Die Namen der jüngeren Zeichen

 

25. Got. quertra (Salzburg). Nach unserer Ansicht als Reinform zu pertra nach dem Muster des ags. peorth: cweorth gebildet und unter 14. p behandelt.

 

26. Got. ezec z (Salzburg). Zum Namen des germ. z-Lautes, alhiz, besteht offenbar keine Beziehung (s.15. z). Die z-Schreibungen von Salzburg meinen sonst stimmloses s (und tz); ezec hat darum vielleicht gar nichts mit einem z-Laut zu tun gehabt. VON FRIESEN sah in ezec -- zweifelnd -- eine Entsprechung des got. azets; Umstellung von griechisch? MARSTRANDER dachte an germ. aiza 'Ehre'. Bedeutsamer scheint uns der Hinweis VON DER LEYENS auf die al - aisiagae in Housestads an Hadrianswall, Göttinen auf Weihensteinen des dritten Jahrhunderts. Das al - ist wiederum nur verstärkend (Vgl. alagabiae unter 7.g).

 

27. Got. chozma k (Salzburg). Nach S. BUGGE Entstellung eines got. choz<kauns, dieses Entsprechung zu nordisch kaun. Abgelehnt durch VON FRIESEN, der in chozma got. kusma sieht. Dieses habe in den nordischen Sprachen, unter denen die Runen zuerst Aufnahme fanden, keine Entsprechung gehabt und sei deshalb durch ein Wort mit ähnlicher Bedeutung ersetzt worden. In einigen nordischen Mundarten findet sich noch jetzt ein kusma f. Als Bezeichnung einer Krankheit, die sich durch Schwellung im Gesicht äußert; auch ndl kossem 'Doppelkinn' stellt VON FRIESEN dazu. Wahrscheinlich ist aber das wulfilanische Wort jünger, da eine Entsprechung zum ingwäonischen Namen der k-Rune im Got. fehlte; weiteres siehe unter 6.k.

 

28. Got. uuaer hv (Salzburg). Von GRIENBERGER ergänzt zu got. hvair und aufgefasst als germ. hwera 'Kessel'. MARSTRANDER erwägt unter Hinweis auf den Religionsgeschichtlich wichtigen Brunnen hvergelmir ein got. hvair 'warme Quelle'. Der Name kann erst den Buchstaben hv beigelegt sein, da es keine germ. hw-Rune gab.

 

29. ags. äc 'Eiche'; Rune Nr. 25 zur Bezeichnung von a. Um 400 verdumpfte - a- im Ingwäonischen in Nasalverbindungen zu ao woraus sich o entwickelte. Der gleiche Vorgang vollzog sich später im Skandinavischen. Aber dort nahm die alte a-Rune ansuz den Lautwert o an. Im Englischen dagegen bezeichnet die a-Rune ansuz nun ae. Auszugehen ist von den Runen ansuz ( zugleich ä) und othala o ( zugleich ö). Für die Verbindungen ai und an, die zu besonderen Lauten führten -- ihre Ergebnisse sind a und o (n) -- , wurden anscheinen Ligaturen aus ansuz und isa bzw. ansuz und gebo gebildet. Angesichts dieser Entwicklung konnte othala ganz auf ö beschränkt und der Runenname öthil >oethel beibehalten werden. Ebenso wurde ansuz auf den Lautwert ä beschränkt; aber der Runenname ansuz > ös konnte wegen dieser lautlichen Entwicklung nicht beibehalten werden. Er wurde lautgesetzlich Name der neuen o-Rune, unf für ä wurde -- wohl nach dem Vorbild von äc -- ein neuer Name aesc 'Esche' geschaffen. Germ. aik, ags. äc 'Eiche' (ahd. eih); der Name legt ebenfalls, wie verschiedentlich vermutet wurde, nahe, in dem Zeichen einer Ligatur zu sehen. JUNGANDREAS hatte darauf hingewiesen, dass sich im Runenlied der erste Versteil (äc ist der Menschen Nahrung) auf die Eichel, der zweite (äc fährt über Wasserhuhns Bad) auf das Schiff aus Eiche bezieht. Ac (teilweise ag geschrieben, dass mag durch ALKUIN eingeführte northumbrische Form sein) ist den Festländischen Runenreihen erhalten, steht aber teilweise fälschlich bei der Rune ansuz, während alhiz den Namen asc trägt. Beide Namen waren den deutschen Schreibern unverständlich und lauteten für sie, was die Vertauschung begünstigen musste, mit dem gleichen Laut an.

