1. Fehu f: Germ. fehu ´(Vieh). Viehbesitz - Besitz - Reichtum - Glück`. Leiden hat fiu, Das Abc Nord: feu, die Runenlieder fe. Ags. feoh Runenlied, feh St. Gallen, fech Salzburg. Got. fe in Salzburg muss got faihu sein, dass nach dem Schwund der intervokalischen -h- und -g- , die der Handschrift allgemein sind, durch den englischen Schreiber an sei feh angeglichen wurde. Dieses feh gehört mit Namen wie berg, perd zu den von ALKUIN herangetragenen northumbrischen Eigentümlichkeiten (gegenüber feoh, beorc usw).Die Bedeutungsentwicklung ist die gleiche wie in lat. pecus: pecunia. Wann die Bedeutung ´Vieh` aus dem Gedächtnis geschwunden ist, wissen wir nicht. Vielleicht bezeichnet die Rune Fehu bereits in altgermanischer Zeit schlechthin das bewegliche Eigentum (Gegensatz othala-).Wir finden aber auch die Ansicht MARSTRANDERS erwähnenswert, dass fehu sich auf den Fott Freyr bezieht, vgl. argud og fegjafi (Edda I 96 und isl. Freys aett wo diese Gleichsetzung deutlichen Ausdruck gefunden hat. Es wäre ein Name aus der Begriffssphäre (vgl. Logi `Feuer`) und zugleich ein versteckter Gottesname, wie wir sie unter ansuz, kano, alhiz usw. nachzuweisen gedenken, dazu wieder einer der Vanen. Dann bliebe von den Gottheiten in die Teiwaz sich aufgespalten hat, nur thunaraz unbelegt: er scheint im Gebiet des ersten Runenbrauches noch keine überragende Rolle gespielt haben.

 

2. Uruz u: Germ. uruz ´Auerochse`. Leiden urr. Abc Nord und Runenlieder ur. Die Lieder setzen als Bedeutung "Schlacke" (Norw.) bzw. "Staubregen" (Isl). Es ist deutlich, dass der Auerochse, der in Skandinavien früh ausstarb, dem Gesichtskreis der Liedschöpfer bereits so lange entschwunden war, dass sie für das unverständliche Wort Homonyme einsetzten. Zugleich wird die Annahme nahegelegt, dass der Name bereits früher in übertragener Bedeutung gebraucht wurde, dass also auch die Sinnzeichenrune Uruz in den Denkmälern nicht auf das Tier, sondern die in ihm versinnbildlichte (männliche) Kraft abzieht. Auch das englische Runenlied, das dem Ur als "stark, wild und mutig" bezeichnet, weist in diese Richtung. über die Verehrung des Wildstiers, die aus den Angaben CAESARS über die Trinkhörner erschlossen wird. Leiden weist mit seiner Schreibung urR aus, dass der alte Name um 800 noch bewahrt war, denn das ur der Runenlieder ist Neutrum. Got. uraz (Salzburg) kein gotisches Wort sein, da -a- in gedeckter Endsilbe geschwunden sein müsste. Es liegt also der gleiche Fall wie bei dem Namen des a (aza) statt germ. ansuz vor. Die englischen Reihen haben durchgängig ur: die Länge des u beweisen St. Gallen usw. durch die Schreibung uur (ebenso oos und iis). Die Bedeutung ´Auerochse` sichert das Runenlied, das ur mit dem Zusatz oferhyrned gibt. Das Altenglische kennt aber den Auerochsen nicht mehr, das seit dem 17. Jahrh. vereinzelt belegte owre hält KELLER für eine Schriftvariante des seit dem 16. Jahrh. eingeführten ure. d. h. lat. urus in französischer Schulaussprache. Ags. ur im Runenlied ist der erste Fall dafür, dass die Namen des Liedes größtenteils nicht zu den altenglischen Normalformen stimmen. ur ist das deutsche Wort für den "Ur"; wir dürfen wohl annehmen, dass sein Name sich im Runenkult aus der festländischen Runenzeit bis in unser Lied gerettet hat. In anderen Fällen müssen die Wechselbeziehungen aber in jüngere Zeit reichen. Wir äußern uns dazu unter den Namen der Runen für a, k, é, b, p, z, t, y, io, ea.

