunrek die blühend junge Von Pferden zerstampfen ließ, eure Schwester, Auf offenem Wege von weißen und schwarzen, Grauen, gangzähmen gotischen Rossen.

 

3 Sehr ungleich seht ihr Gunnars Geschlechte, Nicht hohes Herzens wie Högni war. Ihr würdet ihr, wähn ich, nicht weigern die Rache, Hättet ihr Mut wie meine Brüder Und hunnischer Herrscher herben Sinn."

 

4 Da hub Hamdir an aus hohem Mut: "Lässiger warst du wohl Högni zu loben, Als er Sigurden vom Schlaf erweckte. Deine Bettdecken waren, das blauweiße Stickwerk, Rot von des Gatten Blut, ganz von dem Schwall bedeckt.

 

5 Zu rasch warst du mit der Rache der Brüder, Die Söhne zu schlachten mit grausamem Sinn. Wir könnten die junge nun an Jörmunrek Atlis Söhnen gesellt, die Schwester, rächen.

 

6 Doch hole das Heergerät der Hunnenkönige, Weil zum Waffenspiel du uns erwecktest."

 

7 Wie gerne ging da Gudrun zum Rüstsaal, Nahm aus den Kisten königlichen Helmschmuck Und breite Brünnen, brachte sie den Söhnen. Die Mutigen luden den Mähren sich auf.

 

8 Da hub Hamdir an aus hohem Mut: "Dir kehren nicht mehr die Mutter zu schauen Die Fechter, gefällt im Volk der Goten, Bis uns du allen das Erbmal rüstest, Swanhilden gesamt und deinen Söhnen."

 

9 Ging da Gudrun, Giukis Tochter, Bei Seite sitzen mit Leid beschwert. Sie zählte der Freunde Unfälle sich auf, Hin und her, die Harmbeschwerte:

 

10 "Drei Häuser hätt ich, drei Herdgluten, Drei Gatten ward ich ins Haus begleitet. Sigurd allein war mir werter als alle; Meine Brüder haben ihn umgebracht.

 

11 So bittern Leides ward mir nicht Buße. Noch mehr gedachten sie mich zu betrüben, Als mich die Edlinge dem Atli gaben.

 

12 Die kühnen Knaben kost ich herbei: Ich sollte nicht Sühne der Schmerzen gewinnen Bis ich vom Halse hieb der Niflungen Haupt.

 

13 Den Nornen gram ging ich an den Strand, Der Falschen Verfolgung wollt ich entfliehn. Mich hoben, nicht schlangen die hohen Wellen: Zu längerm Leben stieg ich ans Land.

 

14 Im neuen Ehebett hofft ich Verbesserung, Zum dritten Mal vermählt einem König. Kinder gewann ich zu Wächtern des Erbes, Zu Schützern des Erbes die Söhne Jonakurs.

 

15 Mägde saßen um Swanhilden; Der Erzeugten liebt ich zärtlicher keinen. So schien Swanhild in meinen Sälen Wie ein Sonnenstrahl die Sinne labte.

 

16 Ich gab ihr Gold und gutes Gewebe Eh sie gegiftet ward ins Gotenreich. Da hab ich den härmsten Harm empfunden, Als die leuchtenden Locken Swanhildens In den Staub stießen stampfende Rosse.

 

17 Das war mir das schwerste, als den Sigurd sie, Den siegberaubten, mir erschlugen im Bett, Und das am grimmsten, da Gunnarn dort Das Leben fraßen die falschen Schlangen; Aber am schärfsten schnitt mir ins Herz, Da sie lebend zerteilten den tadellosen.

 

18 Viel Leides gedenkt mir, viel langen Kummers. Säume nicht, Sigurd! Dein schimmernd Roß, Das laufgeschwinde, lenk es hierher. Nun sitzt hier weder Schnur noch Tochter, Der Gudrun gäbe goldene Zierden.

