Moorszene
Moorszene

Wenige Zeugnisse berichten eindrucksvoll von Leben und Sterben der Germanen wie einige ihrer Toten- einst die Opfer geheimnisvoller Rituale, über Jahrhunderte im Moor konserviert.

 

Die Schritte der Männer federn weich auf dem Boden des Moores. Tastend setzen sie einen Fuß vor den anderen in die Moospolster. Vorsichtig. denn sie wissen um die Tücken des Geländes. An jenem Tag, wohl einige Hundert Jahre nach der Zeitenwende wagen sie sich immer weiter vor auf den unsicheren Grund eines Hochmoores in Holstein. Offenbar haben sie keine andere Wahl.

 

Einer von ihnen wird nicht zurückkehren, ein Mann, hellhäutig, blond, bärtig, 1.65 Meter groß, etwa 30 Jahre alt. Das volle Haupthaar trägt er nach der Sitte der Freien und Adeligen zu einem kunstvollen Knoten verschlungen. Seine Hände verraten, dass er nie hart und schwer hat arbeiten müssen. Am Ziel angekommen entkleidet er sich, löst die Riemen seiner Schuhe, zieht sie aus, legt Gürtel, Hose und wohl auch einen Umhang ab. Bis auf einen Wollfaden, den er um den linken Knöchel geknotet trägt, steht er nun entblößt vor den Männern.

 

Sind es Krieger? Gut möglich, dass auch ein Priester darunter ist. Ein Mann, der die Rituale kennt und mit höheren Mächten in Verbindung treten kann. Vielleicht hat sich ein Stammeshäuptling der Prozession angeschlossen. Doch belegen lässt sich das nicht.

 

Denn was nun an diesem entlegenen Ort fern der nächsten Siedlung geschieht, davon kündet nur die Leiche des Mannes, der im Moor die Jahrhunderte überdauern wird. Erst 1959 legen Strafgefangene seinen geschundenen, nackten Körper beim Torfstechen im Großen Moor nördlich von Neumünster frei. Er hat auffallend gepflegte Finger und Fußnägel. Und ihm fehlt der Kopf. Den entdeckt ein Vorarbeiter erst ein halbes Jahr später, rund drei Meter vom Torso entfernt. Wahrscheinlich gehören Kopf und Körper zusammen, beweisen lässt sich aber auch das nicht.

 

Der "Mann von Dätgen", wie ihn die Forscher bald nennen, kommt ausnahmsweise um. De erste Messerstich trifft ihn oberhalb der rechten Hüfte, der nächste in die Brust, ein weiterer ins Herz. Stirbt er daran? oder erst nachdem ihn einer der Männer mit einem großen Messer kastriert und dabei ein Stück Bauchdecke abgetrennt hat? Lebt das Opfer womöglich sogar noch, als die Henker mehrmals erfolglos versuchen, ihm den Kopf vom Rumpf zu schlagen, ehe die Enthauptung dann endlich gelingt? Sicher ist. Sie legen den Körper des Toten in eine natürliche, mit Moorwasser gefüllte Mulde.

 

Anschließend stecken sie die Leiche fest, rammen links und rechts 1.50 bis 2.50 Meter lange angespitzte Birkenpfähle schräg über den Körper in den Torf.

 

Einen weiteren Pfahl setzen sie aufrecht zwischen die Oberschenkel. Wohl als Zeichen für die Lebenden, diesen Ort zu meiden. Den Kopf sichern die Männer mit drei sich überkreuzten Birkenknüppeln. Erst jetzt, so steht zu vermuten, haben sie ihre Aufgabe vollendet.

 

Was nur hat der Mann angestellt, dass er so sterben musste? Dass ihn die Menschen offenbar selbst noch als Toten fürchteten? Oder hat er vielleicht eine Notlage- Kälte, Hunger, Seuche, Krieg- seinen Tod als Opfer verlangt? In dem Jahrtausend um die Zeitenwende, als die Germanen um die Bearbeitung des Eisens lernen und mehr und mehr mit den Römern in Kontakt geraten, legen vor allem die Völker in den Ländern an den Gestaden der Nordsee immer wieder die sterblichen Überreste von Männern, Frauen, Kinder in Mooren oder sumpfartigen Seen nieder. Hunderte solcher Leichen sind bislang gefunden worden: in Dänemark, Schleswig- Holstein, Niedersachsen, den Niederlanden, auf den Britischen Inseln.

