Die germanische Götterwelt

 

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus (* um 55, † nach 116 n. Chr.) berichtete in seinem Buch »Germania« schier Unglaubliches über die Kulte der alten Germanen: »… auf einer Insel des Ozeans (ist) ein heiliger Hain und in diesem ein geweihter Wagen, der mit einem Tuch überdeckt ist; nur ein Priester darf ihn berühren. Dieser erkennt, wann die Gottheit im Heiligtum anwesend ist, und geleitet sie, die auf einem von Rindern gezogenen Wagen einher fährt, in tiefer Ehrfurcht. «

 

Das rituelle Gefährt der Art, wie es Tacitus beschrieben hat, existierte wirklich. In einem Moor bei Ringkǿbing (im Westen von Mitteljütland) wurden zwischen 1881 und 1883 Reste zweier germanischer Prunkwagen aus der Eisenzeit gefunden. Es handelt sich dabei um Opfergaben aus der Zeit um Christi Geburt. Rekonstruktionen dieser so genannten »Dejbjerg-Wagen« befinden sich heute im Kopenhagener Nationalmuseum und im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover.17 Aber trifft wirklich zu, was Tacitus weiter berichtete? Er führte aus:

 

»Dann sind frohe Tage, festlich alle Stätten, die die Gottheit ihres Besuches und ihrer Gastfreundschaft würdigt. Die Menschen fangen keinen Krieg an, greifen nicht zu den Waffen. Dann werden der Wagen und die Decken und – man möge es nicht glauben – die Göttin selbst in einem abgelegenen See gebadet. Dabei sind Sklaven behilflich, die danach derselbe See verschlingt. «

 

Leben und Kult der frühen Germanen außerhalb des römischen Kulturkreises bleiben bis heute geheimnisvoll. Aber die Forscher haben in den letzten hundert Jahren doch manches Licht in das Dunkel bringen können. Über das Alltagsleben unserer Vorfahren wissen wir darum heute schon eine ganze Menge.

 

Der »Tollund-Mann« und seine Götter

 

Auf den unheimlichen Totenkult und Opferritus der Germanen, auf ihren Todesmut sowie ihre Todesbereitschaft im Kampf lassen sich die antiken Schriftsteller, die über Land und Leben der Germanen berichtet haben, gern vollmundig ein. Hier dürfte auch die Lust zum Fabulieren gehörig Pate gestanden haben. Trotzdem sind die schriftlichen Zeugnisse der Alten nach heutiger Kenntnis der Archäologen und Historiker im Kern richtig. Besonders die vielen Moorleichenfunde lassen auf den blutigen Kult der Menschenopferung schließen. Die meisten der bis heute insgesamt über 1500 aufgefundenen Moorleichen waren Hingerichtete beziehungsweise Opfer eines mörderischen Ritus. Der berühmteste Fund dieser Art ist der so genannte »Tollund-Mann«, auf den man im Jahre 1950 beim Torfstechen im Hochmoor 10 Kilometer westlich von Silkeborg (Mitteljütland) stieß. Seine individuellen Gesichtszüge sind von einer geradezu bestürzenden Gegenwart. Der Mann, glatt rasiert und mit kurz geschnittenem Haupthaar, trug eine Pelzkappe. Um den Hals war ihm eine geflochtene Lederschlinge gelegt worden – er wurde erhängt oder erdrosselt. Vermutlich sollte er einem oder mehreren Göttern geopfert werden. Tacitus berichtete von Menschenopfern, die der Erdgöttin Nerthus geweiht wurden, offenbar im späten Winter eines jeden Jahres. Die letzten Wegbegleiter des Tollund-Mannes dürften ihm wohl gesonnen gewesen sein: Sie trugen ihn von der Opferstätte ins Moor und haben ihn dann in Schlafstellung gebracht. Gerichtsmediziner meinen, dass seine Hinterbliebenen ihm Augen und Mund geschlossen hätten. Der Mann starb bereits um das Jahr 350 v. Chr.