 

19 Gedenke, Sigrud, was wir sprachen, Da wir beide im Bette saßen: Daß du kommen wollest. Kühner, zu mir Aus der Halle der Hel, mich heimzuholen.

 

20 Schichtet nun, Jarle, die Eichenscheite, Daß sie hoch sich heben unter dem Himmel, Die leidvolle Brust mir das Feuer verbrenne, Vor Hitze der Harm im Herzen schmelze.

 

21 Allen Männern werde sanfter zu Mut, Allen Schönen lindre es die Schmerzen, Wenn sie mein Harmlied zu Ende hören."

 

37. Hamdismal

 

Das Lied von Hamdir

 

1 Zeitig huben sich harmvolle Taten, Als Alfe trauerten um des Tages Anbruch. Zur Morgenstunde erwachen den Menschen Die Sorgen alle, die Herzen beschweren.

 

2 Nicht heute war es, noch war es gestern, Lange Zeit verlief seitdem, Daß Gudrun trieb, die Tochter Giukis, Die jungen Söhne Swanhilden zu rächen:

 

3 "Eure Schwester war es, Swanhild geheißen, Die der stolze Jörmunrek von Gäulen zerstampfen ließ Auf offnem Wege, weißen und schwarzen, Grauen, gangzahmen, gotischen Rossen.

 

4 Verlassen lebt ihr, Lenker der Völker; Ihr allein seid übrig von all meiner Sippe. Ich auch bin einsam wie die Espe des Waldes: Meine Freunde fielen wie der Föhre die Zweige, Aller Lust bin ich ledig wie des Laubs ein Baum, Wenn ihm ein Sommersturm die Zweige beschädigte.

 

5 Sehr ungleich seht ihr Gunnars Geschlechte Nicht hohes Herzens wie Högni war. Ihr würdet ihr, wähn ich, nicht weigern die Rache, Hättet ihr Mut wie meine Brüder Und hunnischer Herrscher herben Sinn."

 

6 Da hub Hamdir an aus hohem Mut: Da hast du träger traun Högnis Tat gelobt, Als sie den Sigurd vom Schlaf erweckten: Du saßest im Bette und die Schacher lachten.

 

7 Deine Bettdecken flossen, die blauweißen, Das künstliche Stickwerk, von des Kühnen Blut. Sigurd erstarb; du saßest bei dem Toten Dem Lachen gram, so lohnte dir Gunnar.

 

8 Den Atli zu strafen erschlugst du den Erp Und Eitil dazu; aber am meisten Schmerzt es dich selber. So sollte doch Ein jeder gebrauchen des durchbohrenden Schwertes Andern zu schaden, sich selber nicht."

 

9 Sörli sprach da aus weisem Sinn: "Nicht will ich Worte wechseln mit der Mutter; Doch eins gebricht an euern Reden: Was verlangst du, Gudrun, das du vor Leid nicht sagst?

 

10 Du beklagst die Brüder und die holden Kinder Und spornst zu Streit die Spätgebornen. Du wirst dich, Gudrun, um uns auch grämen, Wenn wir fern im Gefecht von den Rossen fielen." -

 

11 Unwirsch ritten sie aus dem Hofe. Die tauigen Täler durchtrabten die Jünglinge Auf hunnischen Mähren den Mord zu rächen.

 

12 Sie fanden Erp auf ihrem Wege, Der kühn auf dem Rücken des Rosses spielte. "Was hilft es, dem Blöden die Bahnen zu weisen?" Sie schalten den Edeln unehlich geboren.

 

13 Sie fragten den Tapfern, da sie ihn trafen: "Was würdest du fuchsiger Zwerg uns frommen?"

 

14 Erp gab zur Antwort, andrer Mutter Sohn: "So will ich Beistand euch beiden leisten Wie eine Hand der andern hilft, Wie Fuß dem Fuß den Freunden helfen."

 

15 "Was frommt der Fuß dem Fuße wohl? Mag eine Hand der andern helfen?"

