DIE GÖTTER

 

Weitaus mächtiger, wenn auch nicht so stark in die Kleinigkeiten des Alltags eingebunden wie die Alben, sind die Götter. Zahllos sind ihre Namen und Erscheinungsformen, doch nicht allzu viele sind es, denen, eine regelmäßige Verehrung dargebracht wurde. Die Germanen wussten sich von der göttlichen Leitung absolut bestimmt. Dem Schicksal, das Odin / Wotan für jemanden bestimmt hatte, konnte er niemals ausweichen. Doch selbst die Götter unterlagen noch dem Schicksalsspruch der Nornen (nach Auskunft der Edda). So war die Ehrfurcht vor den Göttern getragen vom Wissen um die große Abhängigkeit von ihnen, aber auch um die Abhängigkeit derselben von höheren Schicksalsmächten.

 

Der Dienst an den Göttern fand zum großen Teil zu Hause statt, wo Hausvater und Hausfrau je unterschiedliche Aufgabenbereiche im Opferdienst gegenüber den Asen und Alfen hatten.

 

Auch das Thing, die Stammesversammlung, war ein heiliger Akt, für dessen Entscheidungen nicht selten die Götter befragt wurden. Größere Feste fanden wohl auf dem Thingplatz statt, aber auch bei den Tempeln, die - meist aus Holz gefertigt - Bilder oder Statuen der jeweiligen Götter enthielten und von Goden verwaltet wurden, die gleichzeitig meist auch die Priester waren. Eine eigene Priesterkaste - wie ihre Nachbarn, die Kelten, sie in den Druiden hatten - hatten die Germanen jedoch nicht.

Am ursprünglichsten ist wohl die Verehrung des Himmelsvaters und der Erdmutter, die sich bis-zurück zu den ältesten Vorfahren, den Indogermanen, verfolgen lässt. Der Name des Himmelsvaters ist anfangs wohl 'Teiwaz' gewesen, später, als er durch jüngere Götter in seiner Macht abgelöst wurde, wandelte sein Name sich zu Tiw, Ziu oder Tyr.

 

Im Gegensatz zu der sehr veränderlichen Verehrung des Himmelsgottes blieb das Verhältnis zur Erdenmutter immer ähnlich. Ihre Namen sind unübersehbar zahlreich: Fjörgyn, Hlodyn, Frigg oder Sjofu nannte man sie u.a. bei den Nordgerroanen und Tamfana, Nerthus, Hirke, Spurke, Holda, Berchta u.a. bei den südgermanischen Stämmen. In wechselnden Rollen ist sie die Gattin oder die Mutter des Hauptgottes und immer gibt sie die Fruchtbarkeit der Erde, des Viehs, und der Menschen, den Reichtum der Ernte, das Familienglück und die Ehe. Ihr ist die Kuh heilig und in einem von Kühen gezogenen Wagen wurde die Nerthus bei vielen Stämmen verehrt (nach Auskunft der Edda); Friede und Feststimmung herrschten während der Zeit der Anwesenheit der Göttin in ihrem Heiligtum. Die besondere Zeit der Verehrung der Muttergöttin war die Jul-zeit, - in der auch ihr Sohn (laut Tacitus) Thor hauptsächlich verehrt wurde.

 

Nicht selten wurde die Göttermutter in ihrem dreifachen Aspekt verehrt (besonders im Rheinland Statuenfunde): als Mädchen, Frau und Greisin (ebenso, wie sich dies im keltischen Bereich findet). über ihren Ursprung sagt die Völuspa nichts und die einzige Auskunft, dass Jörd die Tochter der Nacht und des Riesen Onar sei (VII, 115), hellt auch das Dunkel um sie nicht auf. Sagen auch die Lieder nicht viel über sie, so ist doch die ihr dargebrachte Verehrung gewaltig gewesen, deren Spuren bis zurück zur vorgermanischen Kultur in Europa reichen und deren Größe sich nicht zuletzt auch in der Verehrung der Maria wiederspiegelt, nachdem man die heidnische Religion ausgerottet hatte.