 

3. Thurisaz th: Germ. thurisaz ´Riese, Dämon`. Leiden dhurs, Abc Nord: thuris (dies genau gleich as. Thuris, Gott der Unterwelt), thurs in den Runenliedern. In Norw. ist der "Thurs" etwas das Frauen krank macht. Im Skirnirfluch wird der widerspenstigen Riesentochter ein Thurs nebst noch drei Stäben geritzt, die ihr Qual bringen sollen. Isl. vereinigt beide Bedeutungen mit seinem "Thurisaz ist der Weiber Qual und der Riesen Mann".Im Gotischen ist der Name umgedeutet: denn das thyth von Salzburg ist wohl als thiuth ´diathor`, das Gute aufzufassen. Der heidnische Name ist damit in sein Gegenteil verkehrt worden: aber die Ausmerzung des heidnischen Begriffs ist nicht der Grund des Ersatzes. Denn WULFILA behält ansuz und teiwaz bei; er führt sogar inguz als enguz für das Zeichen Gebo (das er ausgerechnet für das Nomen sacrum brauchte) von neuem in die Regel ein: Wenn unsere Deutung zutrifft, gehört thurisaz schon im Altgermanischen zu einer Schicht von Wesen, die zu Trollen geworden waren. um so weniger brauchte WULFILA zu fürchten, daß solche Namen seine Goten wieder zu Heiden machen würden. Der Bischof fürchtete keine heidnischen Erinnerungen, und die Strafbestimmungen des Westgotengesetzes für jene "die durch Anrufungen von Dämonen (also der alten Götter) den Verstand der Menschen verwirren, oder die den Dämonen nächtliche Opfer feiern uns sie mit bösartigen Beschwörungen verbrecherisch anrufen", sind dem Geist nach jünger und kaum noch arianisch. Wir nehmen deshalb an, dass thauris im Gotischen durch thiuth ersetzt wurde, weil die Bezeichnung für diese dämonischen Wesen in der Sprache nicht mehr lebendig war. In England haben wir dagegen mit bewusster und betont christlicher Umdeutung zu rechnen, wenn der Name im Runenlied als thorn in einem Teil unserer Handschriften (z. B. St. Gallen) mit echter Eindeutschung als Dorn erscheint. Es ist darauf hingewiesen worden, dass sich der Vers des Runenliedes auch auf den "Thursen" deuten lässt. Der Vers müsste dann gedeutet werden: "Thurisaz ist mächtig tapfer und die Berührung mit ihm für jeden Kämpfer schlecht; er ist unmäßig wild gegen jeden, der mit ihm zusammentrifft."Dieser Sinn liegt (mit Wörtern wie dearle scearp, anfeng ys yfyl, rethe) weiter als die Deutung auf thorn, aber er wird wohl durch den Schluss de him mid rested nahegelegt (zur Doppelsinnigkeit mancher Strophen vgl. auch zu ac und aesc, eolhx und tir). bei der Umdeutung mag die Gestalt des Zeichens mitgespielt haben; im Runenlied und in Brüssel z. B. hat der Schreiber deutlich einen spiten Dorn gemalt." Zu thors im Cod. Cotton Galba A 2 s. oben. Dass Thurisaz den Thursennamen erhielt, ist wohl ein Hinweis darauf, dass thunaraz sich im ursprünglichen Runengebiet noch nicht von Teiwaz abgespalten hat."

 

4. Ansuz a: Germ. ansuz ´der Ase`. Leiden aus, Abc Nord: os, Runenlieder oss. Ags. os im Runenlied und ebenso (teilweise oos) in den Handschriften. os ist die in England aus ansuz lautgesetzlich entwickelte Form. Aber der Vers ´os ist die Quelle aller Sprachen` zeigt, dass der Dichter statt dessen gelehrtes lat. os ´Mund` eingesetzt hat, um den heidnischen Asen los zu werden -- also eine genaue Entsprechung zum Ersatz von thuris durch thorn. Ebenso heißt es in Norwegen ´oss ist der meisten Reisen Weg`; d. h. hier ist beim lautgesetzlichen Übergang das homonyme oss ´Flussmündung` eingetreten. Auch hier zeigt (vgl. urR) Leiden durch sein "aus" mit synkopiertem u noch die alte Bedeutung ´Ase`, die überdies Isl. bewahrt hat: ´oss ist der alte Schöpfer und Asgards König und Walhalls Fürst`. Isl. ist hier wie auch sonst viel unbekümmerter heidnisch als die beiden anderen Gedichte. W. KELLER hat darauf aufmerksam gemacht, dass beide nordische Gedichte den "Asen" den sie im 12. Vers "Tyr ist ein einhändiger Ase" einführen, in anderer Lautform geben als den Runennamen. Entscheidend ist Isl. dass in V. 4 oss, in V. 12 aber