7. Gebog: Germ. Gebo 'Gabe', wohl ursprünglich die den Göttern dargebrachte oder von ihnen empfangene Gabe. Im Norden ist der Name nicht enthalten, da die Rune vor 800 ausstarb. Ags. zywo Runenlied, zeofu Salzburg, gebo (zugleich eingedeutscht) Tegernsee, Sankt Gallen usw. Got. geuua in Salzburg müsste wulfilanisch giba sein; es zeigt wohl deutsche und englische Einwirkung. Der Name konnte in allen Mundarten leicht verstanden und angeglichen werden. Das Englische fügt gyfu mit seinem 'die Gabe ist Ruhm und Ehre' in die ritterliche Sphäre des Liedes. Dass der Name aber einst religiöse Bedeutung hatte, zeigen die keltisch-germanischen deae Gabiae, Ala Gabiae und die römisch-germanischen Garmangabis, Friagabis (über nord. Gefjon).

 

8. Wunjow: germ. Wunjo f. 'Freude', winjo für 'Weideland' oder wulthuz eig. 'Herrlichkeit', 'Gott Ull'? Normalags. wynn für 'Wonne, Freude' in uyn Salzburg, wen Runenlied. Sankt Gallen usw. belegen huun; dass ist mit den gleichen h-Vorschlag wie z.B. his, hur, helah (statt is, ur, elah) zu lesen und meint also wun, das heißt wyn mit gleicher Unterdrückung des Umlautes wie in den asc und odil derselben Handschriften. Im Englischen steht auch dieser Name mitten in der höfischen Kultur: "Wonne genießt wer wenig von Leid, Sorge und Not weiß und selbst Glück und Freude und auch Burgen genug hat."Für das Gotische belegt Salzburg uuinne, das nach VON DER LEYEN dass ahd. winne ist. Der Form und Herkunft nach wird das zutreffen. Der Bedeutung nach kann dieses got. winja aber auch gleich anvin für 'Weideland' sein. Wenn diese Bedeutung die älteste ist, wäre das erste Geschlecht wirkungsvoll eingerahmt: mit Viehbesitz beginnt und mit Weideland das den Besitz erhöht und steigert, schließt es. Eine Bedeutung "Freude" erscheint uns auch aus urgermanischen Geist nicht möglich; aber sie ist zu unbestimmt und zu abstrakt. Man möchte dann eher noch an "Ort, wo man sich wohlfühlt": (Wohnung aus der gleichen Wurzel wie winjo und wunjo) denken, so dass die 8. Rune noch einmal auf die 4., den Asen als Beschützer von Heim und Familie zurückgriffe. Vielleicht aber ist das Auseinanderklaffen des Got. und Englischen (das Nordische hat ja auch die W-Rune aufgegeben) wiederum ein Hinweis darauf, dass ein älterer Name -- aus den gleichen Gründen wie bei k -- abgelöst worden ist. Da bietet sich vor allen Ull, der alte Himmelsgott der Vanenverehrer, der zur Eddazeit längst untergegangen ist. An einer Stelle nur weiß sie von ihm, weiß aber noch dass er einst der Gott des wärmenden und belebenden Feuers, also auch nur eine Erscheinungsform des Sonnengottes war. " der als erster die Flammen fasst" gewinnt seine Gunst. Daß Ull bei den Ingwäonen unseres alten Runengebietes verehrt wurde, schließen wir nicht nur aus den sonstigen Spuren des Vanenkults in diesem Gebiet. Die Zwinge von Thorsberg trägt den Namen wuthuthewaz ´Diener des Ull`. Ull hatte also ein Heiligtum eben in jenem für uns bedeutsamen Gebiet. Sollte er unter CAESARS Volcannus verstanden sein? Sein Name germ. wulthuz ´Herrlichkeit zeigt an, dass er der Höchste war; den Namen ´Herr` trugen Balder und Freyr. Als die Runen aber zu anderen Stämmen wanderten, und Ull auch in seinem alten Kultgebiet immer mehr zurücktrat, musste auch dieser Name umgedeutet werden. von "Herrlichkeit" ist der Weg zu "Wonne" besonders leicht, und der Priester konnte seine Interpretation weiterhin auf den Formeln aufbauen, die sich einst auf Ull bezogen. Weiteres ist unter ansuz ausgeführt.

 