 

16 Aus der Scheide rissen sie die scharfe Klinge, Mit dem harten Eisen Hel zu erfreun. Sie schwächten die Stärke sich selbst um ein Drittel, Da ihr junger Bruder zu Boden stürzte.

 

17 Sie schüttelten die Hüllen, die Schneide bargen sie, Kleideten, die Kämpen, sich in kampflich Gewand. Sie fuhren weiter unheimliche Wege, Sahn der Schwester Stiefsohn versehrt am Baum, Am windkalten Wolfsbaum westlich der Burg, Als rief er den Raben: da war übel rasten.

 

18 Laut in der Halle war's von lustigen Zechern: Sie hörten der Hengste Hufschall nicht Bis der sorgende Wächter das Horn erschallen ließ.

 

19 Sie eilten und sagten dem Jörmunrek, Unter Helmen würden Helden erschaut: "Gebt weislichen Rat, die Gewaltigen nahn: Starken Männern zum Schaden zerstampft ward die Maid."

 

20 Jörmunrek schmunzelte und strich sich den Bart; Nicht wollt er sein Streitgewand: er stritt mit dem Wein. Das Schwarzhaupt schüttelt er, sah nach dem weißen Schild Und kehrte keck den Kelch in der Hand:

 

21 "Selig schien ich mir, schaut ich hier Hamdir und Sörli in meiner Halle. Ich bände sie beide mit Bogensehnen, An den Galgen hängt ich Giukis gute Kinder."

 

22 Da rief der Erhabne von hohen Stufen, Der Waltende warnte seine Verwandten: "Dürfen diese so Dreistes wagen, Zwei Männer allein zehn hundert Goten Binden und bändigen in der hohen Burg?"

 

23 Hall ward im Hofe, die Humpen stürzten Und Männer ins Blut aus Menschenbrüsten.

 

24 Da hob Hamdir an aus hohem Mut: "Ersehnst du, Jörmunrek, unser Erscheinen, Der Vollbrüder beide in deiner Burg? Nun siehst du die Füße, siehst deine Hände, Jörmunrek, liegen und lodern in Glut."

 

25 Dawider hob sich der hohe Berater, Den die Brünne barg, wie ein Bär hob er sich: "Schleudert Steine, wenn Geschosse nicht haften Noch scharfe Schwerter, auf die Söhne Jonakurs."

 

26 Da hob Hamdir an aus hohem Mut: "Übel tatest du, Bruder, den Mund zu öffnen: Oft aus dem Munde kommt übler Rat."

Sörli:

 

27 "Mut hast du, Hamdir, hättest du auch Weisheit! Viel mangelt dem Mann, dem Mutterwitz fehlt.

 

28 Nun läge das Haupt, war Erp am Leben, Unser tapfrer Bruder, den wir herwärts töteten, Den raschen Recken; üble Disen reizten mich: Den wir heilig sollten halten, den haben wir gefällt.

 

29 Nicht ziemt uns beiden, nach der Wölfe Beispiel Uns selbst grimm zu sein wie der Nornen Grauhunde, Die gefräßig sich fristen im öden Forst.

 

30 Schön stritten wir: wir sitzen auf Leichen, Von uns gefällten, wie Adler auf Zweigen. Hohen Ruhm erstritten wir, wir sterben heut oder morgen: Den Abend sieht niemand wider der Nornen Spruch."

 

31 Da sank Sörli an des Saales Ende, Hinter dem Hause fand Hamdir den Tod. Dies ist das alte Hamdismal.

 

38. Grotta songr

 

Das Mühlenlied

 

1 Nun kamen wir her zu des Königs Haus Vorwissende Frauen, Fenja und Menja.

Bei Frodi werden, Fridleifs Sohne, Die mächtigen Maide als Mägde gehalten.

 

2 Man führte zur Mühle die Frauen alsbald, Die Schrotsteine sollten sie rühren. Er ließ ihnen länger nicht Ruhe lassen Als solang er hörte die Mägde singen.