ass schreibt. In Skandinavien wurde gegen 1040 die alte ansuz-Rune als Zeichen für o fest; also dürfen wir annehmen, dass der Übergang auch im Runennamen um diese Zeit vollzogen war. Im Anglofriesischen ist dagegen o bereits um 400 erreicht, und deshalb hat schon WIMMER gemutmaßt, dass die spätere skandinavische Lautbezeichnung o auf englischem Einfluss beruhe. VON FRIESENS Gegengründe wenden sich nur dagegen, dass allgemeine Eintreten der ansuz-Rune für o aus englischer Beeinflussung zu erklären. Die unterschiedliche Schreibung von Runenname und "Gott" vermag es auch nicht zu deuten, und so nehmen wir an, dass die erste Form (oss) englisch ist. Damit wäre die Ansicht unterbaut, dass der Runenname os ´Ase` einst auch in England bestand und die Umdeutung erst dem (geistlichen) Redakteur des Runenliedes zuzuschreiben ist. Salzburg hat aza. Da z sonst deutschen s entspricht und das zweite a wie das von uraz beurteilt werden kann, gelangen wir zu einer Formasu-, wohl aesu- aufzufassen. auch in den Urkunden von Neapel ist die Nominativendung bisweilen abgefallen. Wir haben an anderer Stelle angeführt, dass Ansuz a nicht "Gott", sondern der "Ase" schlechthin, d. h. Wodan ist. Damit fällt auch jeder Grund zur Verwunderung darüber, dass Wodan-- in eddischer Zeit der weitaus überragende Gott -- nicht in der Runenreihe erscheint. Wodan machte diese neue Glaubensform aus, und anscheinend ist sein Ansehen mit der ihm zugewiesenen Runenkunst schnell gewachsen. Wodan wird von TACITUS dem römischen Merkur gleichgesetzt; er ist aber nicht nur Gott aller Listen, sondern auch aller erhabenen Künste und am ehesten dem griechischen Apoll vergleichbar. Schrift und Kult pflegen Hand in Hand zu gehen: "Die arabische Schrift geht soweit wie der Islam, die Devanagarischrift so weit wie der Hindukult, die Palialphabete soweit wie der indische Buddhismus, die kyrillische Schrift soweit wie die orthodoxe Kirche, die deutsche Fraktur soweit wie der lutherische Katechismus. Aus diesen Gedankengängen ist auch der Weg der Runen in den Norden mit der Ausbreitung der Wodanverehrung verknüpft worden. Noch für ADAM VON BREMEN ist Wodan ein sächsischer Gott. Nach Ynlgingatal Kap. V war Odins-ue auf Fünen, unmittelbar nördlich unseres berühmten Runenfundortes Vimose, das jetzige Odense, Wodans Hauptstation auf dem Weg zu den Nordgermanen. J. DE VRIES hält all diese Zeugnisse nicht für beweisend. Wir fühlen uns in diesen Fragen nicht zuständig. Später tritt Wodan bei allen germanischen Stämmen im Runenbereich mächtig auf, in Deutschland (Fibel A von Nordendorf, sowohl wie in England (Lied von Salomon und Saturn) und Skandinavien. Wenn er diese Erhebung einem Stamm verdankt, der auch in die Verbreitung der Runen tätig eingegriffen hat, wäre H. SCHNEIDERS Meinung gestützt, dass Wodan im Gebiet des Zusammenstoßes zwischen Germanen, Römern und Kelten emporgestiegen sei. Nur bei Germanen, Kelten und Thrakern ist der Totenführer zum höchsten Gott geworden: das muss fruchtbarkeitsmythisch gedeutet werden. Die Verbindung mit Aufnahme und Ausbreitung der Schrift bezieht sich aber nicht nur auf den Gott, der den Namen Wodanaz trug. Seine Gestalt und ihre Aufgaben sind von indogermanischem Alter. Diese Gestalt (der spätere Wodan ist deus regnator omnium und entspricht als solcher genau dem indischen Varuna der samraj ist: beide verkörpern einen Weltherrscher, dessen Allmacht gar nicht kriegerisch, sondern magisch-religiös gegründet, deshalb aber um so gewaltiger und unmittelbarer in ihrer Wirkung ist. Den Wodan teilt den Sieg zu; aber er kämpft nicht selbst, sondern er wirkt durch (Runen) Zauber, ist fimbulthulr (vgl. Ynglingasaga Kap. 6 und vor allem die Harbardsljöd). Wodan ist nicht der Gott der Krieger, sondern der Toten und erscheint deshalb auf dem Schlachtfeld um "die Edelsten heim" zu holen, indem er den Ausgang umbiegt, den die Tapferkeit dem Kampf setzen würde. Das