 

30. ags. ansuz aesc 'Esche', Rune Nr. 26 zur Bezeichnung von ae. Im Einzelnen siehe zur Nr. 29. a ebenda zur Vertauschung von ac und asc in den Festländischen Runenreihen. Schon VON GRIENBERGER hat nachgewiesen, dass auch dieser Vers im Runenlied doppeldeutig ist; er bezieht sich auf den Eschenbaum und den eschenen Speer. Bemerkenswert scheint uns die Form aer in dem sehr altertümlichen Codex von Salzburg. Wir sehen darin nichts anderes als die Entsprechung zu yr, ear, ior: der Lautwert ä ist mit nordischer Endung versehen. Die Form aer findet sich in Brüssel und Sankt Gallen zur Bezeichnung der eigentlich ags. Rune ea mit dem ad hoc beigelegten Lautwert z; siehe im Einzelnen unter 32 ea. In den beiden Handschriften kann (Vgl. ebendort z. B. elox, sigi) auch ear in aer verschrieben sein.

 

31. Ags. yr 'Bogen', Rune Nr. 27 zur Bezeichnung von y. Das Wort ist aus skandinavisch yr entlehnt; im einzelnen siehe unter 13 e. Brüssel und Sankt Gallen schreiben yur, dass wohl (ür) ausdrücken soll, siehe ebenda.

 

32. Ags. ear?; Rune Nr. 28 zur Bezeichnung von ea. Die gemutmaßte Bedeutung 'Kies, Schutt' stimmt nicht zum Vers des Runenliedes: ear "ist jedem Edlen furchtbar, wenn unaufhaltsam der Körper zu erkalten beginnt (und er) die Erde zum Weib erwählen (muss)": das kann nur das Grab sein. Wenn sich das Lied darauf in diesem -- seinen letzten -- Vers noch einmal zur Höhe der alten Spruchdichtung aufschwingt: "Freuden vergehen, Wonnen entschwinden, Verträge zerreißen", dann scheint das erstrecht nicht in Zusammenhang mit unserem Runennamen zu stehen. Vielleicht aber ist doch eine Beziehung vorhanden. Denn dieser ganze Vers ist zu sehr auf Abschluss und Ende gestimmt, als dass der Geistliche auf die Bedeutung von ear Rücksicht zu nehmen schiene. Dieses ear ist zudem kein angelsächsisches Wort, sondern es ist dem yr nachgebildet: Lautwert mit nordischer Endung (zu aer siehe oben Nr. 30) Hinzu tritt iar; dazu siehe Nr. 33. io. dort ist auch über den eafisc gehandelt, der als Name unserer Rune zukäme.

 

