Holzfiguren aus Wittemoor, Berne
Holzfiguren aus Wittemoor, Berne

Moorpfähle, Pfahlgötzen oder Anthropomorphe Pfahlgötter sind mehr oder minder grob geschnitzte Holzfiguren, die vermutlich germanische Gottheiten, keltische Gottheiten und slawische Gottheiten verkörperten. Darüber hinaus ist der Begriff ein Sammelbegriff, unter dem ebenfalls schlicht ausgeformte nicht menschengestaltige Kultpfähle geführt werden. Fundorte der Pfahlidole sind neben den Mooren, beziehungsweise Opfermooren, andere Opferplätze in prähistorischen, römerzeitlichen und völkerwanderungszeitlichen germanischen, keltischen und slawischen Siedlungsbereichen.

 

Für die germanischen Kulturen ist der Brauch seit der Bronzezeit nachweisbar, als zeitlich frühestes ansetzbares Objekt gilt das sogenannte Götterpaar von Braak. Die heutigen Fundorte dieser Formen von Kultpfählen hängen mit der konservierend wirkenden Umgebung einzelner Moor- und Seeorte zusammen. Eine Deutung auf eine ursprüngliche Verbreitung beziehungsweise eine Beschränkung auf die Lokalitäten der Opfermoore und Seen lassen die heutigen Fundorte nicht zu. Obwohl die Germanen bis ins 1. Jahrhundert für die Opferhandlungen feuchte Orte bevorzugten, in deren Kontext eben die Pfahlgötter funktionierten, zeigt der Fund eines Idols in Bad Doberan auf trockenem Grund vermutlich das tatsächliche Spektrum einer allgemeinen Verortung an. Auffällig ist die stark abstrahierende Gestaltung und Wirkung der Pfahlgötter im Gegensatz zu sonstigen kunsthandwerklich bearbeiteten Gegenständen aus dem zeitlichen Kontext. Tacitus behauptete, die Germanen hätten weder menschengestaltigen Götterbilder beziehungsweise Idole noch ein Bedürfnis nach diesen. In seiner Germania beschreibt er jedoch abweichend, dass beim Nerthuskult durchaus ein Idol, ein Götterbild Verwendung fand.

 

„Außerdem meinen sie, dass es der Größe der Himmel nicht würdig sei, die Götter in Wänden einzuschließen oder auch nur im Entferntesten dem menschlichen Aussehen nachzubilden. Sie weihen die Lichtungen und heiligen Haine und sie rufen mit den Namen der Götter jenes Geheimnisvolle an, das sie in großer Verzückung betrachten.“ Tacitus, germania 9, 6

 

„Auf einer Insel des Ozeans ist ein heiliger Hain und darin ein geweihter, mit einem Tuch bedeckter Wagen. Berühren darf ihn allein der Priester. Dieser erkennt es, wenn die Göttin im Heiligtum ist und geleitet ihren mit Kühen bespannten Wagen in tiefer Ehrfurcht. Fröhlich sind dann die Tage, Feste an allen Orten, die die Göttin ihres Besuches und Aufenthaltes würdigt. Kein Krieg wird geführt, keine Waffen ergriffen, eingeschlossen ist jedes Schwert aber Frieden und Ruhe kennt man nur, liebt man nur, bis derselbe Priester die Göttin, die des Verkehrs mit den Sterblichen satt geworden ist, ihrem Heiligtum zurückgibt. Hierauf werden Wagen und Tücher und, wenn man es glauben mag, die Gottheit selbst in einem einsamen See gewaschen. Den Dienst verrichten Sklaven, die auf der Stelle derselbe See verschlingt“ Tacitus, germania kap. 40

 

 

Unter dem Gesichtspunkt des römischen Verständnisses von Götterbildern mit menschlichem Antlitz aus der mediterranen Hochkultur heraus wurden solche germanischen Zeugnisse nicht wahrgenommen oder gar nicht als kategorisch identisch erachtet, wenn überhaupt solche von Römern gefunden, beziehungsweise dann darüber berichtet wurde.

 

Der germanische Begriff der Götterbezeichnung, Ase, von der gemeingermanischen Wurzel ans, ansuz abgeleitet, hat die Bedeutung für Balken oder Pfosten. Eine namentliche Zuordenbarkeit der Pfahlgötter zu den später namentlich belegten Gottheiten ist jedoch nicht möglich und als rein spekulativ abzulehnen. Dass die Götter im Plural als Gruppe, die Asen, Ansen (gotisch), angesprochen werden als Sammlung der göttlichen Macht und Fähigkeiten, zeigt vermutlich die Herkunft von den namenlosen und wohl auch unpersönlich gedachten Pfahlgöttern an. Neben den anthropomorphen, menschengestaltigen Pfählen wurden auch grobe, einfache unbearbeitete Holzpfähle errichtet und verehrt. Solche Kultpfähle wurden nach einiger archäologisch fixierter Fundsituation in Steinhaufen errichtet, wie beispielsweise das phallische Idol aus dem dänischen Moor bei Broddenbjerg. Zum Vergleich hatte ein altnordischer Begriff aus der Wikingerzeit für einen Opferplatz oder Heiligtum, hrgr, auch die Bedeutung von einem Steinhaufen.

