18. Berkana b: Germ. berkana- ´Birkenzweig`. Leiden biercan. Im Abc Nord ist ins Deutsche übersetzt: brica (statt birca). Im Gotischen ist bercna durch Salzburg belegt. Den englischen Ersatz wird man mit VON FRIESEN daraus erklären dürfen. dass ein dem berkana entsprechendes Wort dem Englischen fehlte. Die festländischen Futhorks haben seit Tegernsee größtenteils berg. Das kann eine norhumbrische Form sein, die auf ALKUIN zurückführt; es ist aber eben so gut möglich, daß wir bei dem Ersatz von rad durch rat ´consilium` berc durch berg ´mons` ersetzt worden ist. Der Name Berkana ´Birkenzweig, Birkenreis` ist aufschlussreich. Nicht an den ganzen Baum, sondern an die Zweige, das Maigrün, knüpfen sich die meisten Fruchtbarkeitsbräuche. Den inschriftlich zweimal belegten Namen einer Göttin Vercana, der früher griechischen Ursprungs war, fassen wir mit MARSTRANDER als unser berkana. Die Birke versinnbildlicht neues Leben, symbolisiert die aus dem Winterschlaf neu erwachende Fruchtbarkeit der Natur. "Man kann das Leben eines Baumes zur Stärkung des eigenen Lebens gewinnen, wenn man ihn zur Feier des Frühlings oder der Hochzeit vor sich her ins Haus tragen lässt." Wir erinnern auch daran, dass bei den Kelten der Leichnam mit grünen Birkenzweigen zugedeckt wurde.

 

19. Ehwaz e: Germ. ehwaz ´Pferd`. Der Name ist wieder nur im Englischen deutlich erhalten: eh. Die brechungslose Form (statt eoh) hat in diesem Fall also auch in das Runenlied Eingang gefunden. Got. eyz in Salzburg hatten wir als Missverständnis des Schreibers statt eines zu erwartenden aihs gedeutet. Das gleiche Wort darf wohl im eus von Kylver gesucht werden. JUNGANDREAS meint mit Birke -- Pferd -- Mann nenne die Runenreihe die Geschöpfe der Erde. Das ist wie schon aus dem unter 18. b Ausgeführten hervorgeht, gewiss irrig. Vielmehr ist die Folge t b e eng zusammengehörig; und damit erklärt es sich, dass Ehwaz, für dessen Stellung vor Mannaz wir nur die Ähnlichkeit der Form anziehen konnten, an diese Stelle gerückt ist. ehwaz ist der Sonnenbegleiter (Wagen von Trundholm) und mit dem Halbkreis, der die Sonne meint (angeblichen Hörnern!), auch auf den Goldbrakteaten dargestellt. Es genügt auf die Tacitusstelle zu verweisen, in der die Pferde als die Vertrauten der Götter über den Priestern stehen: se enim ministros deorum, illos (equos) conscios putant.

 

20. Mannaz m: Germ. mannaz ´Mensch, Mann` oder mannuz, Name eines Stammvaters- Leiden manr; Norw. Isl.madr (Zwischenstufe mander im Cod. Cotton. Galba A 2 gibt die Aussprache richtig wieder). man im Abc Nord ist eingedeutscht: Ags. man Runenlied und die meisten Futhorks (auf deutschem Boden zugleich altdeutsche Form); mon in Salzburg. Nach der von uns angeführten Tacitusstelle ist Mannus, Sohn des Tuisko, Stammvater der drei Stammesbünde, die der damalige Blick eines Westländers umfassen konnte; Ost- und Nordgermanen sind nicht einbezogen. Auch die Inder lassen manu- den ersten Menschen sein. Es ist uns wahrscheinlich, dass die m- Rune auf diesen mannus abzielt. Er vertritt gewissermaßen den Gläubigen in seiner Kultreihe; JORDANES würde auch ihn als semideus bezeichnen.