 

3 Da ließen sie knattern die knarrende Mühle: "Umschwingen wir Starken den leichten Stein." Nur mehr zu mahlen bat er die Mägde.

 

4 Sie sangen und schwangen den schnaubenden Stein Bis Frodis Volk in Schlaf verfiel. Da sang Menja, die mahlen sollte:

 

5 "Wir mahlen dem Frodi Macht und Reichtum Und goldenes Gut auf des Glückes Mühle. Er sitz' ihm im Schoß und schlaf auf Daunen Nach Wunsch erwachend: das ist wohl gemahlen.

 

6 Nie soll hier einer dem andern schaden, Hinterhalt legen, Unheil ersinnen, Mit scharfem Schwerte nicht Wunden schlagen, Und fand er gebunden des Bruders Mörder."

 

7 Da war es das erste Wort, das er sprach: Haltet nicht länger ein als der Hauskuckuck schläft, Oder nur während eine Weis ich singe.

 

8 "Nicht warst du, Frodi, vorsichtig genug, Den Mannen holdselig, als du Mägde kauftest: Auf Stärke sahst du und schönes Antlitz; Achtetest ihrer Abkunft nicht.

 

9 "Hart war Hrungnir und hart sein Vater, Doch stärker als sie scheint mir Thiassi. Idi und Örnir sind unsere Väter, Der Bergriesen Brüder, die uns beide zeugten.

 

10 Nicht war Grotti gekommen aus grauem Felsen, Nicht der schwere Schrotstein aus dem Schoß der Erde, Nicht rührte den Mandel des Bergriesen Tochter, Wäre das wem der Menschen bewußt.

 

11 Wir waren Gespielen neun Winter lang, Da unter der Erde man uns erzog: Da übten wir Mägde schon manche Großtat, Faßten Felsen sie fort zu rücken.

 

12 Wir wälzten die Steine zu den Riesenwohnungen: Die Erd im Grunde begann zu zittern. Wir stießen und stürzten den Stein, daß er ächzte, Die ragende Felswand ward Menschen erreichbar.

 

13 Seitdem geschah's, daß in Schweden wir Vorwissende Frauen die Heerschar führten, Bären pirschten, Schilde brachen, Entgegen gingen grau geschientem Heer. Wir stürzten Stammfürsten, stürzten andre: Gutthorm dem guten gaben wir Beistand, Feierten nicht früher bis Knui fiel.

 

14 Solcherlei schufen wir Sommer und Winter Bis wir als Kämpen wurden bekannt. Mit scharfen Speeren schlugen wir Wunden In Fleisch und Gebein und färbten die Klingen.

 

15 Nun sind wir gekommen zu des Königs Haus Und werden unmenschlich als Mägde behandelt: Grus frißt die Sohlen und Kälte die Glieder; Wir mahlen dem Feinde: schlimm ist's bei Prodi.

 

16 Ruhet nun, Hände, raste nun, Stein, Genug von mir gemahlen ist nun. Doch haben die Hände hier nicht Ruhe Bis Frodi meint genug sei gemahlen.

 

17 So greifet nun, Helden, zu harten Geren, Zu triefenden Waffen. Erwache, Frodi! Erwache, Frodi! Willst du lauschen Unserm Singen und alten Sagen.

 

18 Feuer seh ich brennen östlich der Burg, Kriegsbotschaft kommt, das verkündet die Glut. Ein Heer ist im Anzug, eindringt es hier, Und verbrennt alsbald die Burg dem Fürsten.

 

19 Nicht magst du mehr halten den Stuhl in Hieidra Mit roten Spangen und spähem Gestein. Mächtiger mahlen wir Mägde noch. Noch weilst du. Walmaid, dem Walfeld fern.

 

20 Tapfer mahlt meines Vaters Tochter, Denn vieler Fürsten Fall sieht sie nahn. Schwere Stücke springen von der Mühle, Eisen beschlagene: doch immer gemahlen!

