Im 2. Jh. n. Chr. schaffen Schriftkundige ein geheimnisvolles Zeichensystem: Die Runen. Nur einige Edle beherrschen es. Bis heute rätseln Forscher, wie genau es entstand - und was viele der Botschaften bedeuten.

Der Mann hat den Kamm aus einem Geweih sägen lassen. Nun nimmt er wohl selbst sein Messer, ritzt seinen Namen - Harja - in den Kamm und hinterlässt mit dieser Runen-Inschrift um 160 n. Chr. das älteste erhaltene Schriftzeugnis eines Germanen.

 

Harja ist vermutlich ein Krieger. Sicher kein einfacher Fußsoldat, denn da er die Runenschrift beherrscht, muss er aus einer angesehenen Familie stammen. Vielleicht hat er sich - wie viele junge Germanen - dem Heerführer eines fremden Kriegerverbandes angeschlossen, um Ruhm und Ansehen zu gewinnen; vielleicht aber zieht er aber auch für seinen eigenen Stammesfürsten in den Krieg.

 

Harja trägt den Kamm an seinem Gürtel, als er in eine Schlacht geht - und nicht mehr zurückkehrt: Denn in jenem Kampf muss er gefallen sein. Die triumphierenden Gegner opfern den Kamm des getöteten Kriegers zusammen mit Tausenden erbeuteten Waffen: Sie versenken ihn in einem See, ihrer Kultstätte zum Dank für den Beistand der Götter. Erst rund 1.700 Jahre später, 1865, wird der Kamm in dem längst zum Moor gewordenen See auf der dänischen Insel Fünen wiedergefunden, von dem Archäologen Conrad Engelhardt.

 

Harjas Taten sind längst vergessen. Niemand weiss mehr, wie viele Männer er erschlagen, wie viele Hütten er angezündet, wie viele Schwerter er zu Lebzeiten erbeutet hat. Was von ihm bleibt, sind die Runen auf dem Kamm, nur 1,4 cm hoch. Sie öffnen den Blick auf die geheimnisumwitterte Entwicklung der germanischen Schrift.

 

Die Germanen hatten keine Bibliotheken. Von ihnen sind keine Gesetzestexte überliefert, keine Verträge, keine Briefe. Nur Runen. Für Forscher ein kostbarer Schatz: Denn die Zeichen sind die einzigen schriftlichen Quellen, mit denen die Germanen von sich Zeugnis geben.

 

Als Conrad Enggelhardt 1865 in dem Moor Vimose auf Fünen forscht, beschäftigen sich gelehrte Männer bereits seit drei Jahrhunderten mit der germanischen Schrift. Probleme mit dem Entziffern gibt es nicht- anders als bei den ägyptischen Hieroglyphen ist das Wissen um die Runen in Skandinavien nie verloren gegangen.

 

Engelhardte Zeitgenossen in Dänemark kopieren Inschriften hocken mit Zeichenblöcken vor mächtigen Steinen in die Wikinger Runen gemeißelt haben. Das Wort "Rune" verwenden Gelehrte seit dem 17. Jahrhundert, angelehnt an den altgermanischen Wortstamm rûn, den Begriff für die Schriftzeichen. Der bedeutet gleichzeitig "Geheimnis" und hat sich bis heute in dem Verb "raunen" erhalten. Die Runen ergeben zu Engelhardts Zeit viele Rätsel. Und heute noch beschäftigt Runologen die Frage, wie die 24 Zeichen der Schrift einst entstanden sind.

 

Einig sind sich die Forscher nur darin, dass die Zeichen aus dem Alphabet eines Volkes aus Südeuropa beruhen. Aber auf welchem? Dem nordetruskischen Alphabet, das in den italienischen Alpen geschrieben wurde? Dem griechischen? Oder dem lateinischen, das römische Soldaten mit nach Mitteleuropa brachten?

 

Keine der Theorien hat sich bisher beweisen lassen. Wahrscheinlich aber war es so: Zwischen der Zeitenwende, etwa 150 n. Chr. entwickeln Germanen im heutigen Dänemark und Schleswig- Holstein die Runen (dort wurden die meisten der frühen Inschriften gefunden). Die ersten Schreiber gehören zur gebildeten Oberschicht- und sie stehen in Kontakt mit den Römern.