9. Hagalaz h : Germ. hag(a)laz ´Hagel`. Ags. haegzl, Salzburg: haegzil, also aus hagla-, mit Sproßvokal -i-, entwickelte Formen. St. Gallen usw. haben zu hagal eingedeutscht: Neben hagil> haegzl belegt das Englische auch dem hagal entsprechendes hagol. Auch das Abc Nord hat hagal, ebenso Leiden hagal; Isl. aber hagall. nun ist die skandinavische Form des Wortes ´Hagel` hagl n. VON FRIESEN nimmt deshalb an, hagal in Leiden erkläre sich durch einen deutschen Schreiber: Die Handschrift hat aber in den Runen der Vorlage sowohl in den später hinzugefügten Namen hagal: und es wäre der einzige deutsche Einfluss in beiden. Für das Abc Nord eine Eindeutschung anzunehmen, fällt uns nicht schwer; aber auch die irischen Runenreihen haben hagal und der Cod. Cotton. Galba A2 hagol, das -- wie beorc -- angelsächsisch sein wird. Keine der von uns bislang herangezogenen Runenhandschriften zeigt also hagl-Formen. Die hagal von deutschen Schreibern stammen zu lassen, ist mindestens bei den irischen nicht angängig. Man könnte sogar darauf hinweisen, dass in noch früherer Zeit, etwa dem 4. Jahrh. u. Ztr. der Lanzenschaft von Kragehul die gleiche Form bereits zeigt: ginugahelija hagala wiju ´lauttönendes Verderben weih ich`. Aber diese Inschrift ist ingwäonisch; sie kann nicht für nordische Verhältnisse herangezogen werden. Doch sie ist wieder ein Zeugnis unseres Nerthusgebietes. Bleibt der Cod. Arnemagn. 687d 4° vom Ende des 15. Jahrh.s. der einen Text von 1300 wiedergibt: (Niv)es er snjör,snjör er hagl, hagall er runstafr. Hier ist einmalig das Neutrum hagl von dem Eponym Hagall geschieden. Die Trennung war also vorhanden, der Sinnzusammenhang bestand aber. Wir stehen nicht an, hagalaz als Runenname im Norden für ein deutsches Wort zu halten. KUHN geht, wie wir nachträglich sahen, a. O. sogar so weit, wegen der Sprossvokale von hagall und bjarkan aller nordischen Runennamen von westgermanischen Stämmen in verhältnismäßig später Zeit zu erwägen; denn hagall und bjarkan (gegenüber got. berkna), sind die einzigen Runennamen in denen Sproßvokale auftreten konnten. Der Name wurde nicht mehr verstanden und deshalb, da Tyr am Beginn des dritten aett verständlich war, gleichfalls zu einem göttlichen Wesen. Die Runen-Bilder zeigen den Namen bereits auf dieser Stufe (Hagall), wissen aber noch, dass es "das kälteste Korn" ist. Endlich wird dann auch das erste aett umgestaltet, indem fe durch den Namen des Gottes Freyr -- den die Rune Fehu seit alters vertrat -- ersetzt wird; es sind ja nun wirklich "Geschlechter" , für die man Ahnherren braucht. in keiner Erinnerung getrübt ist wiederum das englische Gedicht: "Der Hagel ist das weißeste Korn. Es wird herab gewirbelt aus der Himmelsluft; des Windes Schauer treiben es fort, und dann wird es zu Wasser". Denn nicht der Hagel ist der Grundgedanke, sondern seine Wirkung: das jäh hereinbrechende Verderben (vgl. oben zu Kragehul). Im Westgotengesetz gibt es Strafbestimmungen für Zauberer, Wahrsager und Wettermacher. Diese letzten senden durch bestimmte Beschwörungen ( incantationes) Hagel über Weinberge und Fluren. Das Baierngesetz von 743 setzt eine Buße für aranscarti ´Ernteschädigung` fest; " das ist, wenn jemand das Feld eines anderen mit Zauberkünsten bespricht". Noch die fränkischen Kapitularien von 789 bis 800 sprechen von Zauberern, Beschwörern, Wahrsagern und Wettermachern. Diese Bestimmungen zeigen deutlich, wie der Name "Hagel" zum Begriff des "Verderbens" werden konnte. Er führt wieder auf bäuerliche Kreise, und das Futhark lässt sich auch an dieser Stelle isaz -- hagalaz -- nauthiz -- jera- ( aranscarti) als fortlaufender Gedanke verstehen.

 

10. Naudiz n. Germ. nauthiz ´Not, Drangsal, Zwang, Unfreiheit`. Leiden naudr, Abc Nord: nau(t), Isl. Norw.: naudt(r). Got. nooucz = nauths in Salzburg. Ags. nyd Runenlied, naed: Salzburg. In den übrigen Futhorks ist der Vokal oft eingedeutscht, der Konsonant englisch: nöd in St. Gallen usw. Die Grundbedeutung ist (später) "Unfreiheit" gewesen; zunächst wird es die durch isaz und hagalaz erwachsende "Not" gewesen sein, die zur Aufgabe der Freiheit zwang. Isl. und Norw. haben mit ihrer "Knechtschaft" also nur wieder die Endbedeutung bewahrt (vgl. das Motto), und die n-Rune gewinnt auch rechtsgeschichtlich hohen Wert .H. GUENTERT suchte aus der Form ein Verständnis die Bedeutung zu gewinnen: Naudiz sei das Kreuzeszeichen, das Gefahr abwende, indem es zu dem beschützten Gegenstand Eingang und Zugang verwehre. Noch heute kreuzt der Bauer zwei Besenstiele am Eingang zum Tor, wenn er seine Tiere vor bösen Mächten schützen will. aber die Form entspricht dem norditalischen Buchstaben n und wir haben kein Zeugnis dafür, dass die Rune apotropäisch war. Wer das Futhark lesen will, müsste es etwa so tun: "Eis und Hagel bringen Verderben und führen zur Knechtschaft, Fruchtbares Jahr und reiche Ernte aber ist Abwehr aller böser Gewalten."

 

11. Isa i: Germ. isa-(eisa)-?) ´Eis, schleichendes Unheil`, Leiden is, Abc Nord: is, Norw. Isl. iss. Ags. is; in den festländischen Futhorks teilweise Kennzeichnung der Vokallänge durch iis in St. Gallen usw.; ebenso got. iiz in Salzburg. Die nordischen Gedichte zeigen deutlich, wie jung ihre Ausdeutungen sind: "Eis ist die breite Brücke" sagt Norw. "Eis ist Flußrinde und Dach der Woge" Isl. Auch das englische Lied spricht gefühlvoll von der " Flur vom Frost gewirkt, schön anzuschauen". Die Runeninschriften haben dagegen sehr lange den alten Sinn bewahrt. Mit drei i-Runen soll zu Ausgang des 11.Jahrh.s. ein Krankheitsdämon beschworen werden; auf der Kupferplatte von Sigtuna, Uppland, heißt es:af thiR thriaR thraR ulaf thiR niu nothiR ulfr i i i isiR thisi isiR auki is uniR ulfr niut lufia ´bekomm dreifaches Leiden, du Wolf! bekomm dreifaches Not, du Wolf! i i i die Eis(runen), diese Eis(runen) mögen bewirken, dass du dich zufrieden gibst, du Wolf!. Genieß des Zaubers!` Daß dem Eis in der Urzeit nach SNORRIS Bericht besondere Bedeutung zukam, das Leben sogar aus dem Eis entsprang, wird von VAN LANGENHOVEN betont. Es ist möglich, dass wir bei der Deutung dieses Namens, der ja auch etymologisch nicht unterzubringen ist, noch zu vertieften Erkenntnissen gelangen.