 

21. Laguz l: Germ. laguz 'Wasser'. Eine Einengung des Begriffs auf ein bestimmtes Wasser ist nicht vorzunehmen, wie wir oben S.198 ausgeführt haben. Es kann "Meer, See, Binnensee", "fließende Wasser" oder auch das Wasser in jeder Form meinen, dass im germ. Brauchtum, insbesondere in Kult- und Rechtsübung (z.B. als "Sumpf" oder "Strandwasser" seit jeher eine hervorragende Rolle spielte).Noch in die Nähe des englischen Runenliedes reicht das Moor hinein. Im Beowulf hat der Moorriese Grendel seine Wohnung im Meer, und seine Mutter wird als Wölfin des Meeresgrundes bezeichnet. Die Vorstellung von einem Wasserreich unter der Erde, einer "Hölle" (mit dem Zugang durch Moor und Venn) lässt sich noch deutlich zurückgewinnen. Den Angelsachsen war von ihrer alten Heimat her das Moor genau vertraut; es lässt sich deshalb, wie auch JUNGANDREAS betont, nicht einwenden, die Dichter schilderten eine Phantasiegegend. Das Wasserreich ist zugleich die Unterwelt, die dem griech. Hades entspricht. Wie Charon erscheint auch Wodan als Totenferge; und E. MOGK hat auf die Übereinstimmung eines bezeugten germ. Neptunus mit dem Totengott Wodan hingewiesen. Dass Walhall als Aufenthaltsort der Toten jung ist, wurde längst bemerkt. JUNGANDREAS glaubte in den Runen "Sonne" bis "Inguz" eine Weltanschauung ausgedrückt zu finden, die von der Dreiteilung Himmel -- Erde -- Meer bestimmt ist. Es ist die alte vanische Ordnung: der Himmel wird vor allem durch die Sonne vertreten. Er erinnert weiter an die Namen der Göttin nord. Gefjon (:ags. zgeofon 'Meer`), die zugleich Toten- wie Fruchtbarkeitsgöttin ist, an Frau Holle und die Hollenbrunnen und - teiche, BERTHOLD VON REGENSBURGS die hell ist enmitten da daz ertriche aller sumpfiges ist; an die Sitte, den Leichnam im unversehrten oder brennenden Schiff ins Meer hinaus zustoßen, damit er ins Jenseits gelange, und an die Schiffs - und Bootsbestattung auf dem Lande, die sich in den germ. Sitzen bis in die ältere Bronzezeit zurückverfolgen lässt. "Schließlich wirkt es auffällig, wenn auch die schwedischen Hügelgräber der älteren Bronzezeit auf Anhöhen mit Aussicht über das Meer oder anderes Gewässer (! laguz) angelegt werden."Auch Yngvi - Freyr ist, wie wir sahen, zugleich Gott des Meeres (durch seine Mutter Nertus) und der Fruchtbarkeit. Nertus aber, dem Meeresgott Njördr sprachl. gleich wurde als signum das Schiff zugewiesen, und ihr festlicher Umzug zeigte sie als beherrschende Fruchtbarkeitsgöttin des ingwäonischen Bereichs. Das letzte Glied bildet die sprachliche Auflösung des Namens Nertus: ai. naraka 'Unterwelt, Hölle', die Götter der Unterwelt. Noch unser ehrwürdiges Wesobrunner Gebet, das um 800 niedergeschrieben ist, kennt diese Dreiteilung: dat ero ni uuas noh ufhimil. . . noh der mareo seo; ebenso die Völuspa: vasa sandr ne saer ne svalar unnir (Bereich Meer); jorth fannsk aeva (Bereich Erde); ne upphiminn (Bereich Himmel) ; garp vas ginnungar, en gras hvergi. Nur so lässt sich auch die Bezeichnung der Erde als "Zwischenwelt" (got. midjungards) in allen germanischen Mundarten verstehen. Wir freuen uns, dass unsere Ergebnisse mit denen von W. JUNGANDREAS weitgehend zusammenfallen. Besonders halten wir fest, dass die Vorstellung der Unterwelt im oder unter dem Wasser dieses doch nicht aus seiner Verbindung mit der Sonne löst. Das lagu the leohto des Abc Nord kehrt dem Sinn nach im Wesobrunner Gebet wieder. Das wasser gilt in erster Linie als positive, segnende Macht; es ist der Quell aller Fruchtbarkeit; noch unser Märchen vom Storch als