Eine angelsächsische Anrufung (ca. 1000 n. Zt.), die um den Segen der fruchtbringenden Herrin bittet, macht die Haltung der großen Göttin gegenüber sehr gut deutlich:

 

Die Erde bitt ich und den Oberhimmel Erke, Erke, Erke, der Erde Mutter, Es gönne Dir der Allwaltende Äcker wachsend und aufsprießend, Voll schwellend und kräftig treibend Und der breiten Gerste FrüchteHeil sei Dir, Erdflur, der Irdischen Mutter Sei Du grünend in des Gottes Umarmung, Mit Futter gefüllt den Menschen zu Frommen.

 

Die Stelle des Himmelsgottes Teiwaz nehmen in späterer Zeit mehrere Götter ein: im Norden Odin, Thor und Frey und im Süden (etwa im heutigen Deutschland) Wodan, Donar und Ziu/Saxnot. Ziu oder Tyr, wie der Name des Teiwaz später lautete, war bald nicht mehr als ein Kriegsgott, der selbst in dieser Rolle weitgehend von Odin/Wodan verdrängt wurde und über den die Sage nicht mehr erzählt, als das er seinen rechten Arm bei der Fesselung des Fenrirwolfs verpfändet und verliert.

 

ODIN

 

Odin (spricht sich mit stimmhaftem 'd', wie englisch: _these) bzw. Wodan ist der Hauptgott, der wohl die meisten Gesichter von allen Göttern hat und die meisten Namen besitzt. Wodan ist der Gott der Ekstase, der Zauberei, des Krieges und der Toten, der Dichter und der Wanderer und er ist der Göttervater, der Herr Walhalls. Nach der Kunde der Skalden ist er ständig begleitet von zwei Raben - Hugin und Munin (Geist und Gedächnis) - , die ihm Nachricht aus aller Welt bringen, und von zwei Wölfen - Geri und Freki - ; er reitet den achtbeinigen Hengst Sleipnir und wirft den unbesiegbaren Speer Gungnir. Auf der Erde erscheint er der Sage nach mit einem tief über das Gesicht gezogenen Hut und in einem weiten blauen Mantel. Da er sein eines Auge an Mimir, den weisen Riesen und Bruder seiner Mutter Bestla, verpfändet hat, um die Gabe der Prophetie aus seinem heiligen Brunnen zu erlangen, ist Odin einäugig (nach der Edda). Er ist der Herr der Seher und Zauberer und die Runenkunde stammt von ihm:

 

Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum Neun lange Nächte, Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht, Mir selber ich selbst, Am Ast des Baumes, dem niemand ansehen kann, Aus welcher Wurzel er wächst. Sie boten mir nicht Brot noch Hörn; Da neigt ich mich nieder, Nahm die Runen auf, nahm sie schreiend auf, Fiel nieder zur Erde.(aus dem Havamal, Edda)

 

Von Mimir lernte er darauf die neun Sprüche und trank einen Schluck Met aus seinem Brunnen.

In diesen Versen zeigt sich auch die Sitte, die dem Odin Geweihten mit dem Speer zu töten oder zu hängen, denn er ist auch der Gott der Gehenkten.

Durch diese Einweihungszeremonie gewinnt also Odin die Runenkunde, die das Hauptmittel der germanischen Magie war. Doch es zeigt sich auch in Odin die Doppelgesichtigkeit des Zauberers darin, dass er z.B. auch als 'Unheilstifter' bezeichnet wurde und dass er unberechenbar seinen Günstlingen plötzlich ihr Glück raubt und sie mitten in der siegreichen Schlacht in den Tod befördert.