 

Im keltischen Siedlungsbereich sind verhältnismäßig wenige Holzidole aufgefunden worden. Durch die Überschneidung mit dem germanischen Kulturkreis, besonders im Kulturverband des Nordseeraumes, sind manchmal exakte Zuweisungen nicht möglich.In einem Schacht (Opfergrube?) der Viereckschanze bei Fellbach-Schmiden wurde das Bruchstück einer anthropomorphen Figur aus Eichenholz entdeckt, die eine Person zeigen, deren Hände die Lenden zweier Böcke umfassen. Die Böcke flankieren die offenbar sitzende Menschenfigur. Bei Marcus Annaeus Lucanus ist ein Bericht zu finden, der einen Kulthain in der Nähe von Massilia (Marseille) beschreibt, in dem sich grob behauene hölzerne Idole befinden sollen, die mit dem Blut von Menschenopfern beschmiert wären. Trotz des Zweifels an diesem Bericht sind solche Idole auch archäologisch belegt, manchmal in Form von steinernen Repliken. Bei Euffigneix (Département Haute-Marne) wurde eine derartige Replik eines Xoanons (Holzstele) entdeckt, bei der der Bildhauer die Astlöcher als seitliche „Augen“ nachgebildet hat. Im Kultviereck von Libenice bei Kolin wurden zwei Ahornpfähle mit Bronzetorques gefunden, die in die römische Kaiserzeit datiert werden. Im Genfer Hafenbecken fand man eine 3 m hohe Eichenholzskulptur eines „Schutzgottes“, der einen Kapuzenmantel (cucullus) trägt. Einige primitiv bearbeiteten Holzstelen wurden an Kultorten von Quellgöttinnen entdeckt, so für die sogenannte „Sirona von Pforzheim. In Irland fand man ein hölzernes Kultbild bei Ralaghan (County Cavan), das ursprünglich in die Eisenzeit, nach neueren Forschungen aber in die späte Bronzezeit datiert wurde.

 

Formen und materielle Substanz. Typologisch lassen sich die anthropomorphen Pfahlgötter in vier Gruppen ordne.

 

Idoltyp 1: Unterschiedlich geformter Stock oder Pfähle, die als Phallus gestaltet oder mit einem solchen ausgestattet wurden beziehungsweise ansteckbar waren (Oberdorla, Possendorf).

 

Idoltyp 2: Aus einer Astgabel mit einer Axt grob als männlich oder weiblich gestaltet mit abgesetztem gerundetem oder zugespitzten Kopf und angesetzten Armen. Mit Phallus versehene Astgabelidole finden sich mehrheitlich in Norddeutschland und Skandinavien (Braak, Broddenbjerg bei Viborg, Ejsbøl, Forlev Nymølle), weibliche Formen besonders in Oberdorla. Größen von ungefähr 1 m bis fast 3 m Länge.

 

Idoltyp 3: Aus dicken Brettern herausgearbeitet, männliche Idole sind schlicht mit rechteckigem Korpus gestaltet, Kopf und Schultern durch Kerbschnitt grob zur Kenntlichmachung abgesetzt. Weibliche Idole deutlich detailreicher, betonte breite Hüften mit angedeuteter Vulva, stark wiedergegebene Schultern und Brüste. Bei beiden Geschlechtstypen sind die Köpfe gesichtslos gestaltet (Wittemoor, Oberdorla).

 

Idoltyp 4: Kantholzartig mit abgesetztem Kopf und hermenartig gestaltet (Oberdorla).

 

Vermutlich aus dem Grund der Dauerhaftigkeit im meist feuchten Umfeld der Standorte wurde als verwendete Holzart das der Eiche als Kernholzbaum bevorzugt genutzt.

 

Zur religionsgeschichtlichen und phänomenologischen Deutung sind zwei grundsätzliche wissenschaftliche Annahmen relevant, abseits einer rein sakralen Deutung wird das Spektrum in den profanen Bereich erweitert. Beachtenswert ist, dass bisherige Deutungen in einem tradierten forschungsgeschichtlichen Kontext stehen beziehungsweise standen. Grundsätzlich ist es möglich anzunehmen, dass die Pfahlgötter als eine Vorstufe der später namentlich genannten und vergeistigten Götter zu sehen sind. Dem steht jedoch gegenüber, dass solche Idole zum Teil bis in die Zeit der Völkerwanderung und der spätheidnischen Wikingerzeit verehrt wurden und nicht jeder Fruchtbarkeitskult oder Ritus einer namentlich bestimmten Gottheit gewidmet wurde. Zum einem wird ein Fruchtbarkeitkultus durch die Darstellung der Figuren als männlich und weiblich durch die zum Teil deutlich heraus gearbeiteten primären wie sekundären Geschlechtsmerkmale angenommen, sowie besonders durch die Funde von Resten aus Opferhandlungen. Tonscherben und Tier-, und seltener Menschenknochen, deuten auf eine schlichte agrarische, bäuerliche Opfergemeinschaft hin. Zum anderen ist die Verehrung von diversen kultischen Pfählen nicht nur germanisches, sondern weiterreichend indogermanisches Gemeingut. Die Verehrung einer Weltachse/Weltensäule oder Weltenbaum wird hierbei als ursächliches Motiv basierend auf einem älteren Baumkult gedeutet, der zudem in außerindogermanischen Kulturen ebenfalls ein bedeutendes kultisch-religiöses Element ist. Die Irminsul bei den Sachsen zur karolingischen Zeit oder die Weltesche Yggdrasil aus den mittelalterlichen altisländischen Eddadichtungen als spätestes Zeugnis sind im germanischen Kontext die bekanntesten Ausformungen.