ist aber eine priesterliche Handlung. In Ausübung dieser magischen Funktionen kann Wodan weder zu kriegerischen noch zur Fruchtbarkeitssphäre ohne enge Beziehungen bleiben; aber es wäre -- wie auch DUMÉZIL betont -- falsch, darin den Mittelpunkt seiner Persönlichkeit zu suchen.Wir weisen auf die sicher uralte Schwurformel des Landnamaboks hin: hjälpi mer svä Freir ok Njodr ok hinn allmatki ass "so mögen mir helfen Frey und Njörd und der Allmächtige Ase". Es ist mehr als ein indogermanisches Stilmittel, wenn das dritte Glied ein schmückendes Beiwort erhält: der regnator omnium ist es, der hier genauso als " der Ase" erscheint wie in unserer Runenreihe. Der Name Wodan ist also jung und könnte bedeutungslos sein; er hat aber aus zwei Gründen Gewicht. Der erste liegt in seiner Etymologie: es ist die priesterliche Wut, also seine wesentlichste Kulterscheinung: wir werden wiederum zu priesterlicher Tätigkeit, zu Loswerfen und Weissagung und damit in den Bereich geführt, in dem die Aufnahme der Schriftzeichen und ihre Verschmelzung mit den Sinnzeichen geschah. Das zweite bedeutsame am Name Wodanats scheint uns der Anlaut. Denn der Kultherrscher muss einmal einen anderen Namen getragen haben, der -- das ist wohl keine kühne Annahme -- dem griechischen Ouranos und dem indischen Varuna, die ihm in den Aufgaben gleich sind, entsprach. Varuna führt auf *Wor - u - no - (Vergleiche inschriftlich im 14. Jahrhundert Uruwna -); der alte und neue Name sind also stabend, und es ist wohl mehr als ein etymologischer Einfall, wenn DUMÉZIL dazu das Wort "Rune" (germ. *wr-u-na) stellt. Wir sehen darin einen besonders schlüssigen Beweis für die vorgetragene Ansicht dass " Rune" ursprünglich den Gesamtbereich der kultischen Handlung umfasste. Dass dem Gott nicht die w- oder r- Rune zugewiesen ist, kann verschieden begründet werden. Wir suchen den Hauptgrund in dem eigenartigen von uns schon wiederholt angedeuteten Prinzip (Vergleiche die einzelnen Runennamen), eine kennzeichnende "dingliche" Bezeichnung statt des Gottesnamens zu verwenden. Dem liegt wohl eine uralte religiöse Furcht zugrunde: der Name ist für den Germanen nicht "Schall und Rauch", sondern persönliche Wesenheit. Es ist darauf hingewiesen worden, dass nur sehr alte Gottheiten im Futhark erscheinen: Teiwaz und Inguz. Dazu haben F.ALTHEIM und E. TRAUTMANN die Alhiz, die göttlichen Zwillinge, gefügt. Wir finden Wodanaz unter dem Namen Ansuz und erwägen im Folgenden noch Nerthus unter dem Namen 'khan' und Wulthuz unter der w-Rune. Auch die dritte Rune thurisaz könnte eine Gottheit bezeichnet haben; allenthalben gelangen ja die Götter erst nach Überwindung der Riesen, die also vor ihnen Götter waren, zur Herrschaft. Über fehu und Freyr siehe oben. Aber auch dann fehlt noch der ganze eddische Götterhimmel; es fehlt Balder, thorr, Loki, Lothurr, der deutsche Saxnot, und wie sie alle heißen. JUNGANDREAS hat darauf hingewiesen, dass diese Götter auch in der altgermanischen Namengebung keine Rolle spielen, während mit Ingu und Ans zusammen gesetzte Namen häufig sind. Gegenüber diesen Gesichtspunkten scheint der von uns vertretene von größerer Bedeutung. Auch der Name Inguz ist kein eigentlicher Göttername, zumal wenn K. A. ECKHARDTS Ansicht zutrifft, dass er erst zu dem Völkernamen gebildet worden ist. Wulthuz aber ist ja " Herrlichkeit", und die Wechselbeziehung zwischen Ullr und dem "Asen" ist nicht auf die Alliteration beschränkt. Dem angeführten Schwur beim allmächtigem Asen steht die Eidformel at hringi Ullar (Atl. 32) gegenüber; und dass hier nicht eine junge Aufspaltung vorliegt, zeigt das Auftreten des Gesetzeswalters Mitra neben dem Kultwalter Varuna; im Bereich der sakralen Handlung müssen beide sich freilich häufig berühren. Ein Nachklang der uralten Doppelheit liegt gewiss in SAXOS (III, 4,9 -- 13) Geschichte von Ollerus vor, der als Usurpator gegen Othinus auftritt: Wodan bricht