 

Die meisten wurden zwischen 500 v. Chr. und 500 n. Chr. in ihre nassen Gräber gebettet: In einer Zeit, in der es eigentlich üblich war, Leichen auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen, und anschließend die Gebeine aus der Asche zu sammeln und in einer Urne zu bestatten. Nur Höhergestellte wurden manchmal unversehrt in Körpergräbern und Grabhügeln beigesetzt- doch stets auf festem Boden.

 

Von den Menschen im Moor dagegen kam kaum einer auf natürliche Weise um.

 

So wurde die "Frau von Elling" aus einem Moor in Jütland vermutlich gehängt. Dem ebenfalls auf dem dänischen Festland gefundenen "Mann von Grauballe" zertrümmerten seine Peiniger das linke Schienbein und schnitten anschließend die Kehle von Ohr zu Ohr durch, bis auf die Wirbelsäule reicht die Wunde.

 

Das "Mädchen von Yde" aus den Niederlanden wurde mit einem mehr als zwei Meter langen Wolfband stranguliert. Und der "Frau von Borremose" aus dem Norden Jütlands zertrümmerten ihre Totengräber das Gesicht, skalpierten sie vielleicht sogar. Andere Leichen hatten gebrochene Beine und Arme, eingeschlagene Schädel. Stichverletzungen. Weshalb aber wurden ihre Körper nicht wie üblich verbrannt?

 

Waren diese Germanen Verbrecher, die hingerichtet und fern der Friedhöfe und Siedlungen bestattet werden mussten? Oder Opfer an die Götter? Oder Beides?

 

Handelte es sich bei ihnen vielleicht um ungewöhnliche Menschen, vor denen sich die Gemeinschaft fürchtete - möglicherweise, weil sie besonders mächtig waren?

 

Woran glaubten die Germanen?

 

Welche Götter verehrten sie? Welche Mächte gab es für sie zwischen Himmel und Erde? Und wie ließ sich mit diesen Mächten Kontakt aufnehmen? Kult und Religion der germanischen Stämme liegen noch weitgehend im Dunkel verborgen. Doch finden sich in einigen alten Quellen Hinweise auf die Götter und Glaubenswelt der Germanen. Vergleichsweise viele Informationen gibt der römische Historiograph Tacitus in seiner Schrift "Germania" aus dem Jahr 98 n. Chr. Zusammen mit den archäologischen Funden von Götterbildern. Opfergaben und Heiligtümern liefern diese schriftlichen Indizien ein schemenhaftes Bild davon, was sich einstmals abgespielt haben mag in Hainen, Sümpfen und Mooren, an Seen, Flüssen und Quellen.

 

Moore flößten den Menschen im norden Europas seit alters her Ehrfurcht ein. Dort, wo Irrlichter leuchteten, unerklärliche Nebel sich bildeten und fleischfressende Pflanzen gediehen, waren die Mächte der Natur spürbar nah, verschmolzen die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Sphäre der Götter. Schon in der Jungsteinzeit hatten Menschen viel mehr als fünf Jahrtausenden in vermoorenden SeenTongefäße und Beile niedergelegt, als Dank wohl an die Mächte der Natur, für gute Ernten. Oder als Bitte um die Fruchtbarkeit von Feldern und Vieh. Seen und Moore dienten auch den Germanen als Kultstätte. Während in Rom mächtige Kaiser und das Volk am Tiber Göttern wie Merkur, Mars und Diana in marmornen Tempeln huldigten, verehrten die Germanen ihre göttlichen Mächte unter offenem Himmel.

 

Bei Oberdorla im heutigen Thüringen etwa grenzten zu jener Zeit Ruten, Stangen und Flechtwerkzäune mehr als zwei Dutzend kleine heilige Bezirke am Ufer eines Moorsees. Mehr als 1000 Jahre lang, bis etwa 600 n. Chr. brachten die Menschen auf den Kultplätzen rund um den See und an nahe gelegenen Quellen Opfer dar. So zumindest haben es Archäologen später rekonstruiert.