 

12. Jera j: Germ. jera- n. ´fruchtbare Zeit, Ernte. Ags zjer, im Runenlied zjaer in Salzburg, ger in St. Gallen usw. Die Hrabanischen Alphabete suchen teilweise mit gaar, zar u.ä. einzudeutschen (ahd. jär).Im Norden schwand anlautendes j; der zu erschließende Runenname jär musste desbalb zu är werden. Leiden hat Ansuz Raidho; die Umschrift ae ist fehlerhaft: Abc Nord ar: Got. zjaar ist im Vokal rein deutsch, im Anlaut angelsächsisch: Ebenso schreibt Salzburg z. B. chuaun statt got. oethun und zjah, statt got. jah ´und`. "Der norwegische Name är steckt in einer alten Form jär auch in dem englischen Runennamen iar; s. dort."Germ jera ist lautlich, aber nicht inhaltlich das deutsche ´Jahr`. Nach dem englischen Lied ist "Jahr der Menschen Hoffnung, wenn Gott, der heilige Himmelskönig, die Erde herrliche Früchte für Arme und Reiche hervorbringen lässt". Die Bedeutung ist also "Ernte", und diese Bedeutung ist nicht englisch, sondern skandinavisch. Es bestehe damit nicht nur formale Beziehung zwischen der englischen und nordischen (alten) j-Rune, sondern auch eine inhaltliche Verbindung: In Norw. ist "Gutes Jahr der Männer Glück". In Isl. außerdem "guter Sommer und vollreifer Acker". Dass es bäuerliche Kreise sein müssen, denen die Begriffe "Jahr" und "Jahresertrag, Ernte" eines sind, brauchen wir kaum zu betonen. til ars "für die Ernte" wurde das erste der jährlichen drei großen nordischen Feste, zu Eingang des Winters gefeiert. Eine Bedeutung "menschliche Lebenszeit", die VAN LANGENHOVEN erwägt, ist nicht zu erschließen. Vielleicht aber haben genau wie bei naudtr ´Knechtschaft` die nordischen Gedichte und das von ihnen beeinflusste englische wiederum nur das Ergebnis bewahrt. Wenn die Deutung der j-Rune aus zwei Halbkreisen das Richtige trifft, wird die Rune zunächst die gedeihliche Wirkung der Sonne bezeichnet haben; daraus ist, wie im Fall Ackersnote-Unfreiheit, dann Ackerzeugen-Ernte geworden.

 

13. Eiwaz e: Germ. eihwaz 'Eibe'. Ags. eoh im Runenlied, ih in Salzburg; auch in Sankt Gallen usw. (wo dem Zeichen willkürlich dem Lautwert k beigelegt ist). Der Brüsseler Isidorcodex hat ih als Lautwert von Eiwaz während der Name iw lautet. Dieses iw ist die richtige angelsächsische Form (gebrochen eow), während eoh, ih nur für die Rune gebraucht wird und noch im Mittelalter als yogh, yok den Buchstaben zj bezeichnet. eoh, ih stimmt aber zum Althochdeutschen, das iha neben iwa kennt; die Brechung setzt sehr alte Entlehnung voraus. Da ei bis auf sehr alte Belege (Alateivia am Niederrhein, teiwa Negau B, runko - teivas im Finnischen) germ. allgemein als i erscheint, ist der Name zu den meisten Stämmen des Nordens wohl schon als ihwaz gekommen, woraus sich beim Schwund der Entsilbenvokale lautgesetzlich iuz entwickelte. Dieser Name trat, als die Rune Eiwaz ausstarb (es mag gegen 550 gewesen sein), anstelle des Namens der alten z-Rune (Algiz siehe dort): Norw. yr 'Eibe' , Isl. yr 'Bogen (aus Eibenholz)' abc Nord: yr. Leiden hat ir bei der Rune z; über diese Form haben wir oben Seite 169 gehandelt. Wie jär ist bezeichnenderweise auch diese nord. Form yr ins Englische entlehnt, und zwar als Name der y-Rune, die der Form aus nach aus Uruz und Isa entstanden ist. Der Vers des Runenliedes "yr ist allen Edelingen und Edlen Freude und Ehre auf dem Pferde schön, ein sicheres Kriegsgerät auf der Heerfahrt" weist deutlich auf den Bogen, nicht mehr auf die Eibe."Eine punktierte u-Rune zur Bezeichnung von y oder o tritt im Norden im 10 Jahrh. auf. Ihre Form kann von der englischen beeinflusst sein; dass ist aber ohne Belang für die Entstehung des englischen Runennamens". In England ist der i-Umlaut um 600 anzusetzen; in diese Zeit müssten wir die Entstehung der y-Rune und ihres Namens rücken. Nun lässt sich der Laut y (ü) im Norden bereits auf 650 nachweisen; er wurde durch die Runen iu oder auch nur u bezeichnet (Vgl. Björketorp und Stentoften). Das älteste sichere Beispiel dafür, dass der R-Laut (das alte Z) sich einem r näherte, bot uns der Stein von Istaby (um 675) mit seinem AfatR statt Afatr. Der alte Name iuz muss also bald nach 600 yR gelautet haben und konnte von den Engländern als yr übernommen werden. Von Seiten der englischen Philologie lassen sich, wie auch die Ausführungen W.KELLERS ergeben, diese Ansätze nur stützen. Die einzigen absolut datierbaren Stellen sind wieder die 4 CYNEWULF -Dichtungen. Nur in der Elene (V. 1260) gibt aber zjnornode als 'der (unbenutzte) Bogen trauerte' überhaupt einen Sinn, so dass wenigstens aus dem 8 Jahrh. der Runenname yr 'Bogen' bereits bezeugt ist. Das Runenlied gebraucht -- ebenso wie mit zjer und iar -- mit eoh und yr mithin zweimal den gleichen Namen, ohne sich dieser Verwandtschaft bewusst zu sein. Die Eibe ist zum Zauberbann besonders geeignet: wir erinnern an den Spessartspruch "Vor den Eiben kann kein Zauber bleiben." Ihre Verwendung als Friedhofsbaum mag auf ihre bannende Kraft zurückgehen. Die friesischen Denkmäler von Arum, Britsum, Westeremden A und B sind gewiss nicht zufällig alle aus Eibenholz. Dass sich vor der Eibe auch das stürmische Meer ducken muss, spricht Westeremden B zweimal aus. Das englische Runenlied sagt von der Eibe sie sei "ein Baum mit rauer Rinde, hart, felsenfest"; von der Birke aber: "sie ist schön in ihren Zweigen: Hoch in der Spitze rauscht sie lieblich, beladen mit Blättern, von der Luft bewegt", Der Gegensatz zwischen dem düstern Eibbaum und lichten Birke wird dadurch gut ausgedrückt, doch sie ist uns nicht sicher, dass der Dichter auf alter Erinnerung fußte die e-Rune heißt ehwaz., mit ihr viel die ê ,- Rune, deren Anlaut die Stufe eines geschlossenen e sehr früh erreicht haben muss, lautlich so sehr zusammen, dass diese Beziehung auch für den Germanen deutlich geworden sein muss. Es scheint möglich, dass die Ähnlichkeit mit dem e, das ehwaz hieß, die Wahl des Namens mitbestimmt hat.