ja Treuschwur und Eide. Wieder führt uns das Futhark über die geschichtliche Zeit zurück, in der Ullr im Norden von Tyr, besonders aber von thorr auf dem Festland von Ziu (Mars Thingsus) und wahrscheinlich auch von Donar abgelöst ist. Noch die vielen norwegischen und schwedischen ON mit seinen Namen zeigen, welch mächtiger Gott er war, und zur Runenzeit besaß er wohl unter den Vanengöttern noch, was sein Name aussagt: die Herrlichkeit. Es ist also nicht so, dass der "Ase" im zweiten Teil des Futharks, dass die um ihren alten alphabetischen Plätze gruppierten Hauptträger des Sonnenkults (Sowilo und Tiwaz) umfasst, keinen Platz hätte, und erst Recht ist daraus nicht zu schließen, dass die erste Hälfte der Runenreihe unvanisch sei. fehu ist dem Bauern ebenso wichtig wie othala; w bleibt mit der Grundbedeutung 'Weideland' ebenso im Vanenbereich wie als "Gott Ull". k bezog sich nach unserer Meinung auf die Fruchtbarkeitsgöttin Nertus; "Eis" und "Hagel" (die Namen der Runen i und h) sind die Gewalten, die vor allem den Landmann bedrohen. Nicht minder gehört j mit der Bedeutung "Fruchtbaren Jahr, Ernte" in den Kreis seiner Vorstellungen. Vanisches uns asisches Glaubensgut ist im Futhark nicht geschieden, sondern die ganze Reihe ist noch im Vanenkult verankert. Nur der Führer des neuen Glaubens hat -- freilich mit beherrschender Runenmacht -- Eingang gefunden. Wir könnten auch sagen: mit beherrschender Priestermacht: Denn die Kultherrschaft war seit jeher mit dem priesterlichen Stand verknüpft; aber zu einer gewissen Zeit war beider Macht zurückgetreten (neque druides habent, s. unten). Nun erscheint der Gott mit einem neuen Namen, der deutlich auf priesterliche Funktion weist, und seine Diener treten mit einem neuen Machtmittel auf, das wirkkräftiger ist als die ererbte Kultschrift. aus dieser Anschauung heraus glauben wir die widerstreitenden Meinungen, dass Wodan im Norden bodenständig und dass er vom Süden mit den Runen heraufgekommen sei, beide als zutreffend ansehen zu können. JORDANES spricht von den Asen als Halbgöttern: in ihren Führergeschlechtern (proceres) sahen die Goten keine gewöhnlichen Menschen, sed simedeos id est Ansis vocauverunt. Möglicherweise zeigt das Gotische hier noch Spuren einer Zurückführung der Herrschergeschlechter auf Wodan, wie sie aus England, sowohl wie dem Norden belegt ist, für die alte Runenzeit scheint aber diese Stelle nichts zu ergeben, und erst recht ist aus ihr nicht zu schließen, dass die Asen -- und damit Wodan -- nicht den Rang von Himmelsgöttern gehabt hätten.

 

5. Raidho r. Germ. raido ´Fahrt (Totenfahrt)`, Leiden reidu. Norw.: raied, Isl..; reid. Entsprechend Ags.räd, Salzburg: raeda. Das Abc Nord hat in seiner dänischen Reihe rat; das kann kein nord. reid (u) sein. Es ist deutlich das räd, das HRABAN aus ALKUINS angelsächsischen Futhork übernommen hat. Aber es ist eingedeutscht: statt ags. räd f. ´Ritt,Reiten` ist es nun deutsch rät ´consilium`. Ebenso erscheint rat in festländisch-englischen Futhorks: schon in Tegernsee, dann in Brüssel und St. Gallen. Ein Teil der hrabanischen Alphabete hat aber rehit; das ist nun wiederum das nordische reid, das mit den englischen Reihen gar nichts zu tun hat: Es ist auch nicht umgedeutet, sondern unverstanden mitgeschleppt, wie die Schreibung zeigt. Es ist früher angenommen worden, das germanische Wort sei aus dem keltischen entlehnt (gall. reda). Unter Hinweis darauf und auf ahd. reita dachte VON DER LEYEN an Donars Wagen (seinen Blitz vermutete er in k). Die Runenlieder sprechen von ´Ritt und Reiten`; beides ist gewiss nicht ursprünglich: Die von VAN LANGENHOVE gemutmaßte Grundbedeutung "Weg" führt in dieser Unbestimmtheit nicht weiter. Wir denken an den Weg des Toten, die Fahrt zur Unterwelt, die einerseits in den Meermythen, andererseits in den Wiedergängergeschichten ihren greifbaren Ausdruck findet; vgl. das Nebeneinander von r und k.