 

21 Nur immer gemahlen! Yrsas Sohn, Halfdans Enkel wird Frodi rächen. Er wird von ihr geheißen werden Sohn und Bruder; wir beide wissen's!"

 

22 Die Mägde mahlten aus aller Macht: Die jungen waren im Jotenzorn. Die Mahlstange brach, die Mühle riß, Der mächtige Mühlstein fuhr mitten entzwei.

 

23 Die Bergriesenbräute sprachen: "Nun finden wir, Frodi, wohl Feierabend: Genug gemahlen haben wir Mägde."

 

39. Solarliod

 

Das Sonnenlied

 

1 Gut und Leben raubte lang allen Lebenden Jener grimme Greis: Über die Wegscheide, die er bewachte, Konnte keiner lebend kommen.

 

2 Einsam immer saß er und aß, Lud nie den Mann zum Mahl, Bis müd und matt und unvermögend Jetzt ein Gast die Gasse gegangen kam.

 

3 Des Tranks bedürftig beteuerte sich der Fremdling Und heißen Hunger zu haben; Mit verzagtem Herzen zeigt er Vertrauen Zu dem übel gearteten.

 

4 Trank und Speise spendet er dem Müden Gern aus ganzem Herzen, Gedachte Gottes und gab dem Bedürftigen, Weil er sich verworfen wußte.

 

5 Auf stand jener mit üblem Vorsatz; Nicht bedurfte der Wandrer der Wohltat. Die Sünde schwoll: im Schlaf ermordet er, Wie weis er war, den Reuigen.

 

6 Den Gott im Himmel um Hilfe flehte der Als er verwundet erwachte; Aber der andere nahm seine Sünden auf sich, Der ihn schuldlos erschlug.

 

7 Heilige Engel schwebten vom Himmel hernieder Und bargen seine Seele: Ein lauteres Leben lebt sie ewig Bei Gott dem Allgütigen.

 

8 Besitz und Gesundheit sind keinem sicher, Wie gut es ihm ergehe. Oft verderbt uns, woran wir am wenigsten dachten; Niemand setzt sich selbst sein Schicksal.

 

9 Nicht versahen sich's Säwaldi und Unnar, Daß ihr Glück so bald zerbräche; Doch mußten sie nackt, da nichts ihnen blieb, Wie Wölfe fliehen zum Walde.

 

10 Zum Fall hat viele die Liebe geführt; Viel Schmerzen schufen die Frauen: Mein befleckte manche, die der mächtige Gott Doch so schön geschaffen.

 

11 Schwertbrüder waren Swafudr und Swarthedin, Mochten nicht ohn einander sein. Eines Weibes wegen wurden sie sich feind: Die stand ihnen zum Sturz bestimmt.

 

12 Alles vergaßen sie über dem Glanz der Schönen, Scherz und schöne Tage, Sie schlugen alles sich aus dem Sinn Bis auf der Lieben lichten Leib.

 

13 Da wurden ihnen düster die dunkeln Nächte, Sie schliefen den süßen Schlaf nicht mehr. Aus diesem Harme erwuchs der Haß Zwischen Bundesbrüdern.

 

14 Allzuoft wird Unenthaltsamkeit Grimmig vergolten, Den Holmgang gingen sie um das holde Weib Und lagen beid im Blute.

 

15 Übermutes soll sich keiner vermessen: Des ward ich wohl gewahr, Denn abgefallen sind allermeist Von Gott, die sich ihm ergaben.

 

16 Reich und mächtig waren Rädey und Webogi, Lustig zu leben allein bedacht; Von Feuer zu Feuer nun sieht man sie fahren, Die schnöden Geschwüre zu bähen.

 

17 Sie hofften nur auf sich und dauchten sich hoch Über alle Sterblichen; Aber den Lauf wies ihrem Lose Anders der Allmächtige.

 

18 Sie lebten nach Lust und Laune dahin Und sparten im Spiele das Gold nicht: Das büßen nun beide, da sie bettelnd wechseln Zwischen Frost und Feuer.