 

14. Perthro p. Germ. perth-. Ags. peorth Runenlied, peord in Salzburg, perd in St. Gallen usw., also wieder gebrochene und ungebrochene Formen nebeneinander. Got. pertra in Salzburg, das gemäß der Schreibung der Handschrift zu perthra aufgelöst werden darf. Da der Name im Germanischen allein zu stehen scheint, ist an Entlehnung aus dem Keltischen gedacht worden. C. MARSTRANDER ex voto ´der Perta auf Grund eines Gelübdes (geweiht)`. Daraus erschloss er eine gallische Göttin Perta und weiter, da nach seiner Ansicht das Futhark nur aus Namen von Göttern besteht, einen Buchstabennamen perta in der dem Germanischen als Vorlage dienenden altkeltischen Namenreihe. Dies alles beruht einzig darauf, dass der Buchstabe q im Ogom den Namen qert 8sprich kwert) trägt und die q-Rune im Altenglischen cweorth heißt. p ist aber in einem Teil des Keltischen aus dem im irischen als q bewahrten kw entstanden. Die q-Rune ist ein ganz spätes Zusatzzeichen zum englischen Futhork. Sie wurde im 8. Jahrh. gebildet um dem Q der Lateinschrift eine Entsprechung zu geben. Da q im Alphabet auf p folgt, erhielt es den auf peorth reimenden sinnlosen Namen querth-. Ebenso wurde in Salzburg dem q der "gotische" Name quertra als Reimform zu p pertra gegeben; dem angelsächsischen Schreiber sind wir in der angeblichen gotischen Reihe schon oft begegnet. Alle Erörterungen über einen alten Runennamen des q (JUNGANDREAS) erwägt ein germ. kwerthros ´Köder` greifen deshalb ins Leere; denn zu WULFILAS Zeit gab es noch keine q-Rune. Auf der Stufe der q-Rune stehen die englischen iar und ear. Wir werden sehen, dass die Runen dieser Schicht überhaupt keine bedeutungsvollen Namen mehr erhielten, sondern (mit skandinavischer Endung!) lautiert wurden. Die q-Rune ist begreiflicherweise in England gar nicht mehr eingewurzelt; das zeigt sich schon an ihren wechselnden Formen. Wahrscheinlich enthalten die Futhorks von St. Gallen und Brüssel die älteste Form: also-- wie der Runenname --nur eine kleine Differenzierung der p-Rune. Im -- jüngeren englischen Runenlied (mit willkürlicher kleiner Abweichung) die Form der nun im Futhork vorausgehenden ear-Rune. Eine dritte Form ist ebenfalls belegt; das ist erneut die p-Rune mit Umstellung der unteren Beistäbe. Eine vierte belegt das Abecedarium von St. Gallen; das ist einfach die jüngere nordische k-Rune (wie sie z.B. im Abc Nord steht). Auf dem Kreis von Ruthwell endlich steht k statt der sprachlich geforderten q-Rune. Auch die Verse des Runenliedes reichen bekanntlich nur bis ear. Wir wollen damit nicht behaupten, dass perth- ein verständliches germanisches Wort sei. Bekanntlich steht es um die Wörter mit idg. b-Anlaut sehr schlecht; und es ist glaubhaft, dass unter den kultisch bedeutsamen Wörtern keines mit germ. p- war. Da aber der -- im Inlaut ja häufige -- Buchstape p sein Zeichen hatte, musste er auch einen Namen erhalten. Bezeichnenderweise steht darum p an seiner alten alphabetischen Stelle: an den Umstellungen, die durch die kultische Zusammengehörigkeit einzelner Namen bedingt wurden, nahm es nicht teil."BUGGE dachte an ein germ. perthro ´Tanz` auf Grund des engkischen Runenverses "peorth ist immer Spiel und Scherz dem Reichen, wo Krieger im Biersaal fröhlich zusammensitzen". W. JUNGANDREAS führte das englische Wort auf germ. pezda-´Sehne` zurück und erschloss daraus eine englische Entwicklung zu peorth ´vulva` bzw. penis`. Das ´Spiel` (pleza) wäre dann ein ludus Veneries. Es ist immerhin eingewendet worden, dass eine solche Deutung zu der sonstigen altenglischen Prüderie in Widerspruch stehen würde.