 

6. Kenaz k: Germ. kaunaz ´Krankheit, Geschwür` oder kenaz ´Fackel` oder kano ´Kahn`? Die Namen stimmen nicht überein; wir müssen sie einzeln betrachten und abwägen. Dabei wollen wir als Hauptgrund für den Austausch eines Namens ansehen, dass a) das betreffende Wort aus lautlichen Gründen nicht mehr mit seinem Anlaut die betr. Rune bezeichnete; oder b) dass die kultische Vorstellung, die sich an das Wort geknüpft hatte, bei einem Kultwandel nicht erhalten blieb; oder c) dass überhaupt das betreffende Wort nur auf bestimmte Mundarten beschränkt war, so dass es bei der Ausdehnung der Runen auf andere Sprachgebiete nicht verstanden wurde. Das Englische hat im Lied und in Handschriften nur cen, das nach der Strophe des Runenliedes als Entsprechung zu dt. Kien (-pan), Fackel gefasst wird. Bemerkenswert ist, dass dieses Wort sonst im Englischen nicht vorkommt. Der Dichter CYNEWULF sucht (im 8. Jahrh.) seinen Namen in Runen in seine Dichtungen einzuflechten. Im "Christ" (V. 797) lautet die Stelle ewacath. Sie wird allgemein als "der Kühne bebt" gedeutet; d. h. CYNEWULF hätte hier das homonyme cene ´kühn` (in Namen Caen-) eingesetzt, um das Namenglied CYNE- zu erhalten. In der "Elene" dagegen ist, wie zuletzt KELLER betont hat, die niedergebrannte Kienfackel mit cen drusende (engl. drowsing torch) gut wiedergegeben. aber die Stelle bleibt isoliert. Das Gotische belegt in Salzburg: chozma, gedeutet als got. kusma. Über ähnliche Worte zur Bezeichnung von Geschwulst Krankheiten s. unter 27. Das Wort wäre im Norden durch ein kauna n. von gleicher Bedeutung ersetzt worden. Dieses kauna wäre belegt in Leiden caun, Abc Nord: chaon (eingedeutscht), Isl. Norw.: kaun. Diesem kaun ist nach der Meinung VON FRIESENS ags. cen nachgebildet worden: Das scheint uns nur unter der Annahme haltbar, dass nord. kaun zunächst ins Englische übernommen wurde und dort den Wandel zu kean mitmachte. Dann wäre es, da es in der Sprache ganz allein stand, durch das ähnlich klingende cen ersetzt worden (das freilich, wie wir sagten sonst auch nicht bezeugt ist). Ist diese Mutmaßung richtig, dann wäre cen das älteste sichere Zeugnis für den Einfluss nordischer Runennamen auf die englischen. Wir würden in diesem Fall annehmen, dass kean in England zu cene ´kühn` umgedeutet wurde. Der Vers des Runenliedes "c ist jedem Lebenden bekannt am Feuer, fahl und hell, wenn die Edelinge (in der Halle) drinnen sitzen", kann ohne weiteres auf den "Kühnen" gedeutet werden. Der Einschub blac ond beorthlic byrneth oftust müßte auf das Feuer bezogen werden und nicht auf c. CYNEWULF entspricht mit den beiden angeführten Namenrätseln also scheinbar Doppeldeutigkeit des Runenliedes. Wenn dargestellt die nordische Form als alt anzusehen ist, möchten wir sie mit der von A NORDÉN erschlossenen Grundbedeutung der k-Rune "Beschwörung von Feinden und Wiedergängern" zusammenbringen. Vielleicht gehört u. a die von Torolf Bäggefot berichtete Geschichte hierher, dass der Tote nicht verwest, aber widerlich anzusehen war, und schließlich war er so aufgedunsen (kauna- ´Schwellung`!) dass selbst ein Ochsengespann ihn nicht mehr fortschaffen konnte. k könnte also, da jeder Zauber zugleich angreifend und schützend ist, sowohl im Fluch "Geschwulst" ("Geschwür, Krankheit" über den Verfluchten gebracht, wie im Schutzzauber der "Schwellung" des Toten (der nur so als Wiedergänger erscheinen konnte) entgegengewirkt haben. Eine ganz andere Deutung hat W. JUNGANDREAS vorgeschlagen, als er unter Hinweis auf die Formen aus, laugR in Leiden (aus ansuz, laguz) auch in kaun ein Umspringen des .u- aus kanu- annahm; dieses sei ein urgerm. kano f. ´Kahn (Schlitten)`. Die sicheren kaun- Formen z. B. der Runenlieder könnten bereits als Wortform von kaun ´Geschwür` zeigen. JUNGANDREAS erwägt aber auch eine Grundform kugina für das gotische chozma (ch statt k wie in chuedant, m aus in verlesen und gelangt zu einem germ. kauno ´Boot`, verwandt mit keulos ´Schiff`. Durch weitere Beispiele für die Ersetzung von a + Kons. u durch au hat er grammatische Bedenken gegen diese Auflösung