Als Gott des Zaubers und der Ekstase ist Odin in der Lage, sich in mannigfache tierische Formen zu verwandeln und auch seinen Körper zu verlassen, der dann wie tot daliegt, um blitzschnell in andere Länder zu gelangen,

Ein Nachhall des ekstatischen Elements ist wohl auch die 'wilde Jagd', die in Deutschland durch viele Wälder braust und den, der sie sieht, in Tod oder Wahnsinn treibt. Meist ist es Wodan, der sie führt, und ein Heer von Toten und Entrückten zieht mit ihm in den Wäldern, Heiden und manchmal auch Dörfern Schrecken verbreitend.

Odin war es, der nach der Kunde der Skalden Midgard schuf und den ersten Menschen ihr Leben gab, und er ist es auch, der die Schlachttoten zu sich nach Walhall nimmt. Dort sitzen sie in der goldenen Halle und sterben jeden Tag aufs Neue in der Schlacht ihren Tod, bis sie im Endkampf gegen die Riesen auf der Seite der Götter streiten werden.

Wohl bei fast allen Germanen wurde Odin / Wodan als Gott der Schlachten angerufen, ihm wurde das gegnerische Heer geweiht, indem man den Speer darüber schleuderte und ihm wurden nach der Schlacht häufig die Gefangenen geopfert.

Die Gehilfen des Schlachtgottes sind die Walküren, die die Toten von den Schlachtfeldern holen und sie auf ihrem Ross durch die Wolken galoppierend nach Walhall tragen - sie greifen aber wohl auch mal in die Schlachten ein. Rabe und Schwan sind ihre tierischen Erscheinungsformen und es gibt manche Sage, die berichtet, wie eine Walküre ihres Schwanenkleides beraubt in der Gewalt des Räubers bleiben muss, bis sie es wieder erlangt.

Als vom Herrn der Dichter erzählt die nordische Sage von Odin, wie er mit großer List den Met, der die Dichtkunst gibt, vom Riesen Suttung raubt, indem er sich als Schlange in dessen Höhle schleicht, drei Nächte mit Suttungs Tochter Gunnlöd schläft und danach in drei Schlucken die drei Metfässer leert. Als Falke bringt er den Met nach Asgard, obwohl Suttung ihn in Adlergestalt verfolgt. Seitdem ist der Dichtermet in der Hand der Götter. Als Gott der Dichter gilt der Edda aber auch Odins Sohn Bragi.

In Asgard leitet Odin, der auch die Bezeichnung 'Allvater' führt, das Götterthing und wacht über den Lauf der Welt - so lehrt die Edda. Frigg ist seine Frau und mit Fjörgyn, der Erdgöttin, hat er den Sohn Thor, von dem nun die Rede sein soll. 

 

THOR

 

Thor, Sohn der Erde, ist der Gewittergott, südgermanisch Donar, der Donnerer, der den Hammer Mjölnir (Zermalmer) führt. Uralt sind die Abbildungen' eines gehörnten Gottes, mit Hammer und riesigem Phallus, die sich auf Steinen, Felsen und an Höhlenwänden finden.

Rotbärtig und derb ist der Thor des Nordens, er fährt einen Bockswagen und bringt der Erde Fruchtbarkeit und vor allem Schutz vor den Riesen. Auch dem südgermanischen Donar ist der Bock heilig und sein Fest ist im Frühjahr(Ostern war ursprünglich Fest der Ostara) und insofern ist sein phallischer Charakter mehr als deutlich.

Thor ist der am meisten besungene Gott und fast immer geht es in den Liedern um seinen Kampf gegen die Riesen, in dem er dank seines Hammers Mjölnir bis zum Endkampf stets Sieger bleibt.