 

15. Algiz z: alhiz/algiz ´Elch, Abwehr, die göttlichen Zwillinge`. Ags. eolhcz im Runenlied, Lautwert zc; ilcs in Salzburg (l & zc); ilizc Brüsseler Isidorcodex (zc eloc elosc in St. Gallen und Brüssel (zc); (h)elah hrabanische Alphabete (cz). Die natürlichste Auflösung ist die von dem letzten Wort aus: ahd. elah(o) ist ´Elch`, ags. eolh. Die Schreibung eolh-cz des Runenliedes gibt also den Namen zugleich mit dem angehängten Lautwert; und dieses unmögliche Wort spiegelt sich in den ilzx und elocz usw. die nun vollkommen sinnlos sind."Nach dem Runenlied müsste der Name eolhsceg sein. secg kann ´Schwert`, aber auch ´offenes Meer` meinen; beides führt ebenso wenig weiter wie der Hinweis auf ags. eolhsand ´Bernstein` und gärsecg, wie die See nach ihren Klippen heißt. VAN LANGENHOVEN will eolhsecg diesem gär- gleichsetzen und gelangt zu einer Bedeutung ´Klippe`, noch älter ´Steinhaufen` (mit Hinweis auf Hrungnirs steinernes Herz in Form eines Dreizacks), ohne u. E. damit den ursprünglichen Sinn zu treffen. Wir hatten 1935 eolhsecg mit ´Schiff` übersetzt und halten diese Übersetzung auch jetzt noch nicht für verfehlt. Das ganze Wort ist aber u. E. nur gewählt, um in seiner Zusammensetzung den Laut zc, d. h. nach englischer Schreibung hs (und ks), zum Ausdruck zu bringen. Der Vers bezieht sich daher nur in seinem Eingang ´eolhsecg wurzeln im Sumpf` auf die Pflanze "Elchschwert"; alles Übrige weist noch auf den Elch der "wundet hart, bedeckt mit Blut jeden Krieger, der ihn angeht". Der Lautwert z wurde im Englischen früh überflüssig, da dieser Laut entweder schwand oder in r (s) überging. Es ist möglich, aber nicht notwendig anzunehmen, dass die Verwendung der freien Rune für zc schon unter dem Einfluss der Lateinschrift erfolgte. Wir haben den alten Namen der Rune früher als germ. algiz aufgefasst. Die Benennung dieses norditalischen Zeichens älteste Grundform stand dem Germanen frei, da auf -z beliebig viele Hauptwörter endeten. Der Lautwert z musste aber durch einen Auslaut ausgedrückt werden, da z im germanischen Anlaut nicht vorkam. Man erwartet deshalb in diesem Fall der freien Namenswahl ein kultisch besonders bedeutsames Wort, das uns mit ags. eolh ´Elch` nicht gegeben schien. Das nächstliegende Wort, das nicht mehr verstanden zu "Elch" (germ. alhiz) geführt haben konnte, war germ. algiz ´Schutz, Abwehr` zu griech. ´Wehr`; vgl. ags. ealgian ´schützen`, wohl auch got. alhs ´Heiligtum`. Anscheinend, so nahmen wir an, fasste der Germane die Buchstabenform als ein Paar gespreizter Hände auf; daraus würde sich am ehesten die Vereinfachung zu einem Hauptstab mit zwei abgehenden Beistäben erklären. Derartige Hände sind uns auf dem Bildstein von Anderlingen aus Altingwäonischem Gebiet und auf der Sonnenscheibe von Tanum begegnet. Mit abwehrend gespreizten Händen ist der Runenmeister noch auf dem Stein von Krogsta (Uppland, um 500) dargestellt. Die Hand ist aber nicht nur feindselig abwehrend. In ihr kommt besonders deutlich zum Ausdruck, dass jeder Schadenswirkung auch eine Heilswirkung entspricht: jede Abwehr ist zugleich ein Schutz und so sind alle Runen doppelsinnig. Die "hilfreichen Hände" reichen nach Ausweis der Felsbilder in die früheste Stufe der germanischen Bilddarstellungen, sie gehören aber auch noch zur festen Formel der eddischen Dichtung. Als Sigurd die Walküre erweckt, spricht sie diesen Hymnus.

 

"Heil dir Tag! Heil euch, Tagsöhne! heil, Nacht und Nachtkind! Mit holden Augen schaut her auf uns und gebt uns Sitzenden Sieg!

 

Heil euch, Asen! Heil euch, Asinnen! heil dir, fruchtschwere Flur! Rat und Rede gebt uns Ruhmreichen zweien und heilkräftige Hände!

 

Es ist nie beachtet worden, dass ein großer Teil der Angerufenen unmissverständlich alten Runen entspricht, die jeweils in kultischer Dreiheit auftreten. d und m sind Tag und Tagsöhne, ei ist das Nachtkind, die düstre Eibe. Die Sonne s soll auf die Vermählung (ng) scheinen und Sieg (t) verleihen. In der zweiten Strophe werden die Asen (a) und Asinnen (b) angerufen und die "fruchtschwere Flur" -- eine bessere Übersetzung der j-Rune als alle von den Liedern gegebenen. Um Gaben und Weisheit (g und?) werden die Himmlischen angefleht -- und um die heilkräftigen Hände (z).

 