 

Unterlassen wir den ohnehin vergeblichen Versuch, die Vorgeschichte dieses beklagenswerten Schicksals zu ergründen und fragen stattdessen nach den Göttern, die solche Blutopfer verlangten. Die Germanen entwarfen sich diese nach den rauen und harten Lebensbedingungen, denen sie selbst unterworfen waren. Als Bauernvolk blieb ihnen die Stadt fremd. Darin unterschieden sie sich von den Kelten. Ihre Behausungen lagen in offener Flur, meist umgeben von dichten Wäldern, in denen sie ihr Jagdglück suchten. Die strengen Winter des Nordens und die vergleichsweise bescheidene agrarische Produktivität im Sommer, das ständige Gebot, neues Siedlungsland zu erobern beziehungsweise zu erschließen – all dies prägte zutiefst den Sinn der Germanen. Sie waren auf eine kämpferische Überwindung menschenfeindlicher Gewalten eingestellt. In ihrer Vorstellungswelt wimmelte es nur so von Drachen, Riesen und anderen Ungeheuern, in denen sich die widrigen Naturkräfte spiegelten, aber es wimmelte auch von Geistern, Elfen und Zwergen, die ihnen geneigt sein konnten, wenn man ihnen Opfer darbrachte.

 

Ohne Priesterkaste und Tempel

 

Den Germanen war vor allem das Gewaltige, das sie in der Natur vorfanden, heilig. Ihre Opferstätten lagen deshalb im Freien. Tempel sind ihnen, wie schon Tacitus zu berichten weiß, ebenso fremd gewesen wie eine eigens dem Kult geweihte Priesterkaste. Wodan (bei den Nordgermanen: Odin) war ihr oberster Gott, der vor allem die germanische Charaktereigenschaft der Ekstase, des Mutes, des Kampfes- und Siegeswillens verkörperte. Seine Heimstätte ist Walhall, wo er zum Endkampf der Götter gegen die Riesen rüstet (»Götterdämmerung«). Wodan entfacht dazu Kriege unter den Menschen, um die im Kampfe tapfer Gefallenen um sich scharen zu können. Dabei sind ihm seine Schlachtjungfrauen (»Walküren«) behilflich.

 

Auszug aus: Römer und Germanen, Die germanische Götterwelt, S. 15

In der Welt der Mythen liegt nördlich der Alpen das weite Reich jener Gottheiten und Fabelwesen, die man gemeinhin den Kelten und Germanen zuschreibt. Von Rhein und Donau bis auf die ferne Atlantikinsel Island erstrecken sich die Gefilde, von der Bretagne und Irland bis nach Norwegen. Ihre Geschichten erzählen von geheimnisvollen Anderswelten, unterirdischen Zwergenreichen, betörenden Feen und bedrohlichen Riesen, von ungeheuren Drachen und Monstern, aber auch von weisen, tapferen sowie zwielichtigen Gottheiten, die den Sterblichen nicht immer wohlgesonnen sind.

 

Das barbarisch Andere dieser beiden zeichnete auch ihre religiösen Anschauungen und Göttervorstellungen aus. Gallische Kopfjagd und germanische Opferorgien versinnbildlichten gleichzeitig die Fremdartigkeit gegenüber den Griechen und Römern.



Auszug aus: Von Göttern und Helden: der Mythos des Nordens, Arnulf Krause; S. 9 ff, 153 ff.

 

Nerthus Umfahrt
Nerthus Umfahrt

 

Altsächsische Götter

 

 

Das altsächsische Götter-Pantheon kann, um es dem Laien kurz zu erläutern, als Zwischenform zwischen dem nordgermanischen und südgermanischen Pantheon angesehen werden. Doch nicht nur aufgrund einiger allein im altsächsischen Pantheon vorzufindenden Götter und Besonderheiten ist dieser Götterhimmel als eigenständiger ebenso legitim wie beispielsweise der nordische, nur eben weniger bekannt. Es existieren relativ wenige Quellen zu den altsächsischen Göttern. Am meisten kann man erfahren aus Missionars-Biographien - z.B. die Lebensbeschreibung des Bonifatius - und regionalem Brauchtum und Märchen. Ansonsten geben nur wenige Einzelquellen Aufschluss über diese Götter, u.a. die Merseburger Zaubersprüche, das altsächsische Tauf-Gelöbnis oder angelsächsische Königs-Genealogien... vieles muss auch rekonstruiert werden, und vieles ist sehr wahrscheinlich - aber nicht belegt. Das ist jedoch bei fast allen germanischen Pantheon so.

 

Die Altsachsen kannten zwei Geschlechter der Götter. Die einen nannten sie Wanen, die anderen Esen (singular: As); jene wohnten im Asgarden, der sich nördlich/über dem Middhilgarden- der Welt der Menschen - befand. Daneben gab es noch allerhand andere Natur-Geister- und Wesen wie die Etonen, die Elfen (singular: Alf), die Gidwerge oder die Idisen.