 

Generationen lang legten die Germanen in Oberdorla menschliche Gebeine nieder. Schädelkalotten. Unterkiefer. Wirbel. Rippen. Oberschenkelknochen. Schienbeine. Oberarmknochen- Ellen. Speichen.

 

Männer, Frauen und Kinder starben dafür den Opfertod. Das jüngste Kind war anderthalb bis zwei Jahre alt. Der älteste Erwachsene über 45. Einigen hatten die Teilnehmer an den Opferriten vermutlich die Knochen geöffnet und das Mark herausgesogen. Über einen Zeitraum von 1200 Jahren deponierten die Germanen von Oberdorla die Knochenreste von etwa 40 Menschen mit ihren Heiligtümern am Ufer des Sees. Ganz möglich, dass manche der Astgabel- und Pfahlbildnisse auf ihren aus Erde und Ruten errichteten Altären inmitten der heiligen Bezirke ganz bestimmte Gottheiten meinten: Einige dieser Idole zeigen ein einfaches menschliches Gesicht mit Augen, Nase und Mund.

 

Bei anderen deutet nur eine große Kerbe rund um den oberen Teil des Holzes an, dass dieser Pfahl eine Person mit Kopf darstellen sollte. Ritzungen im Winkel zahlreicher Astgabeln verraten das weibliche Geschlecht mancher Gottheiten.

 

Niemand kann heute sagen, mit welchem Namen die Germanen diese Idole angesprochen haben. Benutzten sie für die hölzernen Bildnisse das Wort ans- "Balken"? Stammt daher das altnordische ás für "Gott"?

 

Erhalten sind nur die Relikte von Heiligtümern und Opfergaben, nicht aber die Gesänge. Tänze und Ritualsprüche, die die heiligen Bezirke erfüllt haben mögen. Damals ragten von Tierschädeln bekrönte, hölzerne Stangen auf den Heiligtümern. Zu ihren Füßen legten die Teilnehmer der Zeremonie Gaben an jene Gottheit ab, als deren Darstellung die Stange galt, dort wurden vermutlich die Opfertiere festgebunden. Vielleicht führte ein Priester die tödlichste Waffe.

 

Und außerhalb der im Durchmesser nur wenige Meter großen Heiligtümer, vermutlich mit einem nahegelegenen heiligen Hain oder am Ufer des Sees, zelebrierten die Menschen anschließend den Höhepunkt der rituellen Feier, das gemeinsame Opfermahl, bei dem sie das Fleisch der Tiere verzehren. Die Gebeine der Opfer blieben in den heiligen Bereichen der Götter.

 

Unzählige Tierknochen fanden Archäologen dort: von Rindern. Pferden. Schafen. Ziegen. Hunden. manchmal auch von Wisenten. häufig dagegen von Hechten oder anderen Fischen. Dazu Gefäße aus Holz und gebranntem Ton, Hämmer oder Wurfhölzer. Selten legten die Germanen bei Oberdorla Waffen nieder. Ganz anders in schleswig-holsteinischen Thorsberger Moor: Hier versenkten Menschen vom Stamm der Angeln zwischen 200 und 400 n. Chr. die Rüstungen und Waffen von insgesamt rund 300 Kriegern in einem mit Flechtwerk abgetrennten Teil des Sees - vermutlich als Dank für den mehrfachen Triumph über ihre Feinde. Denn erst was im Wasser oder im Moor versank, was also die Welt der Menschen verließ, gehörte den jenseitigen Mächten. Die Gabe selbst sollte die Verbindung zwischen des Sphären herstellen. Mit ihrer Hilfe erbaten die Germanen von den Göttern Beistand oder bedankten sich für deren Unterstützung.

 

Auch in mehreren Mooren Jütlands fanden Archäologen Überreste von Waffenopfern: unbrauchbar gemachte Schwerter, Schilde und Rüstungen in großer Zahl. Damit das Opfer gelang, musste die Gabe offenbar zerstört werden: um so keinem irdischen mehr von Nutzen zu sein. Deshalb empfingen die Götter in Mooren, Seen und Teichen oftmals zertrümmerte Schätze: Waffen, Kettenhemden, Gefäße aus Keramik, Bronze und Silber, Gold - und Bronzeschmuck, Wagenteile, Ackergerät. Aber auch Butter in Holzgefäßen, Münzen, Kleidung, Holzfiguren, Wollknäuel und Menschenhaar. Manchmal deponierten die Menschen die Bilder der Götter im Moor - wie die beiden über zwei Meter hohen Astgabel - Idole aus dem Aukamper Moor unweit von Eutin. Doch diese Figuren wurden nicht geopfert und auch nicht beschädigt. Eher scheint es, als habe man sie fürsorglich im Torf bestattet. Auch ihre Häuser stellten die Germanen unter den Schutz höherer Mächte: Tote Hunde unter Türschwellen sollten vermutlich als magische Wächter die Heimstadt vor allem Bösen bewahren. Haustier - und Speiseopfer unter dem Herd den Hunger vom Haus fernhalten.