Der Norden hat die alte Rune zwar bewahrt, ihr aber den Namen der Eibenrune yr gegeben. Für den alten Namen liefert uns der Norden keinen Beleg. Da die Eibe, wie wir sahen, Zauber bannt, würde dem Ersatz einer Rune, die "Abwehr" bedeutete, durch die Eibenrune auch nichts im Weg stehen. Aber auch ein Name "Elch" würde diesen Vorgang erklären. Die Runen Eiwaz,Perthro, Algiz folgten einander im Futhark unmittelbar. von ihnen starb perthro anscheinend besonders früh aus, so dass eiwaz und algiz zusammenrückten. Sie trugen in späturnordischer Zeit die Namen iuz ´Eibe`, und etwa aelgjz. Zur Laubezeichnung auch eiwaz längst überflüssig geworden, da sein Anlaut vom i des Isa iss nicht abwich. Bei aelgjz war der Auslaut kennzeichnend; aber dieser war mit iuz ebenso gegeben. Nimmt man nur an, dass der Elch in dem Gebiet, das die Vereinfachung der Runenreihe durchführte (also in Südnorwegen oder Westgötland) bereits dem Blickkreis entschwunden war, dann kann das Eintreten von iuz und aelgjz kein Erstaunen wecken. Unsere Zweifel an einem Namen, der schlechthin "Elch" bedeutete, sind durch die neue Forschung vollauf bestätigt worden. Nicht "Elch" ist die Grundbedeutung, sondern die Elchgestalten verehrten göttlichen Zwillinge, die ´alcis`. TACITUS berichtet vom Kult zweier Götter, die den griechischen Dioscuren, also den Brüdern Kastor und Pollux, entsprachen. Im Gebiet der Naharvalen (auf dem Zobten bei Breslau?) befand sich ihr heiliger Hain; ihr Priester trug weibliche Kleidung. "Sie werden wie Jünglinge, wie Brüder verehrt." Ihr Name ist Alcis, ´die Elche` (vgl. das gleiche Wort, im Plural alces, bei CAESAR, idg. ölkis; dagegen olkis in an. elgr). H. ROSENFELD, der den Namen zuerst so gedeutet hat, ist zu dem Schluss gelangt, dass die Zwillinge in Elch- oder Hirschgestalt verehrt wurden. Ihnen entsprechen im Indischen die Asvinas (zu asva- ´Pferd` germ. Rune ehwaz; auch an die stets paarweise und gekreuzt auftretenden Pferdeköpfe an den Hausgiebeln ist, erinnert worden. Die Brüder sind Gestalten unseres indogermanischen Sonnenkultes: " Indische und lettische Mythen kennen sie auch als Göttersöhne, die um die Sonnengöttin, oder auch um zwei Sonnentöchter freien." Vermenschlichte Alken sind die vandalischen Hasdingen Rhaos und Rhabdos im 2. Jahrh. (germ. raho ´Rahe`, der Asen (germ. ansuz ´Balken` und zeigen, wie die Haus- und Familiengötter der neuen Religion sich mit dem Erbe des alten Vanenglaubens zu einem harmonischen Ganzen fügen.Ursprünglich erscheinen die Alcis jahresmythisch. Schon G. KOSINNA sah in den "Zweigöttern" der Felszeichnungen ein bald verbundenes, bald feindliches Brüderpaar, eine Spiegelung der beiden großen Jahreszeiten im nordischen Naturleben des Sommers und des Winters. Sie leben fort im Maigrafen und Wintergrafen. Sie scheinen im Futhark als verschlungene Einheit aufzutreten, aber auch Isa und Jera spiegeln sichtbar den Jahreszeiten Mythos diesmal als getrennte Erscheinungsform. Nun ist uns die eigentliche Bedeutung der Elchrune gegeben. Sie entspricht würdig der Inguz-Rune, deren Benennung den Germanen gleichfalls durch keine italischen Lautwerte vorgezeichnet war. F. ALTHEIM und E. TRAUTMANN haben für die Form und ihren Zusammenhang mit kultischen Hirschdarstellungen Beispiele aus nordischen und italischen Felszeichnungen beigebracht. Sie erwägen überdies, dass die Form als das Doppelgeweih des Elchs aufgefasst worden sei. Wir glauben, dass unsere alte Deutung sich mit der neuen verträgt. Zwei unverwandte Sippen mussten im Germanischen unter alhiz/algiz zusammenfallen und konnten deshalb auch in ihren Bedeutungen, die mit got. alhs (Abwehr) und taciteisch alcis (Elche) beide ins Kultische führen, nicht geschieden bleiben. Der "göttliche Schutz" mag auf diese Weise den Alken noch besonders zugekommen sein. Verständlich ist nun auch, dass der Norden den Namen der Alken aufgegeben hat: auch ihr Kult endet lange vor der eddischen Zeit. Für die Alhiz als ursprüngliche Opferhirsche s. oben S. 135 f. F. ALTHEIM hat bereits früher auf die Truppenwappen der um 410 verfassten Notitia dignitatum eines römischen Ämterverzeichnisses hingewiesen. Dort tragen unter anderem die Cornuti s als Schildzeichen. Da wir früher in dem Zeichen des zwei übereinander stehenden X die älteste Form der ng-Rune ist Kreis, kleines Quadrat, dass in dieser frühen Zeit erhalten sein dürfte. In der Schleife sehen wir vielmehr ein vorrunisches Zeichen der abwehrenden Hände im Gegensatz zum Buchstaben Algiz zeigt das alte Sinnzeichen nur die beiden Geweihe, während es des "Hauptstabes" nicht bedurfte. Der Name Cornuti 'die Gehörnten' stimmt dazu und gibt eine neue Bestätigung der Elchthese. Zugleich weisen wir auf die -- gleichfalls gerundeten -- Formen wie das Zeichen einer Spinne hin, die von bronzezeitlichen Felsbildern belegt werden können. Es darf vermutet werden, dass den Zwillingen das Doppelgeweih bereits in vorrunischer Zeit ebenso zugehörte wie Inguz der Sonnenkreis (dass dieses Doppelgeweih ursprünglich aus zwei Halbsonnen bestanden habe, vermuten wir unter 22. ng). Als die Rune Algiz mit ihrem neutralen Wert z in das Futhark eintrat, musste den Germanen die formale Verbindung deutlich werden. Aus Gründen der Form und des Inhalts hat also Algiz den Elchnamen erhalten und steht nun neben Ansuz, Teiwaz, Wulthuz und Inguz als Name einer germanischen Gottheit. Zu ezec dem Namen des got. in Salzburg äußern wir uns unter Nummer 26.