33. Ags. ior ( iar); Rune Nr. 29 ist zur Bezeichnung von io (ia). Im englischen Runenlied wird iar als Wasserfisch bezeichnet, der auf der Erde frisst. Eher als die Mitgardschlange scheint die eine sinnlose Reimerei um ein unverstandenes Wort zu sein. Denn W.KELLER hat richtig darauf hingewiesen dass die Form identisch ist mit der Entwicklung der jära-Rune im Norden um 600. Diese Form ist bereits im 6 Jahrhundert -- auf dem Stein von Noleby -- mit dem Lautwert j bezeugt. Kurz nach 600 -- auf dem Kamm von Setre -- erreicht sie lautgesetzlich den Wert a, das heißt in ihrem Namen war das anlautende j - schon geschwunden. Ags. iar führt also auf eine dem skand. är vorrausliegende Form jär und damit wiederum in die Zeit um 600 wie die yr-Rune. Die Form iar bedeutet demnach einfach die englische Aussprache (mit fallendem Diphthong) des nordischen jär. Was aber in Skandinavien ein sinnvolles Wort war, wurde für den Engländer zur reinen Lautierung, und damit ist auch ear (siehe oben 32.) als Wiedergabe des Lautes ea erklärt. In ihrem Gebrauch trat die Rune iar anscheinend ganz lautgesetzlich an die Stelle des j, also der jaer-Rune. Die Meinung, dass ear nach yr und iar gebildet sei, steht teilweise in Widerspruch zu der Ansicht, dass ear noch der ersten Erweiterung des ingwäonischen Futhorks angehöre, die in die festländische Zeit zurückreiche; iar dagegen erst der zweiten, die man nicht vor 800 anzusetzen brauchte. Diese Ansicht ist ohnehin nicht haltbar. Denn das Zeichen tritt auf den friesischen Runendenkmälern nicht auf, obgleich es lautgesetzlich zu erwarten wäre (z.B. in ädu - Westeremden A, äha- Hantum), und auch aus den englischen Denkmälern lässt sich kein Beweis dafür erbringen, dass es vor dem 7 Jahrhundert vorhanden war. Die Annahme einer ersten Erweiterung von gerade 4 Zeichen beruht nur darauf, dass das Themseschwert und einige Handschriften allein diese 28 Runen kennen. Diese Denkmäler sind aber alle kentisch, während die hauptsächlichen Erweiterungen northumbricht sind. Die Deutung des Runenliedes als "Wasserfisch". (eafisc) wäre also Spielerei doch ebenso zutreffend wie bei eolh - secg: der 'Runenname' ist in dem vollen Wort enthalten. Der Name ea kommt aber der 28. nicht der 29. Rune zu, und so hätte der Verfasser des Runenliedes ear byth eafisc schreiben müssen. -- im Einzelnen Vgl auch 12.j.

 

34. Ags. cweorth?; Rune Nr. 30 zur Bezeichnung von Q. Reimform zu peorth p; siehe im einzelnen 14.p und 25.quertra.

 

35. Ags. calc m. 'Becher'; Rune Nr. 31 zur Bezeichnung eines gutturalen k ( im Gegensatz zum palatalen k von cen).

 

36. Ags. stän m. 'Stein'; Rune Nr. 32 zur Bezeichnung von st.

 

37. Ags. gär m. 'Speer'; Rune Nr. 33 zur Bezeichnung eines gutturalen g ( im Gegensatz zu den palatalen gy lauten von gyfu, gear und iar; Nr. 33. Diese Rune erinnert wiederum an das Lautierungsprinzip der yr, ear, aer, iar, so dass die Deutung 'Speer' vielleicht nur erraten ist. Die Runen Nr. 34- 37 sind jung und werden, wie oben S.124 ausgeführt ist auch in England nur selten angewendet.Die Auswertung unserer neuen Deutung der Namen ist bereits unter den einzelnen Runen gegeben. Wir sahen dass die Benennung sehr alt sein muss; denn sie greift noch in die aus der Antike überkommene alphabetische Folge hinein und trägt zu ihrer Auflösung bei. Mit dem Wandel der germ. Religion aber treten die kultischen Aufgaben der Namen zurück, je mehr ihre Inhalte unverständlich werden. Und je mehr die alten Bedeutungen verblassen, desto leichter wird -- später durch das Christentum bewusst begünstigt -- der Name zur Spielerei. Am Eingang dieser Stufe stehen die Runenlieder. Nicht alle Namen sind uns bislang in ihrem letzten Sinn verständlich. "Aber was dasteht, ist echt und eigen, nicht halbfremd wie das meiste erhaltene Althochdeutsche, ist gewichtiger als das meiste was die deutschen Runeninschriften selbst bieten, ist der älteste und sprachlich bis auf geringe Reste wunderbar sicher überlieferte germanische Gedankenzusammenhang."

 

Auszug aus: Die einzelnen Runen 25-37, Handbuch der Runenkunde,Helmut Arntz, 2007