 

Die Menschen glaubten zudem an die Wirkkraft bestimmter Bäume und deren Hölzer, an Geister und Magie. Schützten sich mit Amuletten aus Bernstein, Tierzähnen oder Haaren. Und als schließlich die Runenschrift erfunden war, schrieben gelehrte Germanen häufig magische Sprüche und Zauberformeln auf heilige Steine oder ritzten sie in ihre Waffen. Inschriften späterer Zeit ermahnten die Toten, in den Ruhestätten zu bleiben - offenbar hatten die Menschen Angst vor Wiedergängern, die die Lebenden heimsuchen. Die skandinavische Sagenliteratur des Mittelalters berichtet mehrfach von solchen Untoten - und dass die Lebenden deren Leichen verstümmelten, um die bösen Geister unschädlich zu machen. Ist der Mann von Dätgen also erstochen, kastriert und enthauptet worden, weil die Dorfgemeinschaft, der Stamm oder der Stammesverband in ihm womöglich einen Wiedergänger sah, einen Untoten? Glaubten sie, eine mehrfache Tötung des Mannes würde sie vor dessen Rückkehr bewahren? Weshalb sonst hätten sie seinen Torso und seinen Kopf getrennt voneinander sorgfältig mit Birkenhölzern im Boden festgesteckt? Sind also manche der Moorleichen Zeugnisse einer ausgeprägten Totenfurcht? Immer wieder haben Germanen die Körper von Toten im Moor mit Steinen beschwert, mit Torfsoden und Buschwerk bedeckt oder mit Knüppeln fixiert. Selten aber ist eine dieser Leichen so deutlich an der Wiederkehr gehindert worden wie der "Junge von Kayhausen" aus einem Moor in Niedersachsen.

 

Irgendwann in der Zeit vor Christi Geburt wurde der 7,5 Jahre alte Knabe durch Dolchstiche in den Hals getötet. Die Täter zerrissen vermutlich seine Wollkleidung, banden ihm damit die Arme auf dem Rücken zusammen, knoteten die verbleibenden Enden um den blutigen Hals. Eine weitere Fessel legten sie ihm wie einen Schal um, führten sie durch die Beine hindurch und am Rücken wieder hoch. Mit dem Pelzumhang des Knaben aus Kalbsfell umwickelten sie Füße und Beine. Schließlich legten sie den Leichnam auf ein nasses Torfmoospolster und drückten ihn in das Moor, bis er nicht mehr zu sehen war.

 

Gut möglich, dass die Leiche des Jungen derart verschnürt schlicht einfacher zu transportieren gewesen war. Was aber, wenn die Menschen sich von dem siebenjährigen bedroht fühlten? Ihn deshalb töteten und auch an der Wiederkehr hinderten?

 

Röntgenaufnahmen des Skeletts legen nahe, dass der Knabe kaum normal gehen konnte - galt also auch hier, was Historiker in zahlreichen anderen Fällen vermuten: dass die Menschen große Angst hatten vor der Rückkehr von toten Behinderten, Selbstmördern, Opfern von Verbrechen oder zu ihren Lebzeiten besonders mächtigen Anführern? Weshalb aber verbrannten die Germanen die Leichen dieser angeblich so gefährlichen Zeitgenossen nicht einfach, wie es der herrschende Brauch war? Befürchteten sie möglicherweise mit dem Rauch des lodernden Scheiterhaufens könnte sich auch der Wiedergänger in alle Winde zerstreuen und seine Seele sie noch viel leichter heimsuchen? Mussten die Leichen vielleicht deshalb versenkt, zum Teil sogar festgesteckt oder beschwert werden, damit diese Seele im Körper gefangen blieb? Oder wollte man mit Hilfe der Pfähle und Steine schlicht das Auftreiben der Körper an die Oberfläche verhindern. Wurden die Leichen also aus einem ganz anderen Grund verstümmelt, aber eben nicht ganz zerstört?