 

16. Sowilo s: Germ. sowelu 'Sonne'. Salzburg: syjzil ist aus älterem sugil umgeleitet. Entrundet liegt es im sijgel des Runenliedes und -- meist zu sigi entstellt -- in Sankt Gallen usw. vor. Demgegenüber sowelu in Leiden soulu, Abc Nord: sol, isl. und norw.: söl. Got. sugil in Salzburg ist deutlich ein englisches Wort; es müsste got. sauil sein. Schon WULFILA kennt ein zweites Wort für "Sonne"; got. sunno für und sunnö n. oder sunna m.; es entspricht dem allgemein westgermanischen dt. Sonne. Die sunnö - Formen des Gotischen will VON FRIESEN auf westgermanischen Einfluss auf dem Festland zurückführen; das Wort "Sonne" sei eine westgermanische Neubildung. Dass die Rune nicht mit sunna, sondern mit dem alten Nord- und Ostgermanischen Namen benannt sei, gebe einen wertvollen Hinweis auf den Ursprung der Runen (nämlich bei den Goten). Da aber die l-Formen auch dem Westgermanischem angehört und gerade die ingwäonischen Stämme, bei denen die Runen benannt wurden, sie bis in die geschichtliche Zeit bewahrt haben, ist dieses Argument nicht beweiskräftig. Die Sonne ist, wie wir oben S.185 sahen, die zentrale Rune des Futharks. Dass die Formen ihres Namens wechseln, liegt deutlich daran, dass sie abwechselnd als belebt oder unbelebt und vor allem in stets anderen Wirkungen verstanden wurde: sie gibt Licht, Wärme, Fruchtbarkeit, Schutz gegen Dämonen und dgl. Die Forschung ist im allgemeinen nicht geneigt, der Angabe CAESARS, die Germanen seiner Zeit hätten nur sol vulcanus und luna als Götter gekannt, Glauben beizumessen. Gewiss ist die Nachricht einseitig und soll nicht so aufgefasst werden, als seien die Germanen über eine primitive Naturreligion nicht bis zu persönlichen Gottheiten gelangt. Die Formulierung ist genauso übersteigert wie das neque druides habent des gleichen Verfassers. Es liegt CAESAR daran, die Andersartigkeit im Vergleich mit dem Gallischen Druidentum und dem Gallischen Glauben mit seiner Aufspaltung der kultischen Macht (sol), der Fruchtbarkeit (luna) und der kriegerischen Stärke (vulkanus) in lauter persönliche Gottheiten zum Ausdruck zu bringen. Darum hat CAESARS Zeugnis für die germanische Religion in geschichtlicher Betrachtung weit mehr Berechtigung als TACITUS' Aussage (germ. c. 9); deorum maxime Mercurium (i.e. Wodan) colunt. Die Germanen besaßen nur solche Götter, mit denen sie unmittelbar verkehren, d. h.: deren Wirkung sie mit eigener Macht begegnen konnten. Seit der Steinzeit wurde in diesem Raum die Sonne ab - und nachgebildet und durch die Nachahmung die Aneignung ihrer Kraft verbürgt, so dass die Germanen von ihr aperte opibus gesegnet wurden. Noch TACITUS schildert den Amsivaren Boicalus solem inde aspiciens et cetera sidera vocans quasi coram interogabat; und wenn der Priester vor der Losdeutung (germ. c.10) caelum aspicit, dann blickt auch er zur Sonne.

 