 

Heiko Steuer merkt an, dass bei den Brettidolen des Wittemoors, und folglich auch bei anderen desselben Typs, nicht grundsätzlich von einem sakralen Hintergrund zur Errichtung auszugehen ist, sondern dass hierbei durchaus andere Motive, im profanen Lebensumfeld angesiedelt, ursächlich ausschlaggebend waren. Neben der Funktion als allgemeine Heilszeichen, und im Speziellen als schutzgebende oder schadenabwehrende Zeichen (Apotropäische Handlung), besteht die einfache Funktion einer ornamentalen Ausschmückung. Zusammenfassend ist nach Bernhard Maier feststellbar, dass sich eine exakte Funktion der anthropomorphen Pfahlgötter und Idole innerhalb der germanischen Religion letztlich nicht exakt ermitteln lässt.

 

Dies aus zwei wesentlichen Gründen: Erstens seien zwar einige Exponate aus unterschiedlichen Zeiten gefunden worden, seien aber doch wohl als Ausnahmefunde zu werten und daher seien über die Verbreitung nur Annahmen möglich. Als zweiter Grund wird angeführt, dass die religiösen Vorstellungen in schriftlicher Form kaum überliefert sind und in dieser Form kaum belastbaren Quellenwert haben.

 

Auszug aus: www.wikipedia.org/wiki/Anthropomorphe_Pfahlgötter

Phalgötzen aus Groß Raden
Phalgötzen aus Groß Raden

Bei den Pfahlgöttern handelt es sich um das, was oft abfällig als "Götzen" bezeichnet wird. Es sind Abbilder der Götter aus Holz-Pfosten oder Ast-Gabeln, an denen ein wenig herum geschnitzt wurde, um ihnen annähernd menschliche Züge zu verpassen. Sie wurden dann von den Germanen an geweihten oder gar heiligen Orten aufgestellt, z.B. in Mooren, auf Berggipfeln oder in heiligen Hainen.

 

Wie bereits erwähnt sind es also - etwas abstrakte - Abbilder der heidnischen Götter. Männliche Götter versuchte man damit darzustellen, dass man dem Pfahlgott breite Schultern verpasste oder, wenn es sich um eine Astgabel handelte, mittels eines dritten abstehenden Astes einen Penis anzudeuten. Weibliche dagegen hatten oft ein breites Becken mit einer Einkerbung, die die Vagina andeuten sollte, oder Auswölbungen, die weiter oben gelegen die Brüste andeuten sollten. Durch diese mehr oder minder menschlichen Abbilder fühlten sich die Menschen ihren Göttern viel näher und verbundener, als wenn es nur unfassbare Geister wären. Man hatte auch eine zentrale Stätte, an denen man den Göttern opfern konnte - und durch den Pfahlgötzen konnten diese dem Ritual beiwohnen. Mensch und Gott konnten sich persönlich gegenüber stehen und in das gegenseitige Antlitz blicken... eine heilige Erfahrung.

 

Es gibt manche Theorien bezüglich der Pfahlgötter. So ist es zum Beispiel so, dass das Wort "Ase" vom urgermanischen "Ansuz" kommt, was so viel wie Pfahl, Pfosten oder Balken bedeutet. Manch einer glaubt, dass eben der Name der Asen sich aus diesem Pfahlgötter-Kult entwickelte. Eine weitere Theorie dreht sich um Ask und Embla, die im germanischen Glauben die beiden ersten Menschen waren. Bevor die Götter Odin, Höner und Lodur ihnen aber das Leben schenkten, waren die beiden nichts weiteres als Äste oder Baumstämme, die irgendwo an einem Ufer lagen. Manche glauben, dass es sich bei diesen Ästen ebenfalls um Pfahl-Götter gehandelt haben könnte - dies bedeute, dass die heidnischen Germanen in diesen "Götzen" nicht nur ihre Götter sahen, sondern auch all ihre menschlichen Ahnen - von Beginn an.

 

Auszug aus: www.wikipedia.org/wiki/Pfahlgötzen