 

Der Römer Tacitus berichtet in seinem Buch, die Germanen hatten "Feiglinge und Kriegsscheue Unzüchtige" in "Schlamm und Sumpf" versenkt und "Flechtwerk" über sie geworfen. Das schandhafte Verhalten dieser Menschen habe nicht nur bestraft werden müssen, sondern sollte auch verborgen bleiben.

 

Dagegen aber spricht, dass die Kinder aus dem Moor wie der Kayhauser Junge oder das höchstens dreijährige "Mädchen von Röst" aus Schleswig- Holstein schwerlich wegen Feigheit vor dem Feind oder Unzucht bestraft worden sein können.

 

Und auch die früher vertretene Theorie, dass es sich bei den Moorleichen um Verbrecher gehandelt habe, die zur Sühne der Tat bestimmten Gottheiten geopfert worden seien, lässt sich deshalb nicht mehr halten. So mögen germanische Stammesangehörige den einen oder anderen Menschen, dessen Leiche das Moor bewahrt hat, wahrlich als Wiedergänger gefürchtet haben.

 

Doch das gilt sicher nicht für alle Moorleichen. Etliche Indizien sprechen dafür, dass andere Tote im Sumpf nicht wegen Taten oder Gebrechen hingerichtet wurden, sondern Gaben waren an die göttlichen Mächte. So wurden sie beispielsweise wie Speise- oder Getränkeopfer im morastigen Grund versenkt und mit Steinen und Ästen beschwert. Vermutlich mussten sie zum Heil der Gemeinschaft sterben; als Opfer für fruchtbare Äcker oder Frieden.

 

Manche der Toten gehörten möglicherweise dem Adelsstand an - und die mittelalterliche Sagenliteratur Skandinaviens berichtet häufig von einem Herrscheropfer in höchster Bedrängnis. So war der Mann von Dätgen mit einiger Sicherheit einst ebenso ein edler Herr wie der fein rasierte "Mann von Tollund", der um 375 v. Chr. stranguliert und in einem jütländischen Moor bestattet wurde.

 

Und wie die Waffen feindlicher Krieger in den Opferseen, so wurden auch die Körper der den Göttern dargebrachten Menschen zerstört. Grausam verstümmelt endeten de Toten dann im Moor -, dort wo die jenseitigen Mächte den Germanen so nah waren wie wohl nirgends sonst.

 

Um 500 n. Chr. aber verloren Quellen, Seen und Moore mehr und mehr ihre kultische Bedeutung. Und die ursprünglich als einfache Holzidole dargestellten Gottheiten erhielten nach und nach eine konkretere Gestalt. Immer häufiger opferten die Menschen ihnen nun auf festem Grund. In dieser Zeit fertigten die Germanen in Südskandinavien, aber auch in Norddeutschland kostbare Amulette an: goldene Schaumünzen, die römische Kaisermedallions nachempfunden waren. Mit diesen Amuletten erbaten die Menschen nun den Schutz eines ganz bestimmten Gottes. Denn viele zeigen das Antlitz eines Mannes im Profil: vermutlich den Göttervater, den die Skandinavier Odin nannten. Er war der oberste Heiler. Wohl deshalb wurden zuweilen auch Zauberwörter wie "Heil", "Schutz", "Einladung" oder "Furcht" in die Amulette geprägt. Bald schon huldigten skandinavische Germanenfürsten ihrem himmlischen Patron Odin in großen Hallenhäusern, verehrten seine Familie, beschenkten ihn mit Figuren aus feinstem Goldblech.

 

Dieser Glaube an den einen Hauptgott bereitete auch den Weg für das Christentum, das Missionare schließlich in die Gebiete zwischen Nordmeer und Alpen trugen. Moore und Sümpfe aber bewahrten ihre mystische Aura über die Jahrhunderte. Als Orte schauriger Legenden und rastloser Seelen.

 

Bis auf den heutigen Tag.

 

Auszug aus:Geo-EPOCHE, Die Germanen, S. 50 ff.