17. Tiwaz t. Germ. teiwaz´´Gott Ziu`. Ags.ti Salzburg, St. Gallen usw.; die Hrabanischen Alphabete haben teilweise eingedeutscht zu ziu. Der Name musste sich zu tiw entwickeln, dessen w- anscheinend geschwunden ist. Das Runenlied hat dagegen tir; dazu s. unten. Im Gotischen ist teiws zu erwarten; stattdessen tritt in Salzburg got. tyz auf. Das auslautende -z entspricht dem Brauch der Handschrift s allgemein durch z wiederzugeben (vgl. z. B. daaz, laaz= dags, lagus); beide Zeichen sehen einander in englischer Schrift sehr ähnlich. Der Inlaut scheint von dem angelsächsischen Schreiber verlesen zu sein. got. w, Schriftzeichen las er als y. Das wäre zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis dafür, dass dem Schreiber von Salzburg die gotischen Wörter nicht vorgesprochen wurden. (s. oben9, sondern dass er sie (mit dem gleichen Bemühen der An-Quelle in gotischer Schrift abschrieb. Die gleiche Auffassung des als y scheint den Namen des e, eyz, aus germ. ehwaz (got. aihvs) hervorgebracht zu haben. W. KELLER dachte an. Tyr, älter Tyz, als Grundform des gotischen Namens. Die Gleichheit ist aber nur im Schriftbild verblüffend. Denn -z ist ja s, während das alte -z im Nordischen bereits um 600, also zweihundert Jahre vor Salzburg, in einen Laut R übergegangen war, der dem r näher stand als dem alten z oder gar s (daher auch die englischen yr. s. oben, und tir).Im Abc Nord findet sich unter der Rune Tiwaz eine Lücke, die gewöhnlich mit u (tiu) ausgefüllt sind. BAESECKE schlägt wegen des Runenliedes (s. unten) statt dessen tir vor, aber wir möchten -- zumal wegen Leiden -- nach wie vor an tiu festhalten. Leiden hat (t)iu. in der Umschrift ist wohl das -r nicht versehentlich ausgelassen, sondern der Name ist von einem Niederfranken übersetzt. Dass er auf dem Festland verstanden wurde, beweist HRABAN mit seiner Wiedergabe durch ziu die ´ein höchst bewusstes und so besonders wertvolles Zeugnis für den Gott` darstellt. Die nordischen Lieder haben beide Tyr mit dem bemerkenswerten Zusatz, dass er einhendr ass ´der einhändige Ase` sei. Der Vers des englischen Runenliedes lautet: "t ist der Zeichen eins, hält Treue wohl bei den Edelingen. sind immer auf der Fahrt der Nächte Wolken und trügt nimmer". Das "hält Treue wohl bei den Edelingen" scheint deutlich auf tiw zu weisen; aber die Hand, der wir die Namen beim Runenlied verdanken, schreibt tir, das meist als tir m. ´Ehre` verstanden wurde und auf das sich der Versanfang auch beziehen könnte. Der Fortgang kann auf einen Stern gedeutet werden, der zu Fischer leitet; " vielleicht nach W. GRIMMS geistreicher Vermutung, auf den Mars, dessen Name und astronomisches Zeichen für Mann der Rune Tiwaz entsprach, vielleicht auch weil er ags. tir ´Glanz, Ehre` auf einen glänzenden Stern hinwies". Ags. tyr erinnert aber zu stark an das nordische Tyr, um nicht der Entlehnung verdächtig zu sein. Dass der Dichter des Liedes Tiw aufgegeben hat, kann man auf eine Stufe mit der Umdeutung von jünger stellen. Es zeigt aber zugleich, dass die Redaktion des Runenliedes jünger ist als die Stufe unserer Handschriften mit ihrem ti. Auch os könnte darum bei ALKUIN und seinen Nachfahren noch die Bedeutung `Ase` gehabt haben. Wie W. KELLER freundlichst mitteilte, standen nach dem Widsid Angeln und Dänen in einem nachbarlichen Verhältnis, das auch bereits einen Kulturaustausch mit sich gebracht haben muss. Aus BEDA wissen wir, dass London um 600 ein Handelszentrum war, in dem sich vor der Christianisierung Schiffe vieler Nationen einzufinden pflegten: Wenig später liegt die Gründung Haithabus, das seinerseits den Durchgangsverkehr nach Osteuropa vermittelte. Mit den skandinavischen Schiffen, die damals bereits London anliefen, konnten zu den heidnischen Angelsachsen (es können in unserem Fall ebenso gut die christlichen gewesen sein) auch Runen und Runennamen kommen. um 600 vollzog sich auch der i- Umlaut im Englischen, der mindestens drei neue Zeichen (vgl. oben zu yr) notwendig machte. Unter os (oben 4.a) haben wir englischen Einfluss erwogen, der nach Skandinavien gewirkt hat. In yr und tir sehen wir nun umgekehrt nordische Beeinflussung, iar und ear werden nun hinzutreten. Angesichts dieser Belegfülle scheidet die Möglichkeit, tir könnte doch einen unabhängigen Ersatz durch ags. ´Ehre` darstellen, aus. Die t- Rune trägt den Namen des indogermanischen Himmelsgottes Djeus, der z. B. in lat. deus und Jupiter, ind. Djaus fortlebt. Wir erinnern uns, dass Teiwaz auch auf Negau B erschien: "dem Teiwa mit dem Beinamen Harigast" d. h. "der ein Heer zu Gast hat". Er ist zugleich Schlacht-und Totengott; die Einherier übernimmt der spätere Wodan. Dass Teiwaz auch einst in Wodans Aufgaben als Totengott eingriff, haben wir schon aus dem Zeichen auf der Wandung einer Aschenurne aus Rüsselsheim am Main geschlossen, die dem Kulturkreis der Sweben angehört. Dasselbe Zeichen gibt es als Grabbeigabe sowohl in Bronze wie in Eisen, es lebt bis in die Trauermützen der hessischen Schwalm fort. Eine reinliche Scheidung zwischen Teiwaz, Wodanaz und Wulthuz ist nicht möglich. Denn in der germanischen Götterwelt hat ebenso wie bei den anderen indogermanischen Völkern (z. B. Kronos und Zeus) eine Umschichtung stattgefunden. Dabei ist der Lichtgott (Deiwos) gegenüber den älteren Gottheiten (sie leben in Wodan/ Varuna und Ullr/ Mitra fort) emporgestiegen und hat ihre Bereiche Schritt für Schritt erfüllt, bis die alten Götterfürsten (wie Ullr) abgedankt hatten. Später steht Tyr als Kriegsgott neben Wodan, dem Totengott und Götterfürsten; aber als neuer Dualismus -- jünger als die Runenreihe -- ist nun Donar/Thor neben Ziu/Tyr erstanden. Der jeweilige Stand dieser Machtkämpfe war zweifellos bei den einzelnen germanischen Stämmen verschieden, und die dürftige Überlieferung erhellt uns den Götterhimmel nur durch Streiflichter, ohne ihn doch je gleichmäßig oder gar vollständig auszuleuchten. Es ist beachtlich, dass die Sweben, die nach unserer Ansicht in der Verbreitung der Runenschrift eine bedeutende Rolle spielen, ziuvari "Teiwazverehrer" genannt wurden, weil dieser Gott bei ihnen vor allen Verehrung genoss. Mit seiner Rune beginnt auch Vehlingen, wozu sich die in schriftlich bezeugte Alateivia, wiederum vom Niederrhein gesellt: gerade aus dem mutmaßlich ältesten Verbreitungsgebiet der Runen ist Teiwaz am häufigsten bezeugt. Bei TACITUS findet sich eine germanische Ethnogonie:Tuisconem deum terra editum. ei filium Mannum originem gendis conditoremque, Manno tres filios assignant, e quorum nominibus proximi Ozeano Ingvaenos, medii Heminones, ceteri Istvaeones vocentur. Wenn diese Tuisco eine -isko- Ableitung von Teiwaz ist, nennt diese Ethnogonie anscheinend die gleichen Gottheiten wie das dritte Geschlecht des Futharks: Teiwaz-Mannus-laguz (Oceanus!)-Inguz. Als Totengott war Teiwaz auch Herr aller Fruchtbarkeit, Dann ist es aber gewiß kein Zufall, daß in der Runenreihe Tiwaz und Berkana aufeinander folgen, und über die von uns zunächst als sinnlose Vertauschung feststellte Umstellung von b und u hinaus tun wir nun einen Blick in die inneren Gründe für die Entstehung der Futharkfolge. Die Folge Tiwaz und Berkana stellt also Himmelsgott und Himmelsgöttin dar: denn dieser (die im Norden Frigg heißt) scheint die Birke geweiht gewesen zu sein. Über Tiwaz, Berkana als Fortsetzung bronzezeitlicher Fruchtbarkeitsbräuche s. oben.

 

Auszug aus: Die einzelnen Runen 7-17, Handbuch der Runenkunde, Helmut Arntz, 2007