dem Übertrager des Lebenskeims ist aus dieser Auffassung erwachsen. Eines greift in das andere: der Sonnen- und Totenkult, die Himmels- und Fruchtbarkeitsgottheiten, die religiösen Vorstellungen des Bauernglaubens und der Ahnenglaube; und immer deutlicher tritt uns das Futhark als bewusste germanische Weltordnung entgegen. Das Wasser hat also im germanischen Kult eine überragende Rolle gespielt. Freilich ist es bildlich kaum darzustellen; deshalb trat als sichtbarer Vertreter häufig der Fisch ein. Schon auf einem Stein des bronzezeitlichen Kivikgrabes kommt das Fischbild vor; ferner auf bronzezeitlichen Speerspitzen und Rasiermessern. Erwägenswert ist auch A. NORDÉNS Gedanke, Vogel und Fisch auf Eggjum gehörten nicht zu einer skaldischen Umschreibung für den Namen des Toten, sondern zu einer Beschwörung: der Fisch soll den Toten (in die Unterwelt s. oben) fortschleppen oder ihn dorthin locken, der Vogel den Wiedergänger zurück ins Grab "singen" (galan; vgl. galdrar als Name der Zaubersprüche(.Auch die zahlreichen Schiffsbilder auf Gallehus können (ungeachtet der keltischen Beeinflussung andrer Ornamente) gut germanisch sein. Der Fisch würde auch auf Eggjum das Wasser vertreten. Nach alter Vorstellung nimmt die Ebbe die Toten zu sich und führt sie fort, sie ist ja das Strömen zu einer geheimnisvollen Welt, das nur in solcher Ausdeutung einen Sinn erhält. Die Flut aber bringt das neue Leben. Gerade die Wiedergänger und sonstigen Missetäter wurden deshalb, wie noch die Grettissage berichtet, am Strand begraben, den die Ebbe trockengelegt hatte: das Meer sollte sie bei erneutem Abschwellen mit sich hinaustragen. Ebenso verordnet das Gulatinglag (NORDÉN), dass alle Toten in geweihter Erde beigesetzt werden sollen außer Missetätern, Verrätern an ihren Herren, Mördern und Selbstmördern, Friedensbrechern und Dieben; die sollen begraben werden, wo Meer und grünes Gras zusammentreffen -- also wiederum am Ebbstrand. Die uns ausführlich erzählte Beisetzung des alten Skallagrim durch seinen Sohn Egil zeigt deutlich in welchem Maß Nachtzeit (Eggjum: ni' 's solu sott) und Wasser zusammengehören, um den Toten zu bannen und dauerhaft unschädlich zu machen. NORDÉN hat auf einen von Kreta und Kleinasien bekannten Brauch hingewiesen, Tote, die als Wiedergänger erscheinen, von neuem auszugraben und auf einer Insel beizusetzen: nun verhindert das Wasser ihre Wiederkehr. Die Vorstellung von der reinigenden Wirkung des Wassers, die uns heute als seine hervortretendste Kraft erscheint, ist also erst aus der entstanden, dass es den Toten aufnimmt und unschädlich macht. Indem es das Schädliche zunichte machte, war zugleich die positive Wirkung gegeben: Schaden und Heil liegen wiederum über einem Grund. Über die deutlichen Hinweise auf das Ebbwasser als totenbindende Macht, die sich aus der Geschichte vom toten Torolf Bäggefot entnehmen lassen, ist bei NORDÉN nachzulesen. Es ist ohne Belang, wenn derartige Vorstellungen auch bei anderen Völkern vorkommen und dort vielleicht noch früher belegt sind als bei uns. Uns kommt es nur auf den Nachweis an, dass diese Anschauungen zur frühen Runenzeit bei den Germanen lebendig waren. Auch in diesem Fall mussten wir uns über das, was die Runenlieder noch wissen, weit zurücktasten. Von der sturmbewegten See spricht Ags; vom Wasserfall, der vom Berg stürzt, Norw.