 

Woden/Hathagat (an. Odin, Wodan)

Göttervater bzw. Allvater. Gott des Windes, des Herbsts und der Ernte, der Spiritualität, des Wanderns, der Dichtung und des Runenzaubers, zudem ist er ein Toten- und Kriegsgott. Sein Wesen trägt schamanische Züge. Während der Herbststürme leitet dieser einäugige Gott die wilde Jagd auf seinem Ross Sleipnir an. Seine Begleiter sind die Wölfe Geri und Freki so wie die Rabenvögel Hugin und Munin. Die Hälfte der in einer Schlacht gefallenen Krieger kommt in seine Halle Walhall. Bis in das 16. Jahrhundert hinein wurde Woden als Sagengestalt von den Altsachsen verehrt. Heute noch existieren viele Bräuche um ihn, vor allem im Herbst. Im Krieg gegen die Thüringer führte Woden - in menschlicher Gestalt als der Held Hathagat - die Sachsen zum Sieg und gilt somit auch als ein Held und Gründer des Sachsen-Stammes. Zur Winternacht* am Anfang des Novembers war es Brauch; dass die Leute in langen Fackelzügen durch das Dorf zogen. Damit stellten sie Wodens Toten-Heer dar, das ihm nachfolgt. Gerade an diesem Fest standen die Tore zur Geisterwelt weit offen.

 

Thunaer (an. Thor, Donar)

Gott des Donners und des Gewitters, der Fruchtbarkeit und der Bauern, sowie Beschützer der Menschen-Welt. Bei Gewitter-Stürmen reitet er auf seinem Wagen, der von den Böcken Tanngnjostr und Tanngrisnir gezogen wird, durch die Wolken. Mit seinem mächtigen Streithammer Mjölnir bringt er Donner und Blitz und bekämpft Unholde wie Riesen oder See-Ungeheuer. Ihn ist die Eiche geweiht.

 

Saxnot (an. Tyr, sg. Ziu)

Gott des Rechts, der Thing-Versammlung und des Schwertes, zudem ist er ein Kriegs-Gott. Er ist auch der tugendhafteste Gott. Saxnot, was so viel heißt wie Freund der Sachsen, wurde speziell von den Altsachsen als Stammesgott, also als Beschützer und Anführer ihres Stammes, verehrt.

 

Baldag (an. Baldur, Balder)

Gott des Lichtes und des neuen Jahres. Baldags Lebenslauf entspricht dem der Sonne. Zur Wintersonnenwende wird er von Fri geboren. Bis zur Sommersonnenwende gewinnt er immer mehr an Kraft. Doch wenn seine Macht am größten ist (-> längster Tag im Jahr) stirbt er. Im Laufe des Sommers und des Herbstes nimmt seine lichte Kraft immer mehr ab. Zur Wintersonnenwende entschwindet sie völlig aus der Welt; wird jedoch am selben Abend durch Baldags Geburt wiedergebracht.

 

Fri (an. Frigg, Frija)

Göttin der Ehe, der Hausfrau und der Mutterschaft. Außerdem ist sie die Göttin des Winters und bringt den Schnee. Sie ist Wodens Gemahlin. Fri wird auch die Muttergöttin genannt, da sie viele Götter (z.B. Baldag) oder die Walküren gebar.

 

Fol/Fricco (an. Freyr, auch Yngvi)

Gott der pflanzlichen Fruchtbarkeit, der Ernte an sich und des Wachstums. Fol ist vom Geschlecht der Wanen, seine Schwester ist Folla. Fol reitet den strahlenden Eber Gullinborsti, wenn er über das Land reitet und Regen, Sonne und die Reife der Ernte bringt.

 

Folla (an. Freya, sg. Frouwa)

Göttin der Liebe, der Leidenschaft und der Sexualität sowie des Zauber-Gesangs. Sie ist aber auch eine Todesgöttin. Folla reist entweder in ihrem Falken-Kleid durch das Land oder auf ihrem Wagen, der von Waldkatzen gezogen wird. Sie ist die Anführerin der Walküren und holt die Hälfte der gefallenen Krieger zu sich in ihren Palast Folkwang, während Woden die restlichen Krieger für seinen Palast Walhall erhält.

 

Iring (an. Heimdall)

Gott der Wächter und des Lichts, nebenbei Schutzherr der Böcke. Iring haust auf dem Gipfel des Himmelsberges; am Rande des Asgardens und bewacht diesen und die Regenbogen-Brücke Bifröst, die ihn mit dem Middhilgarden verbindet. Bei Gefahr bläst Iring sein Rufhorn Gjallarhorn, das man in der ganzen Welt hört. Er ist der Stammvater der sozialen Stände: Edelinge (Adel), Frilinge (Bauern) und Lazen (Knechte).Die Milchstraße heißt bei den Sachsen "Iringsweg".