 

19 Dem Abgünstigen traue nicht allzuviel Wie süß er redt und raune. Heuchl ihm Freundschaft: fremden Trug Lassen wir weislich uns warnen.

 

20 So erging es Sörli dem guten, Als er sich in Wigolfs Gewalt gab: Er traut ihm treulich; doch jener trog ihn, Der seinen Bruder erschlagen.

 

21 Er gewährt ihnen Frieden als war es von Herzen; Man verhieß ihm Gold dagegen. Sie schienen versöhnt beim süßen Met; Noch kam der Falsch nicht zum Vorschein.

 

22 Aber darauf am andern Tag Als sie Rygiartal erritten, Mit Schwertern erschlugen sie den Schuldlosen Und ließen sein Leben schwinden.

 

23 Die Hülle trugen sie auf heimlichen Wegen Und bargen im Brunnen die Stücken. Sie wollten es hehlen: der Herr aber sah's, Der heilige, himmelhernieder.

 

24 Die Seele lud er, der süße Gott, In seine Freuden zu fahren; Doch mag er wohl säumig die Mordgesellen Ihres langen Leids erledigen.

 

25 Die Disen bitte, die Bräute des Himmels, Dir holdes Herz zu hegen: Deinen Wünschen werden sie in kommenden Wochen Alles zu Liebe lenken.

 

26 Das Werk des Unmuts, das auf dir lastet, Büße nicht Böses häufend, Liebestat versöhne den Schwerverletzten: Das, sagt man, frommt der Seele.

 

27 Um Gnadengaben flehe zu Gott, Dem mächtigen, der uns Menschen schuf Übels viel befährt der Mann, Der seinen Vater versäumt.

 

28 Mit brünstigem Flehn erbitte dir Wes du dich bedürftig dünkst. Wer nichts erbittet dem bietet man nichts: Wer ersinnt des Schweigenden Schäden?

 

29 Spät komme ich gefahren, frühe beschieden Vor des Fürsten Türe. Da erhoff ich, was mir verheißen ist: Kost erlangt wer verlangt.

 

30 Die Sünden sind schuld, daß wir trauernd scheiden Aus dieser Welt des Wehs. Niemand fürchte sich, der nichts verbrach: Ein reines Herz errettet.

 

31 Wolfsgestalt gewinnen alle, Die wandelbaren Sinnes sind. Das erfährt wohl jeder, der fahren soll Über feuriger Flammen Glut.

 

32 Freundlichen Rat und weise geflochtnen Sagt ich dir siebenfach: Vernimm ihn wohl und vergiß ihn nie, Er ist wohl wert zu wissen.

 

33 Erst will ich dir sagen wie selig ich war In dieser Welt des Wehs. Das ist das andre: daß alle Menschen Wider Willen Leichen werden.

 

34 Wollust und Stolz betrügt die Sterblichen, Daß sie nach Schätzen schielen. Zu langem Leide wird das lichte Gold; Manchen betören Taler.

 

35 Munter meist erschien ich den Menschen, Denn wenig wußt ich voraus: Die zeitliche Welt hat wollustreich Der Schöpfer geschaffen.

 

36 Mit Neigen saß ich und nickte lange; Doch groß war die Lust zu leben. Aber des Waltenden Willen entschied, Zum Tode führen Wege viel.

 

37 Die Tage der Krankheit fühlt ich unsanft Mir um die Hüfte geheftet; Zerreißen wollt ich sie; aber sie waren stärker: Leichter geht sich's lose.

 

38 Allein wußt ich, wie überall Mir die Schmerzen schwollen. Heim luden mich der Hölle Töchter Graunvoll alle Abend.

 

39 Die Sonne sah ich, das schöne Tagsgestirn, Sinken in die Welt des Schreiens, Und der Hölle Gitter hört ich mir zur Linken Schaurig erschallen.

 

40 Die Sonne sah ich blutrot scheinen, Wie ich von der Welt mich wandte; Doch heller schien sie mir und herrlicher Als ich sie noch je gesehen.