´Nässe ist hervorquellendes Wasser und weiter Kessel und der Fische Land` heißt es in Isl. Nur die Vieldeutigkeit von laguz ist gut gewahrt, Abc Nord nennt lagu the leohto ´das helle Wasser`; es ist das einzige schmückende Beiwort des Gedichts und wie ein letztes Ergänzen der im Wasser niedergelegten Sonnenscheiben. Die englische Überlieferung hat lazju (Runenlied Salzburg) sowie lago in den meisten festländischen Runenreihen, das also eingedeutscht ist. Im Nordischen belegen die beiden irischen Futharke lagor bzw lägor (mit auslautendem -r statt -s wie in or. diur). Die Runenlieder haben logr (lögr); in der gesamten bislang herangezogenen Überlieferung ist also der gutturale Konsonant ein eindeutiges g. Das heben wir hervor, weil W. KRAUSE die Auffassung vertritt, der eigentliche Runenname sei laukaz ´Lauch` gewesen. "ja, zur höchsten Wahrscheinlichkeit erhoben wird diese Vermutung durch die Bezeichnung der l- Rune in Leiden " Wir halten die Wahrscheinlichkeit für recht gering. Leiden schreibt laukr und in der lateinischen Inschrift laucr. Diese letzte ist wohl das Wort ´Lauch`. Die Runenfolge aber ist ebenso laugR zu lesen wie hagal in der Schreibung hakal; der Norden hat in dieser Zeit ja keine eigene g- Rune. In laukr liegt, wie längst erkannt ist, ein Fehler für lakuz (oder möglicherweise laukuz) vor; d. h. u und k sind vertauscht (oder das u ist einmal zu wenig geschrieben). Die Vorlage des 9. Jahrh.s. enthielt nur die Namen in Runen. Des Schreibers des 10. Jahrh.s. konnte, wie wir aus den übrigen Namen sehen, zwar das Nordische verstehen, brachte aber keine Erkenntnis der Runennamen mit. Die Schreibung laugR war ihm unverständlich; mit einer Lesung laukR dagegen erhielt er ein sinnvolles Wort und setzt demgemäß in die lateinische Umschrift, die seine Zutat war, laucr ein.Von einer "zweimaligen Verschreibung" in Leiden ( so KRAUSE) ist also keine Rede. Auch die Form locr des Cod. Cotton. Galba A2 ( um 1000), die KRAUSE gar nicht kennt, kann sein *laukaz nicht retten. Als letzte gewichtige Stimme tritt der gotische Buchstabenname laaz in Salzburg hinzu, dessen zweites A wie in aza und uraz zu beurteilen ist. In laaz ist (ebenso wie in haal, daaz) dass intervokalische -g- zu (alte Spiranz) unterdrückt, während -k- erhalten geblieben wäre.Zum Ansatz von laukaz ist KRAUSE aber gar nicht aufgrund der Überlieferung der Runennamen gelangt, sondern er glaubt, dass der Lauch im Kult eine größere Rolle gespielt habe als das Wasser! Bekanntlich steht das Wort laukaz in dieser Form oder in verkürzter Schreibung auf einer ganzen Reihe skandinavischer Denkmäler. Dass würde aber bereits entscheidend gegen den Ansatz von laukaz als Runenname sprechen. Denn nicht ein einziges Mal ist in alter Zeit zum Beispiel der Name sowelu oder ansuz oder tiwaz ausgeschrieben, obgleich über ihre Bedeutung im Kult kaum ein Zweifel herrscht und wir auch ihre Sinnzeichenrunen sowelo, ansuz, tiwaz vielfach finden: diese Anwendung bedeutet eben für den eingeweihten volle Schreibung. Dagegen sind die Wörter, die im Kult eine Rolle spielen aber keine Runennamen sind, begreiflicherweise ausgeschrieben oder verständlich abgekürzt: alu, al, lau neben a =ansuz, erilaz (teilweise mit Binderunen) neben e=ehwaz, auja neben a=ansuz und ebenso lathu (lthu) und laukaz, lkaz, lkz, ukaz neben l= laguz. Dass die bescheidene Rolle des Lauchs aber die des Wassers in Kult übersteige, brauchen wir wohl nicht mehr zu widerlegen. In den Alvissmal (str. 34) erscheint logr als Name des Biers, dass uns als heiliges Getränk bekannt ist. Vielleicht leitet sich die Kultformel alu doch, wie frühere Forscher wollten, von germ. alu (th) "Bier" und nicht von alh "Schutz", worüber oben S.211 gehandelt ist, her.