beseitigt. JUNGANDREAS ist der Meinung, dass der englische c-Vers sich auch in seinem Sinn deuten lasse. Das on fyre, das wir mit ´im Feuer` (Kien) oder ´am Feuer` (der Kühne) wiedergegeben hatten, ändert er -- das ist unbedenklich-- zu on fyrre ´in der Ferne` (engl. afa) und sieht im Vers einen Beleg für das Schiffsbegräbnis: das Schiff wird mit dem darin beigesetzten Edeling brennend ins Meer hinaus gestoßen; resteth wäre also ´ruhen`, vom Toten gesagt. Entsprechend bezieht er CYNEWULFS c cwacath auf die durch den Seegang hervorgerufene Schlingerbewegung des Schiffes. In Isl. heißt es, k sei "der Kinder Unglück, der Weg der Kämpfer und das Haus des in Verwesung übergehenden Fleisches". Das letzte scheint (wenn es nicht zur Wiedergängergeschichte gehört, s. oben) deutlich auf eine Schiffsbestattung (ohne Verbrennung) zu weisen; der Kampf führt zum Grab und auch der "Kinder Unglück" oder als "Unglück der Kinder" (nämlich der Tod der Eltern) deuten. Wesentlich ist uns, dass sich einem Grundbegriff "Schiff, Kahn" von keiner Seite ein entscheidendes Hindernis in den Weg stellt. Man wird auch nicht geltend machen dürfen, eine Rune "Schiff" hätte im Germanischen eben Sowilo s sein müssen, da skip- das häufigste dieser Worte war. Des Ausweges, dass die Namen bei einem Stamm geschaffen wurden, dem dieses Wort nicht so geläufig war wie "Kahn" (vielleicht, weil er im Landinneren saß), bedarf es nicht. wie wir ausführten, musste die Sonne, die im Mittelpunkt des Glaubens stand, die s-Rune erhalten. Wenn der Germane auch das Schiff aus irgendwelchen Gründen in das Futhark aufnehmen wollte, musste er unter den Synonymen eines wählen, dessen Anlaut nicht durch einen noch wesentlicheren Kultbegriff vorweggenommen war. Der gleiche Grund hat vielleicht dazu geführt, dass das lebensspendende Wasser weder als s (got. saiws) noch als m (germ. mari) noch als a (germ. ahwo) erscheint, da Sonne Mann(us) und Ase wichtiger und nicht durch Synonyme ersetzbar waren. Wasserrune wurde darum l (germ. laguz) ohne Rücksicht darauf, ob dasWasser im Kult jeweils der speziellen Bedeutung von laguz (die wir übrigens gar nicht genau kennen) entsprach.Wir sind auf eine mögliche Grunddeutung "Schiff, Nachen" besonders ausführlich eingegangen, wa wir zu ihr auf ganz anderem Weg gleichfalls gelangt waren. TACITUS berichtet. pars Sueborum et isidi sacrificat. . . sgnum ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem. Der Name Isis führt auf die gleiche interpretatio romana wie Mercurius und Hercules; eine Forschung deutet der Bericht auf Nerthus.Nerthus wurde im Osten der Ostsee verehrt. Sie besitzt einen Hain auf einer Insel. Der Wagen wird von Kühen gezogen. Nach dem Umzug, der das ganze Land segnet und Freude und Frieden bringt, wird ihr Wagen vom Priester in das Heiligtum zurückgefahren und die Gottheit und ihre Kultgegenstände in einem verborgenen See "abgewaschen" wird, spricht für ein (hölzernes) Götterbild. Nerthus geht aus dem Bericht des TACITUS als Fruchtbarkeitsgöttin (terra mater) hervor. Es ist aber nicht deutlich, warum sie mit Isis verglichen wird. Ist es nur wegen des Nachens, der liburnischen Barke, die ihre Einfuhr aus fremdem Land erweist? Und dieses Sinnbild ist recht merkwürdig: außer der Waschung im See und dem Ertränken der Sklaven läßt sich aus dem Kult selbst keine Begründung dafür geben. Wohl aber aus den nordischen Felszeichnungen: dort wird ebenfalls die Gottheit auf einem Wagen oder Schiff (Schiffsschlitten) über Land gefahren, um ihm Fruchtbarkeit zu erwirken. Sinnbilder, erinnern wir uns nun, entstehen aus dem Wunsch etwas Unsichtbares sichtbar zu machen. Wie das Rad die sich bewegende Sonne vertritt, so vertritt das Schiff die Göttin Nerthus; oder im Runennamen umgesetzt: heißt ansuz ´Balken, Ahnenpfahl` und meint Wodan: heißt berkana ´Birkenzweig` und meint die Himmelsgöttin; wunjo heißt wulthuz ´Herrlichkeit` und meint den Flammengott Ull; heißt fehu ´(Vieh-) Besitz` und meint den Fruchtbarkeitsgott Frey: -- und kenaz heißt, folgern wir, kano (o. ä.) ´Kahn`und meint Nerthus. Wir können