 

41 Die Sonne sah ich, sie war so schön, Als sah ich Gott den Schöpfer selbst. Ich neigte der herrlichen heut zum letzten Mal In dieser Welt des Wehs.

 

42 Die Sonne sah ich, so war ihr Glanz, Daß sonst mir nichts bewußt mehr war. Die Höllenflüsse hallten zur Linken mir Gemischt mit manches Menschen Blut.

 

43 Die Sonne sah ich bebenden Angesichts, Der Schrecken voll und Schmerzen, Denn mein Herz, das hart bedrängte, Zerging in Angst und Ohnmacht.

 

44 Die Sonne sah ich noch selten verzagter; Ich war der Welt schier halb entwandt; Die Zunge stand mir starr im Munde, So fühlt ich sie von Frost erfaßt.

 

45 Die Sonne sollt ich nicht wiedersehn Nach jenem trüben Tage; Der blaue Himmel verbarg sich mir, In Schmerzen entschwand die Besinnung.

 

46 Der Stern der Hoffnung (die Seele) in der Stunde der Neugeburt Entflog der bangen Brust. Er schwang sich hoch empor und setzte sich nirgends, Daß er zur Ruhe kommen konnte.

 

47 Aber am ängstlichsten war mir die eine Nacht, Wo ich starr lag auf dem Stroh: Da verstand ich erst ganz das göttliche Wort: Vom Staube stammen die Sterblichen.

 

48 Das wiss' und erwäge der waltende Gott, Der die Welt und den Himmel wirkte, Wie einsam wir beim Abschied bleiben, Zählten wir gleich der Freunde viel.

 

49 Seiner Taten Frucht empfängt ein jeder: Selig wer da wohl gewirkt! Ich schatzentblößter kam auf ein Bett Von schierem Sande zu liegen.

 

50 Der Haut zu pflegen vergißt man der Pflicht: Dies dünkt das erste Bedürfnis; Doch mir verleidete sich die Lauge solchen Bads Über alle Maßen.

 

51 Auf der Nornen Stuhl saß ich neun Tage, Ward dann auf den Hengst gehoben. Schauerlich schien die Sonne der Riesin Aus Nacht und Nebel nieder.

 

52 Innen und außen wähnt ich alle sieben Unterwelten zu durchwandern: Auf und nieder sucht ich ängstlich den Weg, Der leidlicher zu wandern wäre.

 

53 Nun ist zu sagen, was ich zuerst ersah, Als ich zu den Qualorten kam: Versengte Vögel, die Seelen waren, Flogen wie Fliegen umher.

 

54 Von Westen drangen die Drachen des Wahns Und bedeckten die glühenden Gassen. Sie schlugen die Schwingen als sollte der Himmel Bersten und die Erde.

 

55 Den Sonnenhirsch sah ich von Süden kommen Von zwein am Zaum geleitet; Auf dem Felde standen seine Füße, Die Hörner hob er zum Himmel.

 

56 Von Norden ritten der Nüchternheit Söhne; Ihrer sieben sah ich. Volle Hörner hoben sie des herrlichen Mets Aus des guten Gottes Brunnen.

 

57 Der Wind schwieg, die Wasser stockten: Da hört ich kläglichen Klang. Aus allen Kräften eifrige Weiber Mahlten den Müll zum Mahl.

 

58 Triefende Steine sah ich die traurigen Weiber Übel handhaben; Blutige Herzen hingen von ihren Brüsten Zu langem Leide nieder.

 

59 Viel Männer sah ich matt von Wunden Auf den glühenden Gassen. Ihr Angesicht dauchte mich immerdar Rot von rauchendem Blut.

 

60 Viele sah ich der Erde befohlen Ohne das letzte Geleit; Heidnische Sterne umstanden ihr Haupt Von Todesstäben getroffen.

 

61 Manche sah ich da, die der Mißgunst sich Um anderer Glück ergeben, Blutge Runen standen auf ihrer Brust Vermerkt des meinethalb.