Ein häufiges Motiv ist der Hammer auf Abbildungen und auch als Amulett wurde er benutzt. Es wird erzählt (Thrymskvida, Edda), das einmal der Riese Thrym Thors Hammer stahl und in der Erde verbarg. Loki leiht sich daraufhin Freyjas Falkenhemd und fliegt gen Riesenheim, wo er bald von Thrym erfährt, dass dieser den Hammer hat, ihn aber nur im Austausch gegen Freyja wieder hergeben will. Als Loki dies Freyja berichtet, wird sie sehr wütend und lehnt diese Forderung strikt ab. Bei der folgenden Beratung der Götter überredet Loki dann auf Heimdalls Anraten hin das Thor, in Frauenkleidung als Freyja nach Riesenheim zu fahren und den Hammer selbst zu holen. Nach einigem Zögern willigt Thor auch ein und lässt sich in herrliche Brautgewänder mit glitzerndem Geschmeide kleiden, womit er dann unter Lokis Begleitung auf dem Bockswagen nach Riesenheim zu Thrym fährt, der darüber höchst erfreut ist. Als die Braut dann bei dem folgenden Fest einen Ochsen und acht Lachse isst und drei Kufen Met trinkt, wird Thrym misstrauisch. Loki beruhigt ihn jedoch mit dem Hinweis, daß die Braut aus lauter Sehnsucht seit acht Nächten nichts mehr gegessen habe. Als Thrym wenig später den Brautschleier zu einem Kuss hebt, fährt er vor Schreck quer durch den Saal zurück, als ihm Thors flammender Blick begegnet. Loki erklärt dies wiederum durch die brennende Sehnsucht, die Freyja acht Nächte wach gehalten habe, womit Thrym sich zufrieden gibt und endlich den Hammer holen lässt, um den Brauttausch zu vollenden. Als Thor jedoch den ersehnten Hammer in den Schoß gelegt bekommt, erschlägt er zuerst Thrym und dann das ganze Riesengeschlecht. So erhält Thor seinen Hammer zurück.

Im Norden war Thor wohl der meistverehrte Gott; besonders galt ihm die persönliche Hingabe des Einzelnen, wie aus zahlreichen Personennamen zu ersehen ist, die die Träger besonders mit Thor verbanden. Und so war auch Thor der Gott, mit dem die christlichen Missionare am meisten zu kämpfen hatten.

Thor und Odin, die großen Asen, waren eher harte Götter und ihr Dienst wurde von Priestern versehen, den Goden (in Skandinavien), die meist gleichzeitig Besitzer des Tempels waren.

 

DIE WANEN

 

Der Kult der Wanen jedoch wurde von Priesterinnen versehen und die Wanen Njörd, Frey und Freyja waren ausschließlich heitere Götter, die allerdings nur in Skandinavien verehrt wurden.

Als Geiseln weilen die Wanen bei den Asen, nachdem nach dem großen Krieg der Göttergeschlechter ein Ausgleich durch Geiseltausch gefunden worden ist. Hönir und Mimir schickt man dafür zu den Wanen. Aber aus Ärger über Hönirs Dummheit töten die Wanen Mimir und schicken die beiden zu den Asen zurück, wo Odin Mimirs Kopf einbalsamiert und ihm wieder Leben gibt, so dass er ständig mit dem toten Haupt reden kann.

Njörd entspricht vom Namen her der norddeutschen Nerthus, ist Gott der Schiffahrt und des Seewetters und lebt am Meer. Seine Kinder sind Frey und Freyja.

Frey war in Skandinavien neben Thor und Odin der dritte große Gott. Er ist ausgesprochen heiterer Natur, bringt Frieden und Fruchtbarkeit und wurde mit großem Phallus dargestellt. Der Eber ist ihm heilig und die Zeiten seiner Verehrung waren in der Hauptsache die Julzeit und die Frühlings-Äquinox.

Das einzige Lied über ihn berichtet, wie er seinen Diener Skirnir als Brautwerber zur Riesin Gerdr schickt, die nach fürchterlichen Drohungen Skirnirs auch einwilligt, Frey nach Ablauf von neun Tagen zu heiraten.

Frey ist auch Herr der Alfen und wohnt in Alfenheim. Ein Beiname von ihm ist auch Ing oder Yngwi, ein Name, der auch bei südgermanischen Völkern bekannt war.