 

22. Ingwaz ng: Germ. inguz ´Gott Inguz`. Ags. ing im Runenlied, Salzburg usw.; cod. Cotton. galba A 2 und der Brüsseler Isidorcodex, St. Gallen und Brüssel haben inc, was wohl die Aussprache des nicht mehr flecktierten Namens richtig wiedergibt. Wie sich aus dem Namen Tencteri oder finnischen Lehnwörtern wie rengas ´Ring` schließen lässt, lautete der Name zur Zeit der Aufnahme der Runen wohl noch Enguz; doch ist in diesem Fall der Anlaut ohne Belang. Der Name liegt wohl ausgeschrieben auf Wjinaldum vor. Deutlich ist er auch im gotischen Buchstabennamen enguz erhalten. enguz meint in der gotischen Schrift den Buchstaben X, den WULFILA für seine Nömen sacrum nicht entbehren konnte. Dass als Name für die Runen des Gottessohnes ausgerechnet der alte Heidengott gewählt wurde, spricht wie anderes für die Weitherzigkeit WULFIlAS (der die Runen nur deshalb verwarf, weil sie ihm keine Buchschrift ergaben. Warum WULFILA gerade den Namen inguz, der bei ihm iggus geschrieben wäre, gewählt hat, läßt sich wohl ergründen. Das X Zeichen fiel mit seiner g-Rune zusammen. Ein ng Zeichen brauchte er nicht mehr, da er die griechische Schreibung yy übernahm. Der Name iggus war also frei und fand auf jenes neue Zeichen Anwendung, das der g-Rune formal und lautlich am nächsten stand und noch keinen Namen hatte. Viel bemerkenswerter als got. enguz ist die Aufnahme des Namens in das so betont christliche altenglische Runenlied; noch dazu mit einem Vers, der deutlich auf alte Überlieferung weist: "Ing wurde zuerst unter den Ostdänen von Männern gesehen, bis er darauf ostwärts über die Wogen dahinfuhr. Sein Wagen schwamm nach. So nannten die Hazdingen den Helden." Noch diese Nachricht weist zurück ins alte Ingwäonengebiet (nach Jütland) und zum Kult der Nerthus; ihr Wagen rollt nun mit Inguz. Wenn die Tradition von den Hasdingen zutrifft (und es ist nicht ersichtlich, aus welchen Gründen sie später zugelegt sein sollte), trägt Ing einen ursprünglich bei den Wandalen aufgekommenen Namen, als deren hasdingischer Volksteil noch in Jütland saß. Der Beowulf gebraucht Skjöldunge und Ingwine gleichbedeutend. In diesem Fall scheint uns eine den Ingwäonen zukommende ruhmreiche Ahnentafel von den Dänen mit deren Einrücken in die altingwäonischen Gebiete übernommen zu sein. Ältest ist wohl der Eponym Skjöld (vgl. die gleich gebildeten Namen Hamdir ´Kampfhemd` und Sörli ´Rüstung`), auf den Ings Taten übergingen, und dann sind die Sköldungen für die Nachkommen Ings eingetreten. Diese müssten aber Inglinge heißen (vgl. die Ynglingasaga), und nur als ihr Herr (frea) oder Zaun (eodor) könnte Hrödgar bezeichnet werden. Das Wort Ingwine ist also zu Unrecht von den Agnaten des Gottes ausgedehnt auf ihr Volk; die Überlieferung muß noch beides gehabt haben. Die Trennung ist im Norden -- hier stimmen wir mit ECKHARDT nicht überein -- deutlich bewahrt: der gott hieß Inguz, seine Agnaten aber führten den Ehrennamen (tignarnafn) Ing-wine. Noch Kapitel 17 der Ynglingasaga berichtet, dass jeder der Agnaten Yngwi (wie der göttliche Ahn) oder Yngun ´Ing-Freund`, Ing-Verwandter geheißen sei "aber Ynglinge heißen sie alle zusammen". Uns scheint die Deutung als "Ing-Freunde" aus vanischem Geist einleuchtender: die Vanen sind ja die Freunde aller Menschen und haben daher ihren Namen. Dazu stimmt auch Saxos König Ungwinus. Dass der Name der Angeln mit Ablaut zu dem der Ingwäonen und damit zu Inguz gehört, wusste der Verfasser des Runenliedes gewiss nicht. W. KELLER weist aber darauf hin, dass sich zur Darstellung des Lautes ng für einen Angelsachsen in erster Linie der Name der Angeln einstellen musste. Die Namen sind also wiederum älter und sie weisen deutlich in das altingwäonische Gebiet unserer Moorfunde.G. VAN LANGENHOVE hat die Schöpfung einer besonderen ng-Rune mit Recht als auffällig bezeichnet. "dass der durch die Rune bezeichnete Laut nur inlautend im Germanischen vorkommt, ist an sich kein genügender Grund, erstens ein besonderes Zeichen für ihn zu erfinden, da ja das Runenalphabet den damaligen Lautstand zu erschöpfen nicht bezweckt, zweitens, in der Benennung auffallend auszuzeichnen."Die Benennung ist aber gar nicht erfolgt, um den Lautwert ng wiederzugeben. Nach unserer Ansicht war der Sonnenkreis bereits als signum des Fruchtbarkeitsgottes in Gebrauch, als die Runen aufkamen. Das Zeichen des Kreises braucht aber weder als i noch als e in die Runenreihe einzutreten: denn beide Laute waren durch norditalische Zeichen ausreichend wiedergegeben. Der Sonnenkreis trat also mit seinem Namen in das Futhark ein; um die Wiederholung des Anlauts von isaz oder ehwaz wird den Germanen ebenso wenig gestört haben, wie die von ansuz durch algiz; oder bald auch von isaz durch ihwaz. Dann enthielt das Futhark mindestens vier signa: den Halbkreis (Kahn), der Nerthus und den vollen Kreis des Inguz; die durch zwei Halbkreise bestand, die aber nach außen gewendet waren, wie es den Alken als Sonnensöhnen zukam? Es wäre dann in allen vier signa das immer gleiche und doch ewig wechselnde Bild der Sonne eingefangen. Es ist mit Recht betont worden, dass Inguz ein nicht zu verkennender Hinweis auf einen ingwäonischen Stamm als Namengeber der Futharks ist. Zu der gleichen Auffassung ist G. BAESECKE gelangt: "es ist, als sei (mit dem ng-Zeichen) die Gelegenheit ergriffen, den Stammgott Inguz zu und damit über den anderen Göttern eigens einzuführen, und als erkläre sich so das Besondere, dass hier einmal... nicht ein Anlaut die Rune kennzeichnet, und dass (wie bei dem ebenfalls neuen j) die Rune ohne Stab gebildet ist. Dann wäre also das Zeichen des kleinen Karo, oder wenn man die Ecken der runischen Form beseitigt, Kreis, ein Sinnbild des Inguz... und es erklärte sich daher, dass dieses Zeichen so oft ohne Vokal gesetzt wird, d. h. für sich allein und ohne Futhark schon Ing(uz) bedeutete, und die Einreihung nach einem Inlaut, wäre nur scheinbar. Dann bestätigte sich auch die ingwäonisch-westgermanische Herkunft des Futharks. Der "mehrmalige Fruchtbarkeitsgott. Inguz--Nerthus--Fro, der bei den Nordseestämmen Verehrung genoss", ist uns vielleicht auch im Bild erhalten: zu den Bronzebildern des Himmelsgottes, die SCHWANTES beibringt, stimmt die Bronzefigur von Kong mit den erhaltenen Runen Kenaz und Othalaz.

