Das Runengedicht

Drei Versionen der Runengedichte sind bekannt, die wiederum in zahlreichen Variationen überliefert sind. Die Verse waren als Rätsel geschrieben worden, deren Lösung den Namen einer bestimmten Rune enthielt. So musste man Vers für Vers alle Rätsel lösen und hatte schließlich das Runenalphabet gelernt. Zwei Versionen der Runengedichte sind nordischer Herkunft und die dritte ist altenglischer Abstammung. Die Verse sind ähnlich strukturiert, was die Theorie unterstreicht, das sie wahrscheinlich in der Vergangenheit einen gemeinsamen Ursprung hatten. In jedem Vers wird der Name einer Rune in verschiedenen Metaphern (kenningar) zwei- bis dreimal wieerholt. Wer das Rätsel ihrer Bedeutung lösen kann, hat den Namen der Rune gefunden und ihre Bedeutung verstanden.

Das Runengedicht, wird häufig auch das „isländische Runengedicht“ genannt. Die Zahl der Verse entspricht der Anzahl der sechszehn Runen, wie sie im Futhark des 10. Jahrhunderts vorkamen. Das älteste überlieferte Manuskript des Runengedichts stammt aus dem 15. Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatte sich das Alphabet schon um einige Runen erweitert, was darauf schließen lässt, das die Runenverse selber älteren Ursprungs sind und wahrscheinlich dem Futhark der Wikingerepoche entsprechen. Die zweite Version des Runengedichts ist in einem Manuskript aus dem 13. Jahrhundert überliefert und wird wegen der Schreibweise dieser Handschrift auch das „norwegische Runengedicht“ genannt. Doch ist der Ursprung auch dieser Version wohl weit früher zu datieren. Beide Versionen (nordischen Ursprungs) basieren auf den sechszehn Buchstaben des Futharks der Wikingerepoche. Die dritte Version der Runengedichte ist altenglischer Abstammung und basiert auf dem angelsächsischen Runenalphabet, das sich schon im 11. Jahrhundert, aus dem das ältere Manuskript stammt, bedeutend vom Futhark der Wikinger unterschied.

 

Im Zusammenhang mit den Runen wird häufig auch das Runatal (-ruenatal) aus der eddischen Versammlung Havamal (-haevamael) erwähnt. Wie schon der Name „Aufzählung der Runen“ zu erkennen gibt, werden im Runatal die Runenzeichen aufgezählt und gedeutet, doch handelt es sich hierbei nicht um die Runen des Futharks sondern wahrscheinlich um magische Runen. Ein weiteres eddisches Lied, unter den Namen Sigurdrifumal bekannt, befasst sich mit den Runen und der magischen Kraft, die ihnen innewohnt. Hierzu gehören unter anderen Runen mit Namen wie Siegrune, Denkrun, Metrun und Hilfsrune, doch nur wenige Runen des Futhark wie Naud werden mit ihrem richtigen Namen genannt.

 

Die Runennamen

Jeder Vers beginnt mit dem Namen einer Rune, und in jeder der drei Zeilen wird die Rune gleich einem Rätsel metaphorisch umschrieben. Es mag früher ein beliebtes Vergnügen vor dem Schlafen gewesen zu sein, die Verse zu rezitieren.

 

Was ist des Reiters Glück und rasche Reise, doch der Mähre Mühe?“ Die Antwort ist: die Rune Reid (Reiten).

Was ist die Fessel des Flusses und First der Wogen und Grab der Geweihten?“ Die Antwort ist: die Rune Is (Eis).

 

Sei es, das die Verse helfen sollten, die Runen auswendig zu lernen oder als Rätselspiel zum Vergnügen dienten, die Runenverse verloren auch später, lange nachdem das lateinische Alphabet die Runen abgelöst hatte, nicht ihre Beliebtheit. Auf diese Weise vermochten die Runen viele Jahrhunderte zu überstehen und konnten bis zum heutigen Tag bewahrt bleiben.