Freys Schwester Freyja ist die Schönste unter den Göttinnen und Schutzherrin der Liebenden. In den Liedern der Edda besitzt sie ein Falkengewand und ihr Wagen wird von Katzen gezogen; sie hat auch den Beinamen 'Sau' und erscheint zuweilen auf einem Eber sitzend, wie ihr göttlicher Bruder. Nach einem Lied soll Freyja auch eine Hälfte der Toten in ihrem Wohnsitz Folkwang aufnehmen.

Die Namen Frey und Freyja bedeuten: Herr und Herrin, und ein Beiname der Freyja ist Vanadis, d.i.: weise Wanenfrau.

Dieses ist also das heitere, frucht- und lustbringende Geschlecht der Wanen, dessen Herkunft selbst den Liedern ungewiss ist. Die ihnen gewidmeten Feste dienten der Fruchtbarkeit und waren bekanntermaßen sehr ausgelassen und von überschwänglicher Wollüstigkeit.

Einen weitverbreiteten Kult hatte noch der Bogen-und Jagdgott Ull, der auf Schneeschuhen läuft. Jedoch ist von ihm nichts weiter bekannt, als dass Attila einst einen Eid auf seinen Ring schwor.

Die Götter, die von den Germanen kultisch verehrt wurden, waren also die Muttergöttin und der Himmelsgott, der später durch Odin/Wodan und Thor/Donar abgelöst wurde, und im Norden die Wanen, die sehr stark den Wirkungsbereich der großen Göttin übernahmen.

 

HEIMDALL, LOKI, BALDER UND RAGNARÖK

 

Die Götter, von denen nun kurz erzählt wird, finden sich fast nur in den Liedern der Skalden und die Verbreitung ihrer Kenntnis beim Volk ist ungewiss, wenn auch wahrscheinlich.

An der Brücke Bifröst, die Asgard und Jötunheim miteinander verbindet, wacht Heimdall, der glänzendste der Asen, der fast nie schläft und jede Gefahr für den Göttersitz schon von Ferne sieht. Sein Horn, mit dem er die letzte Schlacht ankündigen wird, liegt am Weltenbaum verborgen. Ihm ist der Widder heilig (von dessen Kult sich überall im germanischen Bereich Spuren finden). Auch gilt Heimdall als der Stammvater der Menschheit.

Schalkhafter Freund und gleichzeitig bitterster Feind der Götter ist Loki, die Mutter nicht nur von Odins Hengst Sleipnir, sondern auch der Vater der schrecklichsten Dämonen, des Fenrirwolfes, der Midgardschlange und der finsteren Totengöttin Hel. Zahlreich sind die Geschichten um ihn, der der ständige Begleiter, aber auch der größte Gegenspieler des Thors ist. Eine Tat von ihm soll hier erzählt werden, da sie es ist, die das Ende der Welt einleitet:

Balder, der Reine, Odins und Friggs Sohn, der lichteste der Asen, hatte böse Träume. Auf Odins Befragen gibt eine Seherin ihm die Auskunft, dass sein Tod bevorstünde, woraufhin Frigg allen Dingen in der Welt den Eid abnimmt, Balder nicht zu verletzen. So stehen später die Götter da, und werfen und schießen mit allem nach Balder, was sie finden können und er steht in der Mitte und lacht, wenn die Geschosse von ihm abprallen. Das ärgert jedoch Loki und er verkleidet sich als alte Frau und geht zu Frigg, die er nach dem Wohlergehen ihres Sohnes fragt. Sie erklärt ihm die Situation, worauf Loki fragt, ob es denn gar nichts mehr gebe, was Balder verletzen könne. Frigg gibt zu, einen kleinen Mistelzweig nicht um den Eid gebeten zu haben, aber der sei ohnehin zu zart. Diesen Zweig holt sich also Loki und stellt sich wieder zu den spielenden Göttern. Dort bemerkt er Hödur, der untätig abseits steht, da er blind ist, und bedauert, Balder nicht seine Ehre erweisen zu können, indem er auf ihn schießt. Loki verspricht ihm zu helfen, nimmt seinen Bogen, legt den Mistelzweig auf und zielt für Hödur auf Balders Brust. Hödur schießt den Pfeil ab und während Loki schnell verschwindet, sinkt Balder tödlich getroffen nieder. Sofort reitet Hermod, Balders Bruder, zur Hel, um ihn zurückzubitten, was Hel unter der Bedingung zusagt, dass alle Wesen um ihn weinen. Frigg befragt nun alle Wesen, die auch gern bereit sind, dem hellen Balder diesen Dienst zu erweisen, nur Loki verwandelt sich in eine alte Riesin und bedenkt Frigg mit Spott, als sie zu ihm kommt. Balder muss bei Hel bleiben und die Lebenskraft der Götter schwindet. Noch in der Nacht seiner Geburt rächt Odins Sohn Vali Balders Tod an Hödur. Doch es soll noch eine längere Verfolgung kosten, bis die Götter Loki gefangen haben. Sie schmieden ihn an drei unterirdische Felsen und befestigen eine Giftschlange über seinem Kopf, deren ätzendes Gift ihm ständig ins Gesicht tropfen soll. Doch Lokis Frau Sigyn fängt ständig das Gift mit einer Schale ab; nur wenn sie die Schale leert, tropft das Gift in Lokis Antlitz und vor Schmerzen bäumt er sich so auf, dass die Erde bebt. Bis zum Ende der Zeiten bleibt er dort angeschmiedet.

Diese Tat Lokis läutet den Weltuntergang ein. Über die Herrschaft der Götter bricht unversehens das Chaos herein.

 

Grässlich heult Garm vor Gnippahellir, Es reißt die Fessel, es rennt der Wolf, Vieles weiß ich. Fernes schau ich: Der Rater Schicksal, der Schlachtgötter Sturz.

 

So beginnt die Ragnarök, die Götterdämmerung im Lied der Seherin, die die Völva in gewaltigen und furchtbaren Bildern besingt, deren Kraft und Eindringlichkeit kaum wiederzugeben ist.

Das Schicksal der Äsen hat sich vollendet, in Riesenheim kräht der rote Hahn, der goldene in Asgard und der schwarzrote in den Sälen Hels, Heimdall bläst das Gjallarhorn, gellend heult der Höllenhund Garm, der Fenrirwolf reißt sich los von seiner unsichtbaren Fessel und auch Loki befreit sich.

 

Auf dem Wigridfelde sammeln sich die Asen zum letzten Kampf. Von Süden kommt Surt mit seinen flammenden Scharen, von Osten segelt das Totenschiff heran, die Midgardschlange peitscht das Meer auf und der Wolf verwüstet die Erde. Frey wird von Surt erschlagen und der Fenrirwolf verschlingt Odin. Thor und die Schlange töten sich gegenseitig, sowie Heimdall sich mit Loki und Tyr sich mit Garm. Vidar erschlägt den Fenrirwolf. Selbst Yggdrasil erzittert, als Surt die Erde mit Feuer überzieht. Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer Vom Himmel schwinden die heitern Sterne. Glutwirbel umwühlenden allnährenden Weltbaum Die heiße Lohebeleckt den Himmel.(aus der Völuspa)

 

Doch nach dem Ende wird sich eine neue strahlende Erde aus dem Meer erheben und eine neue Sonne wird aufgehen - so schaut es die Seherin - , das Böse wird sich bessern, Balder und Hödur kehren zurück und die Asen werden über eine Welt herrschen, auf der die Äcker von allein Früchte tragen.

Einen Saal seh ich heller als die Sonne Mit Gold bedeckt auf Gimles Höhn: Da werden bewährte Leute wohnen und ohne Ende der Ehren genießen.

 

Doch verschwunden ist das Dunkle auch dann nicht. Die Midgardschlange bleibt und auch der Drache Nidhögg, und sie werden den Schatten bilden.

 

Auszug aus: www.boudicca.de/wichmann5.htm