 

23. Dagaz d: germ. dagaz 'Tag, heller Tag', vielleicht ursprünglich 'heiliges Feuer' (idg. dheguhos). Got. daaz (Salzburg) wie laaz, haal. Ags. dalz Runenlied, daelz Salzburg; in den meisten Festländischen Reihen zu tag übersetzt. Auf den Dagr der Edda hat schon MARSTRANDER hingewiesen.

 

24. Othala o: germ. othala - 'festes Eigentum; ererbter Besitz'. Vielleicht ist der zweite Vokal wie bei hagalaz als Svarabhakti zu fassen und als Grundform othla - anzusetzen. Das Englische hat (Vgl. hazgil) othila: Salzburg oethil, Runenlied ethel mit der besonderen angelsächsischen Bedeutung 'Erbgut'. Auch im Althochdeutschem kommt odil (uodil) neben odal (uodal) vor, und die Form odil, die in den Festländischen Reihen seit Tegernsee auftritt, ist wohl bewusste Übersetzung wie z. B. dorn, tag, nicht nur altenglisches Wort mit Unterdrückung des Umlautes wie in asc. Es ist schon früher bemerkt worden, dass diese Rune der ersten, fehu, begreiflich sehr nahe steht: bewegliches und festes Eigentum: beide machen das diesseitige Glück des Bauern aus und umrahmen die Kultbegriffe. Über die Bedeutung "ererbter Besitz" kommen wir trotz der geistvollen Vermutung von R. MUCH, othala - stehe in Beziehung zum Götternamen an. Odr (idg. Athos im Ablaut zu Attis) nicht hinaus.

 

Auszug aus: Die einzelnen Runen 18-24, Handbuch der Runenkunde, Helmut Arntz,2007