 

 

Fe ist der Freude Zwist und Feuer der Meere und des Lindwurms Lager (Feuer der Meere = Gold; Der Lindwurm liegt der Sage nach auf Gold.)
Fe ist der Freude Zwist und Feuer der Meere und des Lindwurms Lager (Feuer der Meere = Gold; Der Lindwurm liegt der Sage nach auf Gold.)
Ur ist der Wolken Weinen und das Weh des Heues und des Hirten Hader
Ur ist der Wolken Weinen und das Weh des Heues und des Hirten Hader
Thurs ist der Frauen Furcht der Felsenhüter und der Herr der Hünin
Thurs ist der Frauen Furcht der Felsenhüter und der Herr der Hünin
As ist der Allvater von Asgard der König und Wächter von Walhall
As ist der Allvater von Asgard der König und Wächter von Walhall
Reid ist des Reiters Glück und schnelle Reise doch der Mähre Mühsal
Reid ist des Reiters Glück und schnelle Reise doch der Mähre Mühsal
Kaun ist der Kinder Weh und des Kriegers Zeichen und Hort faulenden Fleisches
Kaun ist der Kinder Weh und des Kriegers Zeichen und Hort faulenden Fleisches
Hagall ist das kalte Korn und Kristallschauer und der Schlange Sterbekreuz
Hagall ist das kalte Korn und Kristallschauer und der Schlange Sterbekreuz
Naud ist Marter der Magd und mühsame Qual und elendes Übel
Naud ist Marter der Magd und mühsame Qual und elendes Übel
Is ist des Flusses Fessel und First der Wogen und Grab der Todgeweihten
Is ist des Flusses Fessel und First der Wogen und Grab der Todgeweihten
Ar ist Segen der Sennen und guter Sommer und üppiger Acker
Ar ist Segen der Sennen und guter Sommer und üppiger Acker
Sol ist das Schild der Wolken und strahlendes Rad und Erzfeind des Eises
Sol ist das Schild der Wolken und strahlendes Rad und Erzfeind des Eises
Tyr heißt der einhändige Ase -Allvater der Tempel den Arm Fenrir fraß
Tyr heißt der einhändige Ase -Allvater der Tempel den Arm Fenrir fraß
Bjarkan ist der belaubte Ast und kleine Busch mit dem starken Stamm
Bjarkan ist der belaubte Ast und kleine Busch mit dem starken Stamm
Madur ist des Menschen bester Gesell und Meister im Schiffbau doch am Ende wird Erde zu Erde
Madur ist des Menschen bester Gesell und Meister im Schiffbau doch am Ende wird Erde zu Erde
Lögur ist der plätschernde Bach und die brodelnde Quelle und Lebensfeld der Fische
Lögur ist der plätschernde Bach und die brodelnde Quelle und Lebensfeld der Fische
Yr ist gebeugt wie der Bogen und bräuchlich im Kampf und Pfeile verfeuert
Yr ist gebeugt wie der Bogen und bräuchlich im Kampf und Pfeile verfeuert

Fe ist der Freude Zwist und Feuer der Meere und des Lindwurms Lager (Feuer der Meere = Gold; Der Lindwurm liegt der Sage nach auf Gold.)

Ur ist der Wolken Weinen und das Weh des Heues und des Hirten Hader

Thurs ist der Frauen Furcht der Felsenhüter und der Herr der Hünin

As ist der Allvater von Asgard der König und Wächter von Walhall

Reid ist des Reiters Glück und schnelle Reise doch der Mähre Mühsal

Kaun ist der Kinder Weh und des Kriegers Zeichen und Hort faulenden Fleisches

Hagall ist das kalte Korn und Kristallschauer und der Schlange Sterbekreuz

Naud ist Marter der Magd und mühsame Qual und elendes Übel

Is ist des Flusses Fessel und First der Wogen und Grab der Todgeweihten

Ar ist Segen der Sennen und guter Sommer und üppiger Acker

Sol ist das Schild der Wolken und strahlendes Rad und Erzfeind des Eises

Tyr heißt der einhändige Ase -Allvater der Tempel den Arm Fenrir fraß

Bjarkan ist der belaubte Ast und kleine Busch mit dem starken Stamm

Madur ist des Menschen bester Gesell und Meister im Schiffbau doch am Ende wird Erde zu Erde

Lögur ist der plätschernde Bach und die brodelnde Quelle und Lebensfeld der Fische

Yr ist gebeugt wie der Bogen und bräuchlich im Kampf und Pfeile verfeuert

Auszug aus, Ein Kleines Buch über die Runen, B.Jonasson, 2002, S. 9 ff