 

62 Manchen sah ich da, der weglos mußte In der Öde traurig irren.Der Lohn wird dem, der dieser Welt Eitelkeit sich äffen läßt.

 

63 Männer sah ich da, die manches Stück Von andrer Gut sich angeeignet; In Scharen gingen sie zu Schatzliebs Burg Und schleppten Bürden von Blei.

 

64 Männer sah ich da, die manchen hatten Entleibt dem Gut zuliebe; Die Brust durchbohrten den Bösewichtern Grimme Giftdrachen.

 

65 Männer sah ich da, die es missen wollten, Die heiligen Tage zu halten; Ihre Hände waren an heiße Steine Notfest genagelt.

 

66 Männer sah ich da, die mehr als billig Der Hochmut höhnte. Ihr Gewand war wunderbar Übergossen mit Blut.

 

67 Männer sah ich da, die manch Wort hatten Auf andre Leute gelogen: Ihren Häuptern hackten die Höllenraben Eifrig die Augen aus.

 

68 Alle Schrecken mag einer nicht wissen, Die die Höllenkinder quälen. Süße Sünden werden schwer gebüßt; Hochmut kommt vor dem Fall.

 

69 Männer sah ich da, die manchen Schatz Gott zuliebe gegeben: Himmlische Kerzen über ihren Häuptern Brannten lichterloh.

 

70 Männer sah ich da, die großmütig Den Armen geholfen hatten: Heilige Bücher lasen die Himmlischen Über ihren Häuptern.

 

71 Männer sah ich da, die sich gemartert Hatten viel mit Fasten. Ihnen neigten die Engel Gottes: Das ist süße Seligkeit.

 

72 Männer sah ich da, die ihrer Mutter Das Mahl zum Mund geführt. In Himmelsstrahlen standen ihnen Die Betten gebreitet.

 

73 Himmlische Mädchen wuschen ihnen Die Seele rein von Sünden, Die freiwillig mit keuschem Fasten Sich manchen Tag gemartert.

 

74 Himmlische Wagen sah ich zum Himmel fahren Empor die göttlichen Gassen. Männer lenkten sie, die unter Mörderhand Ledig sanken aller Schuld.

 

75 Allmächtiger Vater, gleichmächtiger Sohn, Heiliger Geist des Himmels, Dich bitt ich, nimm die du erschaffen hast Uns aus dem Elend alle.

 

76 Beugwör und Listwör sitzen vor des Hirten Tor Auf dem Orgelstuhl, Flüssiges Eisen entfließt ihren Nasen; So weckten sie Haß und Wut.

 

77 Frigg, Odins Frau, fährt auf der Erde Schiff Zu der Wollust Wonne, Ihre Segel senkt sie spät, Die an harten Tauen hangen.

 

78 Erbe, dein Vater allein verhalf dir Mit Solkatlis Söhnen Zu des Hirschen Horn, das aus dem Hügel nahm Der weise Wigdwalin.

 

79 Das sind die Runen, die da ritzten Niörds Töchter neun, Radwör die älteste und Kreppwör die jüngste, Mit ihrer Schwestern sieben.

 

80 Welche Gewalttaten wirkten nicht Swafund Swaflogi! Blut weckten sie, Wunden sogen sie Tödliche, bitterböse.

 

81 Dieses Lied, das ich dich lehrte, Sollst du vor dem Volke singen: Das Sonnenlied wird selten wohl Den Leuten zu lügen scheinen.

 

82 Hier laß uns scheiden; am schönen Tag Finden wir uns wieder. Gebe Gott den Begrabnen Ruhe Und verleihe den Lebenden Frieden.

 

83 Tröstliche Lehre ward dir im Traum gesungen Und Wahrheit ward dir enthüllt. Von allen Lebenden war niemand so gelehrt, Daß er das Sonnenlied singen hörte.

 

Auszug aus: wikisource.org/wiki/Die_Edda_Simrock(1876)