Um kostbaren Bernstein einzutauschen, fahren römische Schiffe regelmäßig von den Provinzen am Niederrhein an der Küste entlang durch den Skagerrak bis an die westliche Ostsee. Die germanischen Stammeshäupter in Dänemark und Schleswig- Holstein kommen so in den Besitz römischer Waren, Münzen und Gefäße.

 

Die fremden, kostbaren Gegenstände heben das Ansehen ihres Besitzers; wer sich römischen Schmuck und römisches Tischgeschirr leistet, zeigt seine Macht.

Außerdem lernen germanische Krieger als Söldner in den kaiserlichen Heeren die römische Kultur kennen. Handwerker schaffen Bronzestatuen, die kleinen römischen Götterfiguren ähneln, siegreiche Heerführer veranstalten wohl Triumphzüge wie die Römer.

 

Vor allem aber entdecken die Germanen auf diese Weise etwas, das ihnen bisher völlig fremd war: Schrift. Manch einer, der mit den Römern zu tun hat, lernt bald Latein. Und begreift, wie ein Alphabet funktioniert. Laute werden in Zeichen umgewandelt.

 

Doch die lateinische Schrift ist für die Sprache der Römer geschaffen. Einige Laute des Germanischen lassen sich mit ihren Buchstaben nicht wiedergeben: So kennt der Römer kein "th".

Für diesen Laut entwickelten Schriftkundige nun die Rune thurisaz. Andere Zeichen ähneln lateinischen Buchstaben, etwa das R, das S und das B, welche die gleichen Laute im Germanischen bezeichnen. Doch die Schöpfer der Runen wollen sich offenbar nicht mit einer abgewandelten fremden Schrift begnügen. Sie wollen mehr: ein eigenes Alphabet. Und so erfinden die Germanen für einige Laute wie A, D und N, die beide Sprachen gemein haben, neue Zeichen. Außerdem ändern sie wohl absichtlich die Folge der Buchstaben, um sich vom Alphabet der Römer abzugrenzen.

 

Vermutlich dauert es mehrere Jahrzehnte, die Runenschrift zu entwickeln. Eine Gewandspange aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., gefunden in Schleswig-Holstein könnte ein Zeugnis dieser Entstehungszeit sein.

Vier Buchstaben sind in die Spange eingestochen. Die Zeichen lassen sich in eine Richtung als die lateinischen Schriftzeichen I, D, I und N lesen, in die andere als Runen oder als Vorläufer von Runen (sollten es sich bei diesen Zeichen tatsächlich um Runen handeln, so wären sie sogar noch deutlich älter als die Buchstaben auf Harjas Kamm).

 

Sind sie das Werk eines frühen germanischen Schreibers? Handelt es sich um ein gezieltes Wortspiel mit beiden Schriften? Oder hat die Inschrift mit Runen überhaupt nichts zu tun?

Nur so viel ist klar. Um 160 n. Chr. verfügen die Germanen über einen neuen Schatz - 24 Zeichen mit denen sich Worte in Holz, Metall und Steine ritzen oder meißeln lassen. Nicht für Feder und Tinte sind die Schriftzeichen gemacht, nicht für schwungvolles Schreiben auf Pergament. Mit ihren geraden Linien sind sie geschaffen, um sie einzugravieren: in Lanzenschäfte, Werkzeuge, Findlinge. Auf Gold, Silber, Bronze und Eisen. Auf Knochen, Geweih und Holz.

 

Writan nennen die Germanen das neue Handwerk eine mühevolle Kunst (an die das englische "to wtite" und das deutsche "ritzen" erinnern). Die germanischen Stämme Mittel- und Nordeuropas hinterlassen bist etwa 750 n. Chr. nur kurze Inschriften, insgesamt wenige Hundert, keine von ihnen länger als einige Sätze.

 

Auszug aus:GEO Epoche: Die Germanen, S. 97 ff.