um den Kreis zu schließen, ein noch deutlicheres Gegenstück vorwegnehmen: Dem gleichen Kultgebiet gehört Inguz an; er ist gleichfalls Fruchtbarkeitsgott und sogar Stammvater der Ingwäonen, die Isis verehren. Noch die spätere nordische Überlieferung hält die Verwandtschaft von Ing und Njörd fest; aber bezeichnenderweise ist Yngvi sowohl Wodans wie Njörds Sohn und Njörds Vater. Um hier Ordnung zu schaffen, müssen wir zunächst Wodan ausscheiden. Die uns nur in lateinischem Auszug erhaltene Skjöldungensaga (verfasst um 1200, lateinische Übersetzung von 1596), berichtete uns, Odin sei der Überlieferung nach aus Asien gekommen und Ing sein Sohn. Auf ihr beruht die -- nicht von SNORRI verfasste -- Vorrede zur Prosa-Edda, wo Ing wiederum als Odins Sohn erscheint.. Entsprechend ist ´Yngvifreyr` in den Namenregistern zur Dichtersprache Odins Sohn, wovon die Geschlechtsregister der Flateyarbök nur den zweiten -- und eigentlichen Gottesnamen -- erhalten haben: Frey ist nunmehr Sohn Odins, sein Enkel aber wiederum Frey: Diese Vorschaltung Odins halten wir mit OLRIK, HEUSLER und ECKHARDT erst für eine Neuerung der Skjöldungensaga um 1200.An der Spitze der Reihe muss also Ing gestanden haben. So kennt ihn ARIS Isländerbuch, und die daraus abgeleitete Historia Norwegiae. Aber die Heimskringla (in der erhaltenen Fassung) und die davon abhängigen Sagas von Olaf und Swerrir kennen als Fjölnirs Ahnen nur Njörd und Yngvifrey. Scharfsinnig deutet ECKHARDT die ältere Form Ingunar-Frey als "Frey, Nachkomme des Inguz"; dann ist auch die jüngere Bildung Yngvy-Freyr sinnvoll. Diesen Namen nehmen wir als Beweis dafür, dass in vor-eddischer Zeit Frey als Ings Sohn galt. Für Njörd ist in dieser Stammreihe kein Platz; dieser Njörd ist vielmehr die Göttin Nerthus und das älteste Verhältnis die kultische Ehe zwischen Himmel (Ing) und Wasser (Nerthus) aus der die Fruchtbarkeit der Erde (Frey) entspringt. Auch in diesem Fall hat ECKHARDT den eddischen Stand der Dinge geistreich und überzeugend herausgearbeitet. Wir müssen aber versuchen, mindestens 800 Jahre früher Fuß zu fassen, um die Runennamen zu verstehen. Wäre TACITUS besser unterrichtet worden, dann hätte er auch das signum des Inguz schildern können, der bei ihm wohl nur Horus geheißen hätte: es war der Kreis, das alte Zeichen der Fruchtbarkeit spendenden Sonne. Seiner Gattin, mutmaßten wir, kam der Halbkreis zu; zwei solcher Halbkreise, die heilige Zwei zahl versinnbildlichte beider Wirksamkeit, das fruchtbare Jahr. Da der Kreis im Germanischen bereits verwendet war und sich auf Gott Inguz bezog, trat er mit diesem Namen in das Futhark ein. Der Halbkreis wurde von den Germanen dem Buchstaben k in der Form eines Halbkreises gleichgesetzt. k musste deshalb einen Namen erhalten, der ebenso Nerthus meinte wie der "Elch" die göttlichen Zwillinge; daher kano. TACITUS aber verglich nun das signum der Form und dem Namen nach richtig mit einer liburnischen Barke. Nun verstehen wir auch, warum gerade k, j, und ng immer kleiner sind als die übrigen Zeichen des Futharks. Obgleich k ein aus dem Norditalischen eingeführter Buchstabe war, wurde er durch die von den Germanen vorgenommene Gleichsetzung mit der Halbsonne in der Form an j und ng gebunden. Weiter aber verstehen wir, warum gerade dieser Name nicht erhalten blieb, und durch ähnlich klingende Wörter ersetzt wurde: auch der Kult der Nerthus, ohnehin schon räumlich begrenzt, hatte kein Fortleben. Dazu musste der Hinweis von kano auf Nerthus nicht verständlich sein; sie konnten deshalb auch nicht -- wie im ags. Ing. -- wenigstens den göttlichen Namen noch als Relikt mitführen. Noch in die späten Runengedichte aber spiegelt, wie die durch JUNGANDREAS ganz unabhängig gewonnen Ergebnisse gezeigt haben, die alte Bedeutung "Schiff" hinein. Trifft unsere Beweisführung zu, dann ist auch der Name der k-Rune ein Beweisstück dafür, dass das Futhark dem Vanenkult zugehört, und dass in seiner überlieferten Gestalt eine ingwäonische Schöpfung vorliegt.

 

Auszug aus: Die einzelnen Runen 1- 6, Handbuch der Runenkunde, Helmut Arntz, 2007