 

Sunna (an. Sol)

Göttin der Sonne. Sunna führt den Sonnenwagen über den Himmel. Gejagt wird sie vom Wolf Skalli, damit sie stets weiter fährt. Am Ragnarök wird der Wolf Sunna einholen und verschlingen, doch zuvor wird Sunna eine Tochter gebären, die ihr Erbe fortführt.

 

Sinhtgunt (an. Mani)

Göttin des Mondes (einzige Mondgöttin des germanischen Kulturkreises!). Sinhtgunt führt den Mondwagen über den Himmel. Begleitet wird sie vom Knecht Hiuki (-> Mann im Mond) und der Magd Bil, der Mutter des Belewits. Gejagt wird sie vom Wolf Hati, damit sie stets weiter fährt. Zu Ragnarök wird der Wolf Sinhtgunt einholen und verschlingen.

 

Eostre (Ostara, ae. Eostrae)

Göttin des Frühlings. Eostre bringt im Frühjahr die ersten Pflanzen und holt die Vögel aus dem Süden zurück. Sie ist eine Personifikation des Frühlings und wurde um die Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche verehrt (-> Eostre-Fest -> Ostern).

 

Biel

Gott des Waldes. Biel wurde in Höhlen oder in Bergwäldern verehrt. Ihm wurden hauptsächlich Beile und Jagd-Ausrüstungen geopfert.

 

Krodo

Gott der Aussaat, der Heilung und des Jahreskreises. Krodo’s Hauptheiligtum stand auf dem Burgberg am Nordrand des Harzes. Dort wurde es jedoch von den Truppen Karls des Großen nieder gerissen, die Krodo mit dem römischen Saturnus verglichen.

 

Reto (ae. Hrede)

Gott des Frühlings. Reto ist ein Gott des Frühjahres und wurde hauptsächlich im frühen März, vor dem Eostre-fest, verehrt. Seine Funktion entspricht dennoch ungefähr der der Eostre. Sein Hauptheiligtum stand auf dem Reteberg im heutigen Südniedersachsen.

 

Stuffo

Gott des Frühlings. Stuffos Funktion entspricht ungefähr der der Eostre. Er wurde hauptsächlich im späten Frühjahr verehrt. Der Gott wird heute noch in diversen Gegenden des Harzes verehrt als Frühlingsbote. Sein Hauptheiligtum stand angeblich auf einem sog. Stufenberg im Harz.

 

Folda (an. Jörd, ae. Folde)

Göttin der Erde -> Mutter Erde. Neben Fri hatte auch sie eine bedeutsame Funktion als Muttergottheit. Gerne wurde sie in Flursegen angerufen.

 

Hengist (langb. Ebbi, wand. Raptos)

Schutzgottheit. Hengist ist einer der altsächsischen Elken (Schutzgott-Zwillingsbrüder), der andere ist Horsa. Die Elken können die Gestalten von Pferden (hier: Sachsenross), Hirschen oder Vögeln annehmen; zeigen sie sich einem steht man unter ihrem Schutz. Große Bedeutung kam ihnen auch als Patrone der Seefahrt zu. Hengist führte - in menschlicher Gestalt - mit seinem Bruder die ersten sächsischen Krieger und Siedler in Britannien an.

 

Horsa (langb. Aggi, wand. Raos)

Schutzgottheit. Horsa ist einer der altsächsischen Elken (Schutzgott-Zwillingsbrüder), der andere ist Hengist. Die Elken können die Gestalten von Pferden (hier: Sachsenross), Hirschen oder Vögeln annehmen; zeigen sie sich einem steht man unter ihrem Schutz. Große Bedeutung kam ihnen auch als Patrone der Seefahrt zu. Horsa führte - in menschlicher Gestalt - mit seinem Bruder die ersten sächsischen Krieger und Siedler in Britannien an.

 

Wuldor (an. Ullr, got. Wulthus)

Gott des Waldes. Im Gegensatz zu Biel, der wohl eher die forstwirtschaftliche Seite des Waldes darstellt, wird er eher die wilde Seite darstellen. Wuldor ist auch Gott der Jagd und des Winters.

 

Aschanes (an. Ask)

Stammvater der Sachsen und darüber hinaus wahrscheinlich der erste Mensch überhaupt. Er wurde am Ufer eines Quell-Teichs im Harz aus einem Baum geschaffen. Seine Frau entstand auf gleiche Weise und hieß Embla.

 

Diese Textpassage spiegelt sich in den Büchern